Inmitten der Fülle kein Eigentliches

Sabine Schiffners Roman-Debut "Kindbettfieber" geht in Zeitzeugenschaft und erzählerischer Ängstlichkeit unter

Von xpeko

Eine Familie in Bremen. Vier Generationen einer Familie in Bremen - und das Schicksal eines Dienstmädchens. Alles beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Agnes Wittstock war vierzehn, als sie aus Moordeich bei Bremen in die Stadt in Stellung gegeben wurde. Und siebzehn, als der Herr des Hauses, ein Apotheker Henrich Abken Freudenthal sie schwängerte. Wenige Monate später verschwand er. Ging ins Wasser, ins Moor, irgendwohin. Er galt als schwermütig, aber dann fand seine Frau einen sehnsüchtigen Brief, den er an eine andere geschrieben und nicht abgeschickt hatte, offenbar an keine von Stand.

Man erfährt nicht, ob sich der Apotheker wegen der Magd Agnes das Leben genommen hat, aber es wird, so unwahrscheinlich es ist, zumindest nahe gelegt in Sabine Schiffners Roman Kindbettfieber. Wobei sich dieser Titel nicht auf das Dienstmädchen bezieht, sondern auf die nachfolgenden Frauen der Familie. Die arme Agnes floh zu ihrer Mutter, gebar nächstens ohne jede Hilfe einen Sohn und ließ ihn, als angeblichen Nachzügler und jüngsten Bruder, dort. Sie selbst ging zurück in Stellung. Die eheliche Freudenthaltochter Hinrike indessen, nur zwölf Jahre jünger als Agnes, begann im Jahr 1911, als sie bereits verheiratet war und wohlversorgt im Kindbett lag, plötzlich zu fiebern. Ebenso, später im Jahrhundert, ihre Tochter Elisabeth und noch später deren Tochter Frieda.

Das Kindbettfieber ist die Folge einer Infektion. Sabine Schiffner jedoch, die 40-jährige, aus Bremen stammende und in Köln lebende Autorin, deren erster Roman dies ist, schiebt die Sache eher in Richtung postnatale Depression. In den Tagen nach den Geburten sind die Freudenthalschen Frauen nicht ganz bei sich, halluzinieren vom Wasser und dem verschwundenen Großvater und resümieren ihr bisheriges Leben - beziehungsweise geben der Autorin die Möglichkeit, dies zu tun. Das Verschwinden des Ahnherrn scheint ein Fenster zur Schwermut geschaffen zu haben, das auf der weiblichen Linie vererbt wird und sich jeweils im Moment des Gebärens - eine Erinnerung an den Sündenfall der unehelichen Geburt von Agnes' Sohn? - kurz öffnet.

Ebenfalls gemeinsam ist allen Frauen, dass sie vor ihrer Heirat mit einem anderen Mann in Versuchung geraten sind. Mit einem dunkelhaarigen oder dunkelhäutigen - wie auch der Urgroßvater ein für die Familie ungewöhnlich dunkler Typ war, mit hellen Augen allerdings: "Er wurde oft für einen Italiener gehalten", schreibt Schiffner. Dass Freudenthal ein jüdischer Name ist, scheint Zufall zu sein, zumindest wird daraus nichts entwickelt. Im allgemeinsten Tonio-Kröger-Sinn steht "das Dunkle" vielmehr für das gesellschaftlich nicht Passende. Geheiratet wird dann nämlich jeweils ein pensionsberechtiger Blonder, der mal Julius heißt, mal Friedrich oder Ansgar.

Sie sind also versorgt, aber nicht glücklich, diese Frauen, desperate housewives gewissermaßen, doch ohne Ironie und Action. Tatsächlich passiert im Grunde kaum etwas in diesem Buch, das trotzdem mit ganz hohem und betont mußevollem Erzählton anhebt, tausenderlei Details aus Haus und Garten, Stadt-, Kultur- und Zeitgeschichte zu summieren, als gelte es, Außerordentliches zu flankieren, aber der Kaiser ist nackt, will sagen: Inmitten des Füllstoffes gibt es kein Eigentliches.

Schicksalhaftes wird zwar immerzu dräuend angerissen, aber dann doch nie erzählt. Eine Liebe zum jüdischen Nachbarsohn zu Beginn der Nazizeit. Oder dass aus jeder Generation Familienmitglieder nach Südamerika gehen, wohin auch Agnes' Mutter mit dem unehelichen Spross ausgewandert ist. Eine Geschichte ergibt sich daraus ebenso wenig wie aus der unermüdlichen Einbettung der Figuren in die jeweiligen Zeitläufte. Kaum geht Agnes im Jahr 1911 einmal als Kinderfrau mit dem Baby im Park spazieren, erlebt sie am eigenen Leibe die Auswandererwelle, erfährt von der Dienstbotenemanzipation und erblickt den ersten Zeppelin.

So viel beflissene Zeitzeugenschaft ist selten in einem Roman und hat dort womöglich auch gar nichts zu suchen. Zwar gibt es aktuell durchaus Vorarbeiterinnen im Genre des Zeitgeschichtsromans. Aber Kerstin Hensel, der dies im Ton und der Detailhuberei zuweilen nacheifert, wählt sich kompaktere Sujets und hat auch erzählerisch Eigenständiges zu bieten. Und bei Kathrin Schmidt, deren Fähigkeit, große familiengeschichtliche Bögen zu schlagen, Schiffner ebenfalls inspiriert haben könnte, dient Reales nie bloß der Illustration, sondern ist Anlass und Bedingung systemisch schlüssiger, stets überaus spannender Verstrickungen.

Sabine Schiffner erzählt in Sprüngen jeweils aus der Perspektive der Frauen, verortet in den Jahren 1911, 1941, 1963 und 1981, wobei die Kapitel seltsamerweise nach Tagen benannt sind. Am Sonnabend also im Jahre 1911. Oder am Dienstag 1941. Ähnlich diffus wirkt die Mischung aus überpersönlicher Allwissenheit der Autorin und einem rückