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„Unsere Dramen sind psychologisch“, sagt Anthony McCarten.
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„Unsere Dramen sind psychologisch“, sagt Anthony McCarten.

Anthony McCarten

Die Insel der Unauffälligen

Der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten über seine Heimat und seine Jugend vor dem Fernseher, über die Notwendigkeit, an Grenzen zu gehen, und die Wandlungen des Buchmarkts.

In Auckland, der größten Stadt Neuseelands, ist im Mai (bzw. dortigen Herbst) Writers’ Festival. Die Lesungen, Gespräche und Workshops im Aotea-Center sind rappelvoll, die Stadt brummt. Mancher neuseeländische Autor, der im Ausland lebt, reist eigens an, denn das Literaturfest hat eine starke Tradition. Angereist ist auch eine kleine Gruppe deutscher Journalisten, denn Neuseeland wird im Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Einer, mit dem man aus diesem Anlass unbedingt sprechen muss, ist Anthony McCarten – und das nicht nur, weil er sich 1987 ein unglaublich erfolgreiches Theaterstück über strippende Arbeitslose ausgedacht hat.

Mister McCarten, in Ihrem jüngsten Roman „Brilliance“ trifft der Erfinder und Geschäftsmann Thomas Edison auf den Banker J. P. Morgan. Ist dies Ihr Beitrag zur Finanzkrise?

Das Buch beruht auf einer Idee, mit der ich zwanzig Jahre lang gerungen habe. Ich habe fünf Jahre recherchiert, vor zehn Jahren habe ich versucht, das Buch zu schreiben – und es wurde riesig. Die gesamte Recherche steckte drin, das ist immer ein Fehler.

Warum?

Weil es in einem Roman gerade genug Informationen geben sollte, so dass ein Leser das ganze Bild erfassen kann. Ich aber habe alles reingestopft, mein Material nicht beherrscht. Es hat mich über Jahre beschäftigt, weil ich dachte: Es ist eine sehr wichtige Geschichte. Es ist ja die Geburt des Superbankers, J. P. Morgan, und die Geburt des elektrischen Zeitalters. Viele ökonomische, gesellschaftliche Bedingungen haben in dieser Zeit ihren Ausgangspunkt. Es ist ein Thema, das nach Perfektion in der Ausführung verlangt. Ich aber war bei einem gewaltigen Umfang gelandet. Und dachte: Okay, das ist mein Fehlschlag. Dann sind sieben Jahre vergangen, und jemand sagte: Hast Du mal daran gedacht, daraus ein Theaterstück zu machen? Ich habe daraufhin die 500 Seiten auf 100 reduziert, für ein Bühnenprojekt. Und hatte die Möglichkeit, es in die USA mitzunehmen, wo Schauspieler mir diese wichtige amerikanische Geschichte vorgeführt haben. So wurde sie lebendig. Ich wusste jetzt, was ich tun musste, und kam zu einem sehr schlanken Roman. Er ist wie ein Gedicht, jeder Satz ist sehr bewusst geformt.

Dieses Buch ist jetzt zuerst in England erschienen. Gibt es eigentlich noch etwas in Ihren Büchern, das Sie für typisch Neuseeländisch halten?

Die Schauplätze meiner Bücher sind England, USA, Neuseeland. Aber alle meine Werke sind eingefärbt von dem, was ich bin, und was ich bin, ist geprägt davon, wo ich geboren wurde. Sie können also sagen, Neuseeland ist in allem, was ich tue. Aber es ist kein bewusstes Aufrufen meines Landes, ich bin kein nationalistischer Autor. Im Sinne von: dass ich herausfinden möchte, wer wir sind als Volk. Mich interessiert viel mehr das Universale.

Sehen Sie sich in einer englischen Literaturtradition?

Ja, die Kombination von Drama und Komödie ist britisch. In England hat der Respekt vor Komödien eine lange Tradition. Als ich zum ersten Mal in Deutschland war, merkte ich: Dort gibt es die Trennung zwischen Hoch- und Niedrigkultur, die besten deutschen Autoren haben Angst, lustig zu sein, weil sie da in die Unterhaltungsecke gestellt werden. Es gibt darum in Ihrer Kultur einen Platz für Lustiges, für Komödie, den Sie mit Importen aus England füllen. Und weil es in Deutschland diese Lücke gibt, habe ich es wahrscheinlich geschafft, bei Ihnen veröffentlicht zu werden: Ich passe da hinein. Auch wenn ich meine Bücher nicht als „Komödien“ bezeichnen würde, denn ich versuche nicht, lustiger zu sein als das Leben. Ich schreibe wirklichkeitsnah, nicht auf Lacher hin.

Hat die Maori-Kultur Bedeutung für die europäischstämmigen Autoren Neuseelands?

