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Irene Solà: „Singe ich, tanzen die Berge“ – Selbst die Wolken sprechen katalanisch

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Von: Susanne Lenz

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„Ich habe mir jede verrückte Idee erlaubt“, sagt Irene Solà, Jahrgang 1990. Foto: Oscar Holloway
„Ich habe mir jede verrückte Idee erlaubt“, sagt Irene Solà, Jahrgang 1990. © Oscar Holloway

Spanien, Gastland der Frankfurter Buchmesse, wirft sein Licht voraus: In dem tollkühnen Roman von Irene Solà ist praktisch alles möglich.

Spanien ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, doch was ist spanische Literatur? Was die Messe betrifft, sind damit nicht nur Werke gemeint, die in kastilischer Sprache geschrieben wurden. Spanien ist ein Land starker Regionen mit jeweils eigenen Sprachen, die sich durch Jahrhunderte hindurch immer wieder gegen Verbote, Unterdrückung und Geringschätzung behaupten mussten, zuletzt unter Franco. Sprachpolitik ist Machtpolitik ist Geopolitik.

In Spanien gibt es also auch eine baskische, eine galicische und eine katalanische Literatur. Und eine Vertreterin der katalanischen Literatur, die auf der Buchmesse vorgestellt wird, ist die Schriftstellerin Irene Solà, Jahrgang 1990. „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ihr zweiter Roman, aber der erste, der dank des im Rahmen der Buchmesse initiierten Übersetzungsförderungsprogramms auf Deutsch erscheint. Als sie bei ihrem Besuch in Berlin kürzlich gefragt wurde, was die katalanische Sprache für sie bedeute, sagte Irene Solà: „Das ist meine Sprache.“ Bereits 2020 ist sie für das Buch mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet worden. Die Jury lobte die Originalität und den Stilwillen der Autorin.

Und so sprechen in ihrem Roman alle Katalanisch. Nicht nur die Menschen, auch die Wolken, die Bären, der Rehbock, ja, die Berge selbst, die Pyrenäen in dem Moment, in dem sich die Kontinente aufeinander zubewegen und die tektonischen Platten zusammenschieben: der Moment ihrer Entstehung. Es sprechen die Lebenden, die Toten, die Geister. Es spricht Lluna, eine Hündin, durch deren Perspektive man den Sex zwischen einem Mann und einer Frau erlebt. „Und ich gehe um sie herum, um ihre Geschlechtsteile zu sehen, die sonst immer verborgen sind, und wenn sie sich mal zeigen, sind sie klein und friedlich und braun. Jetzt sind sie geschwollen, feucht und rot und schieben sich ineinander.“

Man muss sich Irene Solàs Roman wie einen gewebten Teppich mit einem bunten, komplexen Muster vorstellen, wie eine archäologische Ausgrabung, die Schicht um Schicht freilegt. Sie erzählt keine lineare Geschichte und im Zentrum steht nicht der Mensch, aber alles ist miteinander verbunden. „Das Gedächtnis der einen ist das Gedächtnis aller“, sagen die Trompetenpilze, wenn sie sich durch den feuchten Waldboden drücken. „Die Geschichte der einen ist die Geschichte aller.“

Das Buch

Irene Solà: Singe ich, tanzen die Berge. A. d. Katalan. v. Petra Zickmann, Trabantenverlag, Berlin 2022, 208 S., 22 Euro.

Die Pyrenäen sind der Schauplatz. Hier bündele sich Geschichte, sagt Irene Solà. Die Autorin lässt etwa vier Frauen sprechen, Heilkundige, Geburtshelferinnen, die als Hexen gefoltert und dann aufgehängt wurden, als die Pyrenäen im 16. und 17. Jahrhundert ein Zentrum der Hexenverfolgung waren. Sie geht zurück in die Zeit des Bürgerkriegs in den 30ern, als die Berge an der Grenze zu Frankreich Rückzugsgebiet für die Gegner Francos wie auch Fluchtweg ins Nachbarland waren. Und Kriegsschauplatz. „Wie kannst du mir nur eine Granate nach Hause bringen, du dummes Ding“, sagt der Vater zur Tochter. „Diese Berge sind verseucht mit Gewehrteilen und Patronen und Granaten.“

Wenn Irene Solà vorliest, hört man, dass Katalanisch ein bisschen wie Spanisch klingt, ein bisschen wie Portugiesisch, Französisch, wie eine romanische Sprache eben. Man hat diese Sprache kürzlich in dem mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichneten Film „Alcarràs“ gehört, ebenfalls ein Werk einer jungen Katalanin: Carla Simón.

Irene Solà hat in England ihren Master gemacht und ist dann erst mal geblieben. Ihr ebenfalls preisgekröntes erstes literarisches Werk – ein Gedichtband – ist unter dem Titel „Beasts“ auch auf Englisch erschienen. Dass sie aber auch ihren Pyrenäen-Roman in London geschrieben hat, vornehmlich in einem Bus mit der Nummer 254, mit dem sie ihren täglichen Arbeitsweg zurücklegte – eine Stunde hin, eine Stunde zurück –, ist eine Überraschung.

Man hat sich ihren Schreibtisch in der Natur vorgestellt, eigentlich sogar in den Pyrenäen selbst, es gibt im Buch genug abfällige Bemerkungen über das Leben in der engen Stadt. Und über naive Leute aus der Stadt, die in die Berge kommen, die Dörfer ein Postkartenidyll nennen und angesichts der um elf noch geschlossenen Metzgerei denken: „Unglaublich, diese Entspanntheit, diese Geruhsamkeit, mit der man auf dem Land das Leben und die Arbeit angeht.“ Menschen, die dann doch ungeduldig werden, weil im ganzen Postkartenidyll nicht mal ein Kaffee zu kriegen ist.

Während sie an „Singe ich, tanzen die Berge“ schrieb, habe sie in der Whitechapel Gallery, einem Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst, gearbeitet, sagt Irene Solà. Die Begegnung mit moderner Kunst habe einen großen Anteil daran gehabt, dass sie ihrer Vorstellungskraft gestattete, auf ungewöhnlichen Pfaden zu wandeln. „Ich habe mir jede verrückte Idee erlaubt“, sagt sie. Ihr Buch ist dafür der Beweis.

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