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„Die Wahrheit ist kein Naturgesetz“, sagt Gerhard Roth, hier auf der Klosterinsel San Francesco del Deserto in der Lagune von Venedig.

Interview

„In der Kunst wird das wahre Gesicht des Menschen nachlesbar“

Gerhard Roth über seinen Roman „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“, über Gehirnarchäologie, über Normopathen und über die Unmöglichkeit, die Menschheit, die Tierheit, die Welt oder wenigstens die eigenen Kinder zu verstehen.

Gerhard Roth, 1942 in Graz geboren, hat neben zahlreichen Romanen, Erzählungs- und Fotobänden sowie Drehbüchern bereits mehrere große Romanzyklen vorgelegt. „Orkus“ und „Die Archive des Schweigens“ umfassen jeweils sieben Bände.

Das neue Buch, „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“ ist nach der „Irrfahrt des Michael Aldrian“ (2017) der zweite Teil einer Venedig-Trilogie, besser: das Mittelstück eines Triptychons. Der Protagonist Emil Lanz ist ein österreichischer Übersetzer, der in Venedig auf dem Lido lebt, nach dem Tod seiner Frau depressiv ist und einen geeigneten Ort sucht, an dem er sich das Leben nehmen kann. Als er ihn auf Torcello gefunden hat, beobachtet er einen Mord – und fühlt seitdem keine Veranlassung mehr, sich umzubringen. Stattdessen gerät er in eine Verbrechensgeschichte, in der er kräftig mitmischt.

Herr Roth, in Ihrem neuen Roman „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“ gerät ein Protagonist in einem Bandenkrieg zwischen die Fronten – das ist ja ein düsteres Weltbild. Wie fühlt sich das nach den letzten Wochen in Österreich an, war das eine Prognose?

Nein. Dass Politik automatisch mit Misstrauen und Hass verbunden ist, zeigte das vergleichsweise harmlose „Laborexperiment“ in Österreich. Jeder glaubt, die absolute Wahrheit zu besitzen, sei es im Privatleben, in der Religion oder der Politik. Intrigen und Denunziation, Lüge und Verstellung sind die Alltagskommunikation und ohne Schauspielerei geht nichts. Ich mache mich natürlich selbst zum Don Quijote, wenn ich mich darüber hinwegsetze und einen Kommentar schreibe.

Es gibt ganz offen politische Bezüge; Romanfigur Lanz findet ein ertrunkenes Flüchtlingsmädchen am Strand, im Ospedale al Mare, einem aufgelassenen Krankenhaus auf dem Lido, verstecken sich Obdachlose und Geflohene, für einen Übersetzer ist der eigene Briefträger eine sehr wichtige Figur, auch er ein Entronnener. Ist Venedig auch heute ein Brennglas für den politischen Zustand der westlichen Welt?
Venedig ist zeitlos, die Stadt ist eine Offenbarung, sie zeigt, was der Mensch wirklich ist. Nicht nur die Historie stellt dar, wer wir in Wahrheit sind, viel mehr noch die Kunst. In der Literatur, in der Architektur, der Musik, der Bildenden Kunst, wird das wahre Gesicht des Menschen nachlesbar, sichtbar und fühlbar. Das war mir bewusst, als ich mit dem Venedig-Projekt begonnen habe.

Lanz findet wieder ins Leben zurück – vielleicht –, er wird sehr aktiv zwischen den Fronten, und er kann alles: Er kennt sich mit Waffen aus, zwei schöne Frauen fallen ihm anheim, sein Sprachgenie bringt ihm einen Übersetzungsauftrag ein, der ihn über Jahre ernährt. Das sind auch märchenhafte Elemente, oder Männerphantasien – und immer wieder Momente, wo man als Leser zweifelt, ob man sich nicht eher durch Lanz’ Unbewusstes bewegt als durch Venedig. Was hat dieser Roman mit Wunscherfüllung zu tun?
Im dritten Band ist eine Frau die Hauptfigur und auch sie hat natürlich Phantasien. Und dass jemand sich in zwei Frauen oder umgekehrt in zwei Männer verliebt, soll gar nicht so selten sein. Das Märchenhafte spielt natürlich eine Rolle, das Surreale, das Phantastische, das Metaphysische. Wir betäuben unser Unbewusstes, statt es zu erforschen. Ich versuche die inneren Vorgänge gleichwertig zu den äußeren Vorgängen darzustellen. Traum, Scham, Begierde, Angst, Freude, Verzweiflung oder Trauer verändern unsere Wahrnehmung. Aus etwas Nebensächlichem kann plötzlich etwas Wichtiges werden und umgekehrt. Jede alltägliche Liebesgeschichte, jede Trennung, jeder Todesfall zerstören zunächst die sogenannte Wirklichkeitswahrnehmung.

