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Interessiertes Wohlgefallen

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Von: Peter Michalzik

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Wie der Regisseur zum Dichter wurde: Hellmut Flashars "Inszenierung der Antike", ein Standardwerk der Theatergeschichte.

Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, auf das Hellmut Flashar mehrfach hinweist: Das Drama der Antike ist heute so lebendig wie nie zuvor in seiner langen Geschichte. Wir meinen in antikeferner Zeit zu leben, in Wahrheit wurden noch nie so viele griechische Dramen, insbesondere Tragödien, gespielt wie heute. Im antikeseligen 19. Jahrhundert etwa wurden eigentlich nur Sophokles' "Antigone" und "Ödipus" auf einigen wenigen Bühnen gezeigt.

Diese Beobachtung gibt dem Buch " Inszenierung der Antike" eine gewisse Brisanz. Was ist das für eine merkwürdige Zeit, in der wir leben, die sich so für die antike Tragödie interessiert, ohne das wirklich zu bemerken? Flashar hält sich da zurück: Der Umstand wird registriert, interpretiert oder gar erklärt wird er nicht. Flashar ist kein Zeitdiagnostiker, er ist Historiker. Der emeritierte Altphilologe verfolgt das griechische Drama und seine Aufführungen durch die gesamte abendländische Kulturgeschichte und seit einiger Zeit auch in die anderen Kulturen, die sich für es zu interessieren beginnen.

Die Schwierigkeiten, die einer solchen historischen Darstellung entgegenstehen, sind enorm. Da ist zum einen das Problem, die Fäden in der Hand zu halten. In einer Inszenierung fließt nicht nur das, was man hört und sieht zusammen, auch geistesgeschichtliche Bewegungen oder zeitgeschichtliche Zusammenhänge, an sich schon komplizierte Fragen der Musik oder der Übersetzung. In einer Inszenierung wird das zum Gesamteindruck, in Beschreibungen zerfällt es fast immer und notwendigerweise. Nicht so bei Flashar.

So ist dieses Buch, wenngleich nur eine Neuauflage, ein Markstein. Als 1991 die erste Auflage erschien, stand der historische Aspekt im Vordergrund. Nun ist es der neue, aktuelle Teil, in dem Flashar, sehr zurückhaltend und sozusagen mit Rückendeckung durch die vorhergehenden Jahrhunderte, auch die moderne Aufführungspraxis diskutiert.

Das zweite Problem der Darstellung besteht darin, dass antike Dramen nicht in dem Kommunikationszusammenhang inszeniert werden, für den sie einst gedacht waren. Einst waren sie eine Variation des allgemein bekannten Mythos und als solche sprechend für die damalige Gegenwart.

Heute sind diese Interpretationen - wenn denn irgendetwas - der Mythos, das heißt der Referenzpunkt, sozusagen der verfestigte Bodensatz. Genau da kommt die Regie ins Spiel, die jetzt in gewisser Hinsicht die Rolle des Dichters, also die des Vermittlers, des Interpreten, übernimmt. Regie stellt das Drama dazu in gegenwärtige Zusammenhänge.

Grundsätzlich, sagt Hellmut Flashar, sei es für einen heutigen Regisseur falsch, sich direkt auf den Mythos zu beziehen, da das Drama seine Spannung ja gerade aus dem Verhältnis von Mythos und Ausgestaltung bezogen habe. Grundsätzlich gehe es deshalb nicht um die Treue zum Text sondern zum Inhalt, den es immer wieder zu begreifen gelte. Mit dieser Einstellung wird Flashar allerdings nicht zum Apologeten des Regietheaters, eher zu seinem wohlwollenden Skeptiker: Das Regietheater, sagt er, ziehe alle, aber seit etwa 1980 keine neuen Register mehr.

Als Kristallisationspunkte dienen die vor 30 Jahren überaus erfolgreichen spröden Aufführungen von Hansgünther Heyme, die Flashar offenbar sehr schätzte. Hier wurden die maßstabsetzenden Übersetzungen von Wolfgang Schadewaldt verwendet, an der sich auch noch Peter Stein bei seiner epochemachenden "Orestie" orientierte.

Flashar gelingt es bewundernswert, auch die subtilsten Einschätzungsfragen in seine Aufführungsgeschichte zu integrieren. Seine Darstellung ist von erstaunlicher Anschaulichkeit und Objektivität. Flashars Buch praktiziert ein gelassenes, gebildetes und offenes Sprechen über Theater, das uns heute sehr abgeht. Da schreibt einer mit interessiertem Wohlgefallen, voller Empathie und gesättigt mit Empirie. Man fragt sich, wenn man dieses Buch gelesen hat, was die theaterwissenschaftlichen Institute, die es in unserem Land so zahlreich gibt, eigentlich tun. Die Geschichte ihres Gegenstandes zu zeichnen, so wie Flashar das tut, sind sie offenbar nicht in der Lage.

Hellmut Flashar: Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne der Neuzeit. Beck, München 2009, 430 S., 34 Euro.

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