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Der niederländische Übersetzer Gerrit Bussink auf der Buchmesse

Schwerpunkt Literaturübersetzung

„Das ist Kulturpolitik”

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Teil 1: Der niederländische Übersetzer Gerrit Bussink ist dieses Jahr zum 45. Mal auf der Buchmesse. Seine Übersetzerkarriere startete er 1972 mit Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” und hat bis heute knapp 200 Werke aus dem Deutschen ins Niederländische übersetzt.

Gerrit Bussink, kannst du dich an deine erste Messe erinnern?

Da erging es mir wie dir jetzt. Dass man erst mal verdattert durch die Gegend läuft. Anfangs will man alles sehen, aber die Messe ist derart immens groß, dass man nach dem ersten Jahr weiß: Man muss sehr selektiv auswählen, was man macht. Weil, nach nur einem Tag ist man völlig kaputt durch die Atmosphäre, durch die Geräusche, die Größe. Deshalb konzentriere ich mich seit Jahren nur auf die deutschsprachigen und die niederländischen Verlage. Für mich als Übersetzer und Publizist ist es wichtig, dass ich sämtliche niederländische Verlage hier an einem Platz habe und sie treffen kann. Sonst müsste ich mich in Amsterdam, oder wo auch immer, verabreden.

Also für die meisten ist es einfach praktisch, dass alle am gleichen Ort sind?

Es ist wahnsinnig praktisch. Und man muss auch bedenken, für mich als Europäer sind deutsche und niederländische Verlagen alle ganz nah, aber hier sind ja auch Verlage aus Sri Lanka, aus Kanada – und wo sieht man die sonst? Man darf nicht vergessen, dass das hier ein Handelsplatz ist für Autorenrechte, hier werden Pläne geschmiedet für Koproduktionen, Bücher die in mehreren Sprachen geplant werden und dafür muss man sich eben irgendwo zusammensetzen. Das ist auch Kulturpolitik.

Ist es wichtig, gesehen zu werden? Gerade als Freischaffender.

Ich mag das eigentlich nicht. Ich bin in dem Sinne kein Netzwerker – wenn mehr als drei Leute zusammensitzen, bin ich schon weg. Aber es ist einfach eine praktische Möglichkeit. Ich höre dann von den Plänen, was Verlage vorhaben und eventuell sehen sie dich und bieten dir einen Job an. So bin ich auch zu meiner ersten Übersetzung gekommen.

Wie bist du zu deiner ersten Übersetzung gekommen?

Auf einer Verlagsfete, auf die ein Bekannter mich mitgenommen hatte, ich war damals noch Student, sagte ein anwesender Verlagsredakteur zu mir: „Na, und? Übersetzt du auch?”, und ich habe geantwortet: „Ja. Ich übersetze auch”, obwohl ich damals nicht mehr übersetzt hatte, als was man so im Studium macht. Dann sagte er, er hätte gerade einen deutschen Titel gekauft. Wenn ich Lust hätte, könnte ich eine Probeübersetzung machen. Das hab ich natürlich getan. Er fand sie okay und die Buchübersetzung dann auch: Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter”. Damit war ich praktisch literarischer Übersetzer. Denn der Verlag kaufte auch den nächsten Roman und den habe dann wieder ich übersetzt – das ist in der Branche so üblich.

Hat sich die Buchmesse als System verändert? Ich bin etwas überwältigt von dem Securityaufgebot bei solchen Veranstaltungen.

Das hat sich natürlich etwas verändert – die Kontrollen sind schon intensiver. Aber auch nicht sehr extrem, würde ich sagen. Früher hat man auch die Taschen kontrolliert – da ging es immer darum: Finden sie Bücher, die man geklaut hat? Das hab ich seit Jahren nicht mehr erlebt.

Hast du schon mal ein Buch geklaut?

Ich habe jetzt keine konkrete Erinnerung daran, aber ich bin mir sicher, dass ich das gemacht habe.

Gehst du mit vielen neuen Büchern zum Lesen nach Hause?