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019. 368 S., 25 Euro.

Einer, der sich viele Wünsche erfüllen kann, offenbar einer der Drahtzieher, ist Monsieur Egon Blanc; ein alter Mann, der viel Geld, viele humanitäre Projekte, erstaunliche Sammelgebiete hat (so ist er im Besitz des unlesbaren Voynich-Manuskripts). Er schadet Lanz erst, dann saniert er ihn. Für mich war das Weiß seines Namens auch eine Projektionsfläche – er ist eine Prospero-, eine Zaubererfigur, vielleicht ist er sogar eine göttliche Projektionsfigur. Jedenfalls bleibt er letztlich für den Protagonisten rätselhaft, am Ende ungreifbar. Steht er für die Rätsel, die uns umgeben?
Er ist natürlich eines von vielen Rätseln, die uns im Alltag umgeben. Wir wissen trotz Hubble-Teleskop nicht genügend über das Universum und trotz Elektronenmikroskopie nicht genügend über den Mikrokosmos. Was darüber bekannt ist, übersteigt das Verständnis eines Großteils der Menschen. Wir wissen nicht einmal, was die Biene von der Menschenwelt begreift, ein Haustier, ein Huhn ... Oder was unser Partner in seiner Abwesenheit gerade wirklich macht. Ja, wir wissen nicht einmal, was unsere eigenen Kinder denken. Wir kennen also weder die Geschichte der Träume der Menschheit noch das Innenleben der Tierheit. Und: Die Außenwelt hat fast immer ein anderes Bild von uns selbst als wir. Vielleicht ist es aber gerade dieses Rätselhafte, weshalb wir weiterleben?

Lanz bewegt sich durch Venedig, durch seine eigene Assoziationswelt, und das sehr tätig; bis zum Schluss zweifelt er (und zweifeln die Leser), ob das nun alles stattfindet in der Wirklichkeit des Romans, oder ob er doch schon im Sterben liegt; ob der Roman in einer Zwischenwelt abläuft, wie Ambrose Bierce’ „An Occurrence at Owl Creek Bridge“ oder Leo Perutz’ „Zwischen neun und neun“. Wenn der erste Band Ihrer Venedig-Trilogie, „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“, das Paradies war, sind wir hier im Fegefeuer? Im Dazwischen? Sind wir jemals woanders?
Wir sind durch die Erziehung, den Schulunterricht, das Zeitunglesen daran gewöhnt, dass alles chronologisch und begründbar abläuft. Aber in unserem Gehirn herrscht eine andere Ordnung. Erinnerung und Hoffnung spielen darin eine Rolle, Wünsche und Gefühle. Sie verhalten sich häufig anders, als wir planen oder wollen. Darüber schrieben schon Poe oder Kafka und Shakespeare. Auch David Lynch stellt im Film dieses Labyrinth aus ineinanderfließenden Wirklichkeiten dar. Wir bleiben in meinem Buch immer auf der Erde, leben aber zugleich in einer Gedanken- und Phantasiewelt, denn wir sind wie gesagt von Geburt an mit einem Labyrinth ausgestattet, dem eigenen Gehirn.