Das war ja eine orale Tradition, es gab nichts Geschriebenes, als die ersten weißen Siedler kamen. Wir haben auch nicht besonders viel Zeit mit Maori verbracht, ich zum Beispiel bin nicht in einer Maori-Umgebung aufgewachsen. Ich würde also nicht sagen, dass es mich beeinflusst hat. Mich haben Fernsehen und Film geprägt, dies war meine Ausbildung: vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher sitzen. Ich bin in einer sehr großen Familie aufgewachsen und habe beinah tödliche Fernseh-Mengen konsumiert. Meine Eltern hatten einen kleinen Laden, fast niemand sonst in der Nachbarschaft konnte sich einen Fernseher leisten. Mein Vater kaufte das erste Gerät und sagte: Die gute Nachricht ist, dass wir einen Fernseher haben, die schlechte, dass er auch für die Nachbarschaft ist. Er drehte den Fernseher so, dass man von der Straße aus zusehen konnte. Wir sind rausgegangen, haben uns Decken über die Schultern gehängt, auf die Straße gesetzt und durchs Fenster geguckt. Fernsehen wurde dieses magische, fast religiöse Ding. Ich wurde 1961 geboren; in Neuseeland war TV etwas sehr Neues, als ich aufwuchs.

Gibt es denn trotzdem etwas in Ihrem Schreiben, das „Kiwi“ ist?

Ich glaube, die „Kiwi“-Kultur beruht im Grunde auf einer klassenlosen Gesellschaft. Und mein Schreiben reflektiert etwas von dieser Klassenlosigkeit. Ich interessiere mich für Charaktere quer durchs soziale Spektrum. Außerdem gibt es diesen Sinn für Humor. Wir haben einen Begriff dafür, „deadpan“ (trocken), es ist ein sehr zurückhaltender Humor. Aber meine persönliche Erfahrung als Kiwi hat damit zu tun, dass ich als eines von sieben Kindern aufgewachsen bin. Das Chaos eines solchen Familienlebens findet sich in meinen Büchern, Familie ist eines von meinen Themen.

Sie haben in einem Interview gesagt: Alle sechs neuseeländischen Autoren werden auf der Frankfurter Buchmesse sein.

Das war sehr unhöflich von mir. Hiermit leugne ich, das je gesagt zu haben. Wie ein Politiker werde ich sagen: Ich wurde falsch zitiert, wurde aus dem Zusammenhang gerissen … (lacht).

Viele neuseeländische Autoren scheinen woanders zu leben.

Einer von vier Neuseeländern lebt woanders. Manchmal geht einem hier einfach der Sauerstoff aus. Man muss reisen. Ich bin sehr neugierig und wollte wissen: Was geht draußen vor sich? Es entsprach meiner Persönlichkeit, ins Ausland zu gehen. Viele Neuseeländer reisen in ihren Zwanzigern. Das macht man so, wenn man von einer kleinen Insel kommt. Sie ziehen um – aber viele kommen wieder zurück. Ich habe mein Haus hier behalten und komme einmal im Jahr.

Richard Taylor, Chef der Spezialeffektfirma Weta Workshop, hat gesagt: Wir sind global, weil wir isoliert sind. Ist das in der Literatur auch so?

Nun, für viele Themen müssen Sie die Dinge betrachten, wie sie unter Druck, in extremen Zuständen sind. Neuseeland aber ist ein unauffälliges, zurückhaltendes Land. So sind viele unserer Dramen psychologisch. Sie handeln von den psychologischen Verletzungen, die wir uns zufügen. Als Autor interessiert mich mehr, was mit den Menschen passiert, die in den großen Städten dieser Welt leben, die um jede Kleinigkeit kämpfen müssen. Das war der Impuls, aus dem heraus ich am Anfang meiner Karriere schrieb.

Sie haben in einem Interview auch einmal gesagt, als Rat an Nachwuchsautoren: Es ist wichtig, am Anfang der Karriere etwas Infames zu schreiben.

Ja. „Ladies’ Night“ ist eine billige Sexkomödie, die wir (McCarten mit einem Freund, d. Red.) mit 25 geschrieben haben. Und ich empfehle jedem, der dazu Lust hat, mit 25 eine billige Sexkomödie zu schreiben. Sie hat mir ein Einkommen ermöglicht. Es subventioniert alles, was ich tue. Jeden Tag ist das Stück irgendwo auf der Welt auf der Bühne zu sehen, und das seit 25 Jahren. Es ist ein Phänomen, und ich bin sehr dankbar dafür. Aber der Rat hat auch einen ernsteren Hintergrund: Wenn Sie schreiben, müssen Sie etwas riskieren. Ob es nun Selbstentblößung ist oder eine Abwendung von orthodoxen Ideen. Ich finde, wenn mein Werk nicht gefährlich ist für mich – persönlich, emotional, ideologisch –, dann fordere ich mich nicht heraus. Ich frage mich immer: Bin ich hart an einer Grenze? Als wir diese Sexkomödie schrieben, haben wir gesagt: Das wird nie einer aufführen, mit diesen Jungs, die sich ausziehen.

Was versprechen Sie sich von der Frankfurter Buchmesse für neuseeländische Autoren?

