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Patricia Highsmith in Berlin.
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Patricia Highsmith in Berlin.

Patricia Highsmith

Irgendetwas stimmt da nicht

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Frühe Geschichten von Patricia Highsmith, die eine früh reife Erzählerin des Unheimlichen war und jetzt 100 geworden wäre.

Sie hatte wahrhaftig eine gnadenlose, eine böse Fantasie, die junge Frau – am berühmtesten wurde später ihre mörderische Fantasie, die den Namen Tom Ripley in alle Welt trug. Das getriebene, hoffnungsvolle, ratlose Tun ihrer Figuren berührt aber auch, dieser Menschen, die einfach nicht aus ihrer empfindlichen Haut können. Viele sind einsam. Viele machen sich was vor. Manche sind nur ein bisschen seltsam, andere psychisch krank. Von Anfang an war Patricia Highsmiths Blick auf ihre Mitmenschen durchdringend. Nachsicht war nicht so ihr Ding.

Der Diogenes-Verlag, der sich seit 2002 für eine komplette Highsmith-Werkausgabe um Neuübersetzungen oder Erstübersetzungen bemühte, hat jüngst und pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag „Frühe Stories“ herausgebracht. Darin die 1936/37 geschriebene, so harmlos betitelte Kurzgeschichte „Primeln sind rosa“ der 16-jährigen Mary Patricia Plangman.

Eine Sammlerleidenschaft treibt Mr. Theodore Fleming um, von dem man nicht viel mehr erfährt, sie betrifft berühmte Rennpferde. Euphorisch ist er, als er ein unkoloriertes Bild Sainfoins findet, aber selbstverständlich sollte es noch in den korrekten Farben des Rennstalls koloriert werden – es waren Weiß und „Primel“, erfährt er nach wochenlanger Recherche. „Primel“? Englische Primeln haben ein „blasses Grünlich-Gelb“, sagt das Lexikon. „Rosa“, sagt Mr. Flemings Frau. Der Enthusiast wird nicht mehr froh.

Das Buch:

Patricia Highsmith: Ladies. Frühe Stories. A. d. Engl. v. Melanie Walz, Dirk van Gunsteren, pociao. Diogenes, Zürich 2021. 308 S., 24 Euro.

Am Bahnhof bleibt eine Tasche stehen, die zwei Männern verlockend erscheint („Der Schatz“). Highsmith war 21, als sie die beiden auf eine Verfolgungsjagd schickte – eher ein Verfolgungshumpeln – um Bonbons und Kaugummi. Der New Yorker Taxifahrer Aaron muss raus in die Stille, braucht Ereignislosigkeit, Erholung („Die Morgen des ewigen Nichts“). An einer beliebigen Bahnstation steigt er aus, der Ort spricht ihn an. Und gleich sind auch die Leute so nett. „Wir finden unsere Stadt auch nett“, sagt die Pensionswirtin. Es wäre keine Geschichte Patricia Highsmiths, Mitte 20 beim Verfassen, wenn es so nett bliebe.

Durchaus versuchen ihre Figuren, ihrem kleinen Leben eine andere Wendung zu geben. Aber sie scheitern nicht besser, sie scheitern einfach nur. Sie suchen eine neue Stelle und bringen ihre Dämonen mit („Die Heldin“). Sie piesacken als Lehrerin Scharen von kleinen Mädchen – und keiner sieht das Ergebnis des unbarmherzigen Drills, denn die hohen Schul-Besucher gehen früher („Miss Juste und die grünen Turnanzüge“). Sie sind der „typische Herr an der Bar“ und wissen das auch, wissen um „die völlige Ziel- und Freudlosigkeit ihres Tuns“ („Verwunschene Fenster“). Er spricht trotzdem eine Frau an, der traurige Mann an der Bar, dessen Identität aus „völliger Farblosigkeit“ besteht. Er findet es ja selbst äußerst unwahrscheinlich, dass die Frau nochmal wiederkommen wird.

Sie versuchen ihre Chance zu nutzen, die Menschen in den frühen Stories Patricia Highsmiths, darin sind sie ihrem (allerdings geschickten) Mr. Ripley bereits ähnlich. Aber das Kind, das mit seinen Eltern just umgezogen ist, findet keinen Anschluss. Der junge Mann, der doch so herrliche Urlaubstage mit einer jungen Frau verbracht hat, erhält auf seinen Heiratsantrag keine Antwort und dann eine ablehnende. Und auch Geraldine, die immerhin versucht, ihren gewalttätigen Alkoholiker-Ehemann umzubringen, vermasselt es und wird von der Polizei zu ihm zurückgebracht.

„Irgendetwas stimmte nicht mit dem Haus und dem ganzen Morgen“, das gilt so ähnlich für jede der Highsmith-Stories, das merkt schon die kleine Elsbeth in „Die Weltmeisterin im Ballwerfen“. Unnötig zu sagen, dass nicht Ellie diese Weltmeisterin ist, dass das selbstbewusste Mädchen auf der Straße ihr eine eiskalte Schulter zeigt. Irgendetwas stimmt nicht in Geschichte um Geschichte, und selbst wenn es sich nicht gleich zeigt, dieses Etwas, so schimmert es zwischen den Zeilen durch, ist eine dunkle Grundierung, lässt nichts Gutes erwarten, schon gar kein Happyend.

Außer für Sydney, den „Spinnerich“ (wie pociao reizend übersetzt), der es satt hat, dauernd nur Fliegen zu fressen und also in die weite Welt, jedenfalls ans Ende der Scheune zieht. Dort verhungert er fast, denn die Mücken, die er fängt, sind spinnebitter. Er schafft es zurück zu Mutti und frisst fortan froh die fetten Fliegen. Was für eine böse Lehre von der Meisterin des hintergründig Bösen.

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