Und womöglich nicht einmal ein besonders sprechendes – in „Die Hölle ist leer“ gibt es die neue medizinische Disziplin der „Gehirnarchäologie“, in der die Erinnerungen von Toten sichtbar gemacht werden können, eine faszinierende Vorstellung, aber doch eine zwiespältige, die Vorstellung einer noch postmortalen Überprüfungsmöglichkeit. Wir sind ja umgeben von Versuchen, uns bis in die Gedanken hinein zu kontrollieren, die digitalen Medien haben da gewisse Möglichkeiten ... im Roman ist das Ergebnis vor allem verwirrend. Wie optimistisch können wir denn über die menschlichen Widerstandskräfte sein?
Die Gehirnarchäologie gibt es schon seit Jahrtausenden in vielen Religionen. Bereits die Ägypter hatten die Vorstellung vom Totengericht, das über das vergangene Leben eines Verstorbenen richtet. Damit der Verstorbene nicht in die Finsternis verstoßen wurde, urteilte der Totengott Osiris mit 42 von ihm ausgewählten Richtern vorher über das Leben des Verstorbenen. Auch in der griechischen Mythologie gab es ein Totengericht von drei Göttern, darunter Minos, die darüber entschieden, wer den Qualen im Tartaros ausgesetzt wurde, in die von der Lethe, dem Fluss des Vergessens umflossenen – eigentlich langweiligen – elysischen Gefilde gelangte und wer in die Glückseligkeit des Elysion aufgenommen wurde. In den monotheistischen Religionen sieht, hört und weiß Gott alles vom Leben der Sünder, die sich vor dem Jüngsten Gericht zu verantworten haben. Auch Prospero, der Zauberer in Shakespeares „Der Sturm“, weiß alles, was um ihn vorgeht. Und Signor Blanc – mein Prospero – erfindet, weil er schon alt und vergesslich ist, die „Gehirnarchäologie“, damit er über die Lebendigen und die Toten Bescheid weiß. Eigentlich müssten religiöse Menschen an Paranoia leiden, denn sie glauben, dass sie ihr ganzes Leben und ohne Unterbrechung von Gott beobachtet werden, der beim Jüngsten Gericht gleichsam mit Beweisen aus einer versteckten Kamera über sie urteilt. Diese Vorstellung hat mich immer zum Nachdenken angeregt.

Der Titel stammt aus Shakespeares „Sturm“, Lanz denkt über Swift nach, er bewegt sich durch die Sprachen und Literaturen. „Der Sturm“ lässt sich fast als Folie unter dem Geschehen lesen, es gibt eine Prospero-Figur und einen Ariel, der hier ein hilfreicher Falkner ist; am Ende des Romans steht ein handfester Wirbelsturm. So voll der Roman mit Anspielungen ist, es geht nie um Bildungsgeblinzel – hilft uns kulturelles Wissen, uns durch die Welt zu bewegen? Oder sie überhaupt auszuhalten?
Wenn die Normalität unsere einzige geistige Basis ist, werden wir zu krankhaften Normalen, zu Normopathen. Dann brauchen wir noch mehr Alkohol oder Drogen – jedenfalls die Betäubung oder „Ablenkung“. Seit jeher suchen Menschen die Betäubung und Ablenkung oder beschäftigen sich mit dem sogenannten „Unwirklichen“. Man schaltet seine Vorstellungskraft aus oder gibt ihr nach. Wenn sich jemand kulturelles Wissen angeeignet hat, ist das eine von vielen Möglichkeiten, den Weg aus dem Labyrinth zu finden.

Es gibt in den beiden nun vorliegenden Bänden des Triptychons einen Polizisten, den Commissario Galli, der intelligent und schnell den Verbrechen auf der Spur ist, trotzdem immer noch ein bisschen zu dumm und zu langsam, für mich auch der Inbegriff des bemühten Lesers, der bemühten Leserin. Werden wir ihm im letzten Teil wiederbegegnen?
Ja, Galli ist eine durchgehende Figur. Er ist ein Wahrheitssucher, einer, der sehr gründlich ermittelt und dabei sehr vorsichtig ist. Er geht nicht seinem Instinkt nach, sondern verlässt sich auf seine Erfahrung und seine Logik. In allen drei Büchern weiß er, wer der Täter ist, aber er kann es nicht stichfest beweisen. Eigentlich denkt er wie ein Naturwissenschaftler, die Wahrheit ist jedoch kein Naturgesetz. Sie ist subjektiv und relativ, obwohl es auch Fälle gibt, in denen sie gewissermaßen absolut ist, zum Beispiel durch Beweise in Form von DNA-Proben oder Fingerabdrücken. Kriminalromane und Kriminalfilme ignorieren zumeist die komplexe Struktur der Wahrheit. Übrig bleibt der Zweifel und das, was der Volksmund „Kommissar Zufall“ nennt. Der Zufall kann jedoch auch dem Täter dienen. Mit diesen Überlegungen arbeite ich.

Interview: Sven Hanuschek

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