Innen- und Außenansicht

Deutsch-türkische Geschichte

Von FRANK KEIL

"Der Türke scheint sich, wenn er richtig angefasst wird, durchaus einzufügen und brauchbar zu sein." So schreibt der Landwirtschaftsverband Westfalen-Lippe im Oktober 1956 in einer Erklärung und meinte das - heute schwer zu glauben - durchaus euphorisch positiv. Zuvor hatten die Bundesrepublik und die Türkei höchst offiziell Verhandlungen aufgenommen: Türken sollten helfen, den anhaltenden Arbeitskräftemangel in Westdeutschland für eine gewisse, noch nicht abzuschätzende Zeit zu beheben.

Nächstes Jahr kehren wir zurück …, betitelt Karin Hunn daher folgerichtig ihre Untersuchung über die Geschichte so genannter türkischer Gastarbeiter von den Fünfzigern bis in die Achtziger. Emsig hat die Autorin recherchiert, Archive durchwühlt und Akten geblättert. Das Ergebnis: Ein faktenreiches und gut lesbares Buch, das vieles in Erinnerung ruft. Bei der Bewertung der Fakten ist Hunn zurückhaltend und vertraut in guter Historikertradition darauf, dass die Leser sich ein Bild machen werden.

Dass in den Anfangstagen der Arbeitsmigration gerade in konservativen Kreisen die Türkei als selbstverständlicher Teil Europas angesehen wurde, wird ebenso schlüssig wie unemotional belegt, wie aufgeräumt wird mit der Alltagsmär, seinerzeit seien Scharen von ungebildeten anatolischen Bauern in die wieder aufgebaute Bundesrepublik eingefallen, an deren Menschwerdung sich der deutsche Sozialarbeitermichel bis heute abzuarbeiten hätte. Den Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung zum am Ende wenig Guten sieht die Autorin im Anwerbestopp November 1973.

Einen weiteren, nicht minder interessanten Schwerpunkt legt die Autorin auf die Rolle der Gewerkschaften. Dabei ist sie durchaus gewillt, diesen ein gutes Zeugnis auszustellen; zugleich watscht sie diese immer wieder ab. Beispiel: die mal geschickt eingefädelte, mal auch brachial durchgesetzte Praxis, Posten und Positionen in den eigenen Häusern und Etagen nur sehr begrenzt mit nicht deutschen Personen zu besetzen.

Hunn verlässt Mitte der achtziger Jahre die gesellschaftliche Bühne. Bei Interesse an der Gegenwart bietet sich ergänzend wie erweiternd ein schmaler Sammelband an, der zugleich die allein deutsch-türkische Sichtweise verlässt. Insider - Outsider vereint ein knappes Dutzend Aufsätze junger Akademiker, die das haben, was man etwas abstrakt-verschämt einen Migrationshintergrund nennt. Entsprechend treibt sie der Wunsch nach einer fundierten wissenschaftlichen Analyse über die Betrachtung der eigenen Familienbiografie hinaus.

Empfehlenswert ist etwa der Aufsatz "Wir sind gemeinsam stark?" von Gökce Yurdakul über das Verhältnis von Migrantenorganisationen und Gewerkschaften. Yurdakul bestätigt Hunns Analyse der Gewerkschaften als Migrationshindernis und führt weiter in die heutigen Tage. Analysiert wird der Wechsel vom Kampf um die Einhaltung von klar definierbaren Arbeitnehmerrechten hin zur Debatte um die weit diffuseren und vor allem mittelschichtsorientierten Bürgerrechte.

Auch der Aufsatz über türkische Nachkommen im wiedervereinigten Deutschland von Nevim Cil ist sehr lesenswert. Nach Cil hielt das Gemeinschaftsgefühl nicht lange vor. Wie aus einem diffusen flugs das national allein bestimmende Volk wurde, wurden auch die Eingewanderten wieder an den gesellschaftlichen Rand geschoben. Cil grundiert damit einmal die oft ratlose Debatte um eine tatsächliche oder vermeintliche Hinwendung gerade der zweiten und dritten Generation zum Islam.

Sehr illuster wie auch weit vorausschauend ist der Aufsatz "Wer liegt oben?" von Jennifer Petzen über divergierende Maskulinitäten in der schwulen Szene. Ausgehend von Kontaktanzeigen in Berliner Szeneblättchen, in denen willige Südländer oder stramme Neger gesucht werden, widmet sich die Ethnologin der aktuellen Konstruktion von Hypermaskulinität als moderne Wiederauferstehung des einstigen schönen Wilden. So wie auch ihr Einwand, die Kopftuchdebatte werde in Wahrheit von konkurrierenden Männlichkeiten geführt, für neuen Denkstoff sorgt. Dieser ist angesichts einer knapp fünf Jahrzehnte währenden Debatte um Zuwanderung und Integration wirklich gut zu gebrauchen.

Karin Hunn:Nächstes Jahr kehren wir zurück… Zur Geschichteder türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik. Wallstein,Göttingen 2005, 598 Seiten, 46 Euro.

Forschungsnetzwerk IFADE (Hrsg.):Insider - Outsider. Bilder, ethnisierte Räume und Partizipation im Migrationsprozess. Transcript, Bielefeld 2005, 247 Seiten, 23,80 Euro.

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