Es ist eine fantastische Plattform, wir können neue Stimmen mitbringen, neue Aspekte zeigen. Die Bücher vieler neuseeländischer Autoren reichen nie über unser Land hinaus, das ist ein Marketingproblem. Es braucht viel Energie, der Öffentlichkeit zu sagen: Ihr solltet euch für diese Person interessieren. Viele Verleger haben nicht die Energie, Zeit oder das Geld, das zu tun. Die Frankfurter Buchmesse kann das für diese Autoren erledigen. Das ist wirklich wichtig für eine kleine Insel-Kultur, die meist nur mit sich selbst im Dialog ist. Der Regisseur Peter Jackson ist die Ausnahme, er ist im Dialog mit der Welt. Aber Neuseeland ist ein sehr kleiner Markt, eine sehr kleine Volkswirtschaft.

Macht es das E-Book leichter für abgelegene Autoren?

Meine Söhne sagen immer: Oh, kein Problem, wir können uns das kopieren, da draußen gibt es alles. Aber ich bin in Panik. Mein jüngster Film hatte in New York Premiere („Death of a Superhero“, Regie Ian Fitzgibbon, d. Red.), und mein Sohn mailte mir: Dein Film ist schon im Internet, kostenlos. Da war er noch nicht mal gesendet worden.

Paulo Coelho hat einige Bücher kostenlos zum Download bereitgestellt …

Ja, aber er ist in der beneidenswerten Lage, 15 Millionen Exemplare verkauft zu haben. Aber wenn Sie ein sich abstrampelnder Autor sind und Ihre Stromrechnung zahlen müssen, neigen Sie eher weniger zu, kostenlose PDFs abzugeben. Er leistet sich diesen Luxus als supererfolgreicher Autor. Aber das ist das Ende des Goldenen Zeitalters des Bücherverlegens, alles wird kostenlos und global werden. Musiker müssen auf Tour gehen – aber was sollen wir Schriftsteller machen? Lesungen? Das mag eine sehr pessimistische Sicht sein, aber sie beschäftigt insbesondere Nachwuchsautoren.

Haben Sie eine Lösung dafür?

Die einzige Lösung, die mir einfällt: Bücher so schön zu machen, so schön anzusehen, gut zu riechen, dass sie Kunstobjekte werden, Dinge, die man schätzt und auf den Wohnzimmertisch legt. Vielleicht müssen wir zurückgehen in die Vergangenheit, als Bücher kostbar waren, und seidene Lesezeichen wiedereinführen. Wenn damals das Haus brannte, griff man sich als erstes das Buch.

Glauben Sie, das funktioniert für die Internet-Generation?

Ja. Sehen Sie, wenn Steve Jobs das Buch erfunden hätte, hätte er sich hingestellt und gesagt: „Wir haben etwas für Sie. Sie müssen es nicht aufladen. Wenn es Ihnen auf die Nerven geht, können Sie es quer durchs Zimmer schleudern. Es kommt mit seiner eigenen individuellen Farbe und Form. Es ist physisch, Sie können es fühlen, riechen. Heute geht es in den Verkauf, wir nennen es: DAS BUCH. Wir lieben es und denken, Sie werden es auch lieben. Wir führen außerdem ein zweites Produkt ein, wir nennen es das Bücherregal, und Sie können alle Ihre Bücher hineinstellen. Und wenn Ihre Freunde Sie besuchen kommen, können diese sehen, was Sie lesen. Und dann können Sie darüber reden, was Sie lesen. Wir glauben, es ist die Zukunft. Und wir hoffen, das tun Sie auch. Vielen Dank.“ – Das E-Book ist neu, und der Mensch bevorzugt immer das Neue vor dem Alten, aber meiner Meinung nach ist das E-Book im Vergleich zum Buch die minderwertigere Schnittstelle. Deswegen habe ich eine, vielleicht romantische, Ahnung, dass die Modeerscheinung vorbeigeht und das Buch als das bessere Produkt wiederkommt.

Sie haben ein Vorwort geschrieben zu einer Neuausgabe von Kurzgeschichten Katherine Mansfields …

Ja, sie ist die größte neuseeländische Schriftstellerin. Sie war die erste, die die Techniken Tschechows in die englische Sprache importierte. Sie ist eine sehr unterschätzte Autorin. Aber sie hat eine ganz feine psychologische Charakterisierung ihrer Figuren. Sie war eine eher durchschnittliche Autorin, bis bei ihr Tuberkulose diagnostiziert wurde. Mit dem Tod vor Augen hat sich etwas in ihr verändert. Sie wurde zu einer Autorin, die wunderbar die Essenz des Lebens feiert. Sie verdient einen Platz als eine der größten Kurzgeschichten-Autorinnen in englischer Sprache.

In Ihrem bei uns vielleicht bekanntesten Buch, „Superhero“, zu dem es auch einen Film gibt, stirbt ein 14-Jähriger an Krebs.

Ich wurde als Katholik erzogen, und wenn man das wird, ist man sich des Todes sehr bewusst. Man geht dauernd zu Begräbnissen, und Tote wurden früher noch zu Hause aufgebahrt. Leben ist etwas Vergängliches, danach kommt die Ewigkeit. Es hat auch etwas Lyrisches und Poetisches. Das hat mir vielleicht das Gefühl einer gewissen Dringlichkeit gegeben. Katholiken wissen, dass das Leben ein Todesurteil ist.

Das Gespräch führte Sylvia Staude.

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