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Nichts als der Mensch

Das interessanteste Tier

Der Schweizer Philosoph und Journalist Georg Brunold hat mit "Nichts als der Mensch" ein wahrhaft opulentes, auch in jeder Hinsicht schwer wiegendes Werk vorgelegt. Mehr als 300 Autoren sind in diesem Band zu entdecken

Von Otto A. Böhmer

Das interessanteste Tier für den Menschen ist der Mensch. Diese Vermutung, von Johann Gottlieb Fichte 1803 zu Papier gebracht, inspirierte nicht nur den Forschungsdrang von Philosophie und Anthropologie, sondern hat auch die Literatur bis heute auf unergründliche Weise begleitet. Die Frage nach dem, was der Mensch ist und was er sein kann, ist von zeitloser Brisanz; sie lässt sich immer wieder neu stellen, aber schwerlich beantworten, und gleicht somit einem wiederkehrenden Motivationsspiel, das in unsere Denkanstrengungen eingreift und zugleich ebenso fördernd wie unterminierend wirkt.

Der Mensch, rätselhaft schon immer, wird sich selber nicht los; als Subjekt hat er eine Lawine des Wissens losgetreten, in der er, Objekt der Objekte, mit unterzugehen droht.

Zur Geselligkeit verurteilt

Das Interesse des Menschen am Menschen, von Fichte noch wie ein leidenschaftsloser Aufruf zur theoretischen Neugier vorgetragen, der die transzendentale Vernunft ihre Grenzen setzt, geriet nach dem Abdanken des deutschen Idealismus in eine Leistungsexplosion der empirischen Wissenschaften, die das Anspruchsdenken der traditionellen Philosophie insgesamt in Frage stellen musste.

Was der Mensch war und ist, ließ sich nun aufgrund von Ergebnissen sagen, die von den Einzelwissenschaften, etwa Biologie, Medizin, Psychologie, Ethnologie, vorgelegt wurden und die, zumindest nach Meinung ihrer Urheber, als gesichert gelten dürfen.

Man muss aber kein Wissenschaftler sein, um sich für den Menschen zu interessieren, dafür reicht auch der Wunsch nach Selbsterkenntnis, die morgens mit dem (oft eher unerfreulichen) Blick in den Spiegel ihr Tagwerk beginnt und nächtens im Traum noch lange nicht Ruhe gibt. Das Problem des Menschen ist, dass er, einmal ins Leben befördert, von sich und seinesgleichen nicht lassen kann; er scheint zu einer Geselligkeit verurteilt, die auch in ihren zugespitzten, ins massiv Unfreundliche und Einsame hineinreichenden Varianten, Herrschaftsansprüche anmeldet. „Dir kannst du nicht entfliehen!“, wusste schon Goethe, und man muss hinzufügen: den anderen leider auch nicht.

So erweist sich die Neugier des Menschen auf das interessanteste Tier, das er selbst ist, als eine Art produktive Notwehr: Wenn einem schon die Antworten auf das Große und Ganze unserer Herkunft, für die man neben der Evolution auch noch immer göttliche Schaffenskraft oder Heimtücke bemühen kann, vorenthalten werden, sollte man wenigstens versuchen, den irdischen, von uns selbst längst überdominierten Betrieb verstehen zu wollen. Hilfreich dabei sind die Theorien und Meinungen, die im bisherigen Selbstgespräch der Menschheitsgeschichte zu vernehmen waren; auf sie können wir, in Zustimmung, Ablehnung und schierer Verwunderung, noch immer zurückgreifen.

Nicht jedermanns Sache

Der Schweizer Philosoph und Journalist Georg Brunold, ein Neugieriger und Weltreisender von Format, hat dazu nun ein wahrhaft opulentes, auch in jeder Hinsicht schwer wiegendes Werk vorgelegt: „Nichts als der Mensch“ nennt es sich und versammelt „Beobachtungen und Spekulationen aus 2500 Jahren“. Die Kriterien für die Auswahl der Texte, die in diesem Buch vorgelegt werden, sind, wie könnte es bei so einer kühnen Unternehmung anders sein, nicht zwingend. Sie erschließen sich aber, hofft der Herausgeber, der die einzelnen Beiträge jeweils kompetent und knapp einleitet, mit fortgesetzter Lektüre: „Nicht nur Reportagen und Augenzeugenberichte“, bietet er an, „sondern Traktate, Lehrstücke und Katechismen, Manifeste und Plädoyers, Phantastereien gewagtester Art“, die „uns kostenlos auf abenteuerliche Exkursionen rund um den Planeten und hinaus in höhere Sphären befördern.“

So sind denn mehr als 300 Autoren in diesem Band zu entdecken, das Register reicht von Abaelard und Adler bis hin zu Zimbardo, Zimmermann und Émile Zola.

„Nichts als der Mensch“ ist ein sehr empfehlenswertes Buch, für das man allerdings nicht nur Neugier und Freude am Nachdenken, sondern auch eine gewisse Armstärke mitbringen sollte: Die Anthologie hat nämlich das Gewicht einer kleinen Hantel und kommt in einem Format daher, das jede Handtasche sprengt – nicht jedermanns Sache also.

Und was unseren Freund, den rätselhaften Menschen angeht, so sei da noch an den Philosophen und Anthropologen Helmuth Plessner (1892–1985) erinnert, einen modernen Unmodernen, der in Brunolds Sammlung, ebenso wie der eingangs erwähnte Fichte, leider nicht vertreten ist – (warum eigentlich?): „Eine Erkenntnis“, schrieb Plessner, „welche die offenen Möglichkeiten im und zum Sein des Menschen, im großen wie im kleinen eines jeden einzelnen Lebens verschüttet, ist nicht nur falsch, sondern zerstört den Atem ihres Objektes; seine menschliche Würde.

Der homo absconditus, der unergründliche Mensch, ist die ständig jeder theoretischen Festlegung sich entziehende Macht, seine Freiheit, die alle Fesseln sprengt, die Einseitigkeiten der Spezialwissenschaft ebenso wie die Einseitigkeiten der Gesellschaft.“ Am Ende bleiben immer mehr Fragen als mögliche Antworten: „Enthüllt diese Geschichte einen geheimen Plan?“, fragt Plessner: „Dem Naturforscher … darf es nicht verwehrt sein, sich darüber Gedanken zu machen, wobei ihm freilich die Philosophie zu Hilfe kommen muss. Denn mit den Begriffen der Biochemie allein kommt er nicht aus.“

Georg Brunold (Hrsg.): Nichts als der Mensch. Beobachtungen und Spekulationen aus 2500 Jahren. Galiani Berlin, 2013. 800 S., 85 Euro.

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