Jein. Je mehr ich übersetzt habe, desto schlechter bin ich als Leser geworden. Ich kann nicht tagsüber übersetzen und abends ein Buch lesen. Mein Kopf will dann immer weitermachen mit dem Übersetzen. Ich versuche aber, von jedem Autor, den ich übersetze, alle oder zumindest die meisten Bücher zu lesen. Denn es ist entscheidend, dafür ein Gefühl zu entwickeln. Als ich nach zwei Jahrzehnten, in denen ich keinen Peter Handke übersetzt habe, „Die morawische Nacht” übertragen habe, habe ich dem Verlag das Versprechen auf die Übernahme der nächsten Handke-Übersetzungen abgenommen. Sonst hätte sich das viele Einarbeiten nicht gelohnt. Mein niederländischer Verlag hat jetzt die Hand auf fünf Handke-Titel bei Suhrkamp gelegt, und die werden demnächst kommen.

Wie bereitest du dich auf die Buchmesse vor?

Ich fahre einfach ohne Plan. Vielleicht rufe ich ein bis zwei Leute aus den Verlagen, für die ich so arbeite, an und mache eventuell einen Termin aus, aber sonst schaue ich einfach, wen ich hier treffe. Über irgendeinen Umweg kennt man genügend Leute, wenn man seit Jahrzehnten hierher kommt. Ich setz mich dann einfach dazu, wenn jemand Zeit hat, und frage, was die Leute so tun, was ich lesen soll.

Was passiert, wenn du ein gutes Buch findest?

Ich habe zum Beispiel gerade ein neues Buch von Matthias Brandt in die Hand gedrückt bekommen, „Blackbird”, das werde ich mir jetzt ernsthaft anschauen. Und wenn mir das gefällt, werde ich damit hausieren gehen in Holland.

Das heißt der deutsche Verlag lobbyiert bei dir, damit du dann beim holländischen Verlag lobbyieren gehst?

Sie freuen sich, wenn ich das mache, ja. Beim selben Verlag übersetze ich auch einen anderen Autor, und da wird einem dann hier vor Ort auch schon gesagt, wann das nächste Buch von ihm kommt. Also weiß ich schon, dass ich mir im Herbst 2020 Zeit freihalten kann.

Hast du große Skandale hier erlebt?

Es gab natürlich Skandale, das war in der Zeit, als Neonaziverlage sich hier etablieren wollten. Die Proteste waren ziemlich heftig, mit Sprechchören vor den Ständen. Das war in den 1970ern, das hat sich mittlerweile gelegt. Und dann hat man auch Bücher geklaut bei denen. Weil, man muss ja sammeln.

Knüpfst du heute, nach den vielen Jahren auf der Buchmesse, überhaupt noch viele neue Kontakte oder pflegst du eher alte?

Ich gehe nicht dort und dort hin, damit ich einen Kontakt bekomme. Wenn ich einen Autor übersetze, bin ich nicht darauf aus, ihn dann auch kennenzulernen. Aber es gibt immer einen Anlass. Am Ende eines Buches bleiben oft Fragen, und da ist es gut, wenn man einen Kontakt zu dem Autor hat. So war das mit Uwe Timm, von dem ich jetzt neun Bücher übersetzt habe – das zehnte kommt. Den habe ich 1973 kennengelernt, als ich seinen Erstling übersetzt habe. Das war für ihn der erste Titel überhaupt und für mich eine der ersten Übersetzungen, die ich gemacht habe. Er war damals auf der Buchmesse, weil er mit Freunden einen Verlag gegründet hatte, und man lernt sich dann kennen und bei der nächsten Buchmesse ist er wieder da und du bist auch wieder da. Und es entsteht eventuell eine Freundschaft. Es gibt natürlich auch Autoren, die wollen nichts mit den Übersetzern zu tun haben, auch gut.

Hast du einen Lieblingsort auf der Buchmesse?

Mir ist es angenehm, dass ich eine Anlaufstelle habe. Der Weltempfang ist so ein Treffpunkt für Übersetzer. Es gibt viel Platz, man kann sich hinsetzen und kann sich verabreden. Hier hat man seine Ruhe, trotz enormer Geräuschkulisse.

Merkt man, dass weniger Geld im Buchhandel steckt? Man hört, die meisten Partys wurden gestrichen.

Ja, die Partys sind für die Insider. Das ist eine andere Liga innerhalb der Buchmesse. Aber es gibt nach wie vor Partys in den Hallen. Einzelne Länder feiern am eigenen Stand bis sieben oder acht Uhr abends, und dann müssen alle raus, und dann geht’s in der Stadt weiter. Und wozu man hier nicht kommt, dazu kommt man vielleicht heute Abend beim dritten Glas Wein.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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