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Intelligenter Drecksack

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Es existieren Menschen, die sich selbst für die einzig Normalen und alle anderen für tendenziell verrückt halten. Thomas Klupp hält diesen Blickwinkel in seinem erstaunlichen Debütroman konsequent durch.

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Es existieren Menschen, die sich selbst für die einzig Normalen und alle anderen für tendenziell verrückt halten. Alex Böhm ist einer von ihnen: "Ich gerate immer wieder an verrückte Mädchen, aus irgendeinem Grund ziehe ich sie magisch an. Wahrscheinlich weil ich selbst so normal und tolerant bin." Die Welt aus einer solchen Perspektive zu betrachten, hat durchaus seinen Reiz. Thomas Klupp hält diesen Blickwinkel in seinem erstaunlichen Debütroman konsequent durch - das Ergebnis ist ein rasantes, zwischen Komik und Schrecken schwankendes Buch; ein bemerkenswert starker Autorenauftritt.

Wie Alex Böhm in Wahrheit konstituiert ist, enthüllt sich erst nach und nach. Ein Psycho, so würde er selbst vielleicht sagen, wenn er über andere spräche; ein Egomane, ein Narziss und ein so krankhafter wie brutaler Lügner.

Doch der Reihe nach. Klupp erlaubt sich keine lange Vorrede, er setzt uns mitten hinein in das Geschehen, also: in den Kopf seines Helden, wie er da steht, an einer Autobahnraststätte, und auf eine Mitfahrgelegenheit nach München wartet. Alex studiert an der Filmhochschule in Potsdam und ist nun auf dem Weg zu seiner neuen Freundin, mit der er gemeinsam in den Urlaub fliegen will. "Paradiso" ist ein Roadmovie, das schnell auf Abwege gerät. Äußerlich gesehen geschieht nicht viel; einen Tag lang und die dazugehörige Nacht bleibt Klupp ganz eng an Alex Böhms Seite, und das ist allemal spannend genug.

Denn dieser junge Mann, Mitte Zwanzig dürfte er etwa sein, ist nicht nur ein eitler Hypochonder und ein Neurotiker vor dem Herrn, sondern ein ziemlich intelligenter Drecksack noch dazu. Einer, der sich das Leben mit kleinen und großen Lügen und Betrügereien so hingebogen hat, dass es auf den ersten Blick irgendwie hinhaut. In Wahrheit aber steht er in einer unendlichen Abhängigkeitskette, die bald nicht mehr zu kontrollieren sein dürfte. Das weiß Böhm auch; das macht ihn zu einer Art tickender Zeitbombe, zu einer beinahe diabolischen Figur, die das Gute kennt und stets das Böse schafft.

Durch die unterschiedlichsten Umstände landet Alex Böhm zunächst nicht in München, sondern in seiner Heimatstadt Weiden in der Oberpfalz, und in der vertrauten Umgebung, scheint der Film seines Lebens rückwärts abzulaufen.

Hier spricht ein Mann über sich selbst, der aus Ehrgeiz, Arroganz, Selbstsucht oder einfach aus Spaß alle verraten hat, von denen er behauptet, sie bedeuteten ihm etwas - den besten Freund, die große Liebe, die Familie. Nicht umsonst nennt Böhm Dostojewskis "Schuld und Sühne" als einen Referenzpunkt seiner Jugendzeit, während die anderen um ihn herum sich ihren "Hesseschwulst", wie er es nennt, angelesen haben: "Es gibt darin ja diese Stelle, wo Raskolnikow seine Theorie aufstellt, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, die Genialen und das Material - und dass die Genialen das Material töten dürfen, wenn es ihnen nützt, und genauso habe ich das auch gesehen: Würde man das Töten durch etwas Harmloseres ersetzen, sehe ich es im Grunde noch immer so."

Dass eine derartige Betrachtungsweise so erhellende wie erschreckende Einsichten zutage zu fördern vermag, versteht sich, und Thomas Klupp ist ein höchst geschickter Inszenator von Pointen und Effekten, der noch dazu seine in innere Paradoxien zerfaserte Erzählstimme auf beinahe unheimliche Weise authentisch hält.

Was Böhm vor allem kennzeichnet, ist die Abwesenheit jeglicher Scham und jeglicher moralischer Kategorien. Es ist einer, der eben noch über die Perversität von Pornoguckern doziert, um sich im nächsten Moment an "Spermarados" zu erinnern, den Film, den er neben der "Matrix"-Trilogie, "Der kleine Lord" und der BBC-Verfilmung von "Pride und Prejudice" am häufigsten gesehen hat. Ein Mensch, der seine Unschuld bei einer minderjährigen tschechischen Prostituierten verloren und dennoch (oder deswegen) an Fußpilz denken muss, wenn er "an die Tschechei" denkt. Im Grunde also eine ungemein gegenwärtige Figur, in der auch die Leere aufscheint, die einen befallen kann, wenn die Jugend plötzlich vorbei ist.

Wäre überhaupt etwas auszusetzen an "Paradiso", dann der gegen Ende des Romans ein wenig aufdringlich in Szene gesetzte urchristliche Motivkomplex von Sünde, Vergebung und Erlösung, in den Alex Böhm sich selbst zusehends hineinbegibt. Nach einem nächtlichen Drogen- und Alkoholexzess am Paradiso, einem See in der Nähe seiner Heimatstadt, und einer selbstmörderischen Autobahnfahrt landet Böhm schlussendlich - in einem Gottesdienst. Schließlich sind wir in der bayerischen Provinz.

Thomas Klupp, Jahrgang 1977, hat an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben studiert; geschadet hat's ihm nicht. Dieses Debüt ist technisch sorgfältig und stringent durchgearbeitet. Glücklicherweise hat der Roman aber noch mehr zu bieten: "Paradiso" ist ein im besten Sinne unberechenbares, zwischen Wahn und Klarsicht ständig flackerndes Stück Literatur.

Thomas Klupp:

Paradiso.

Roman.

Berlin Verlag,

Berlin 2009,

200 Seiten,

18 Euro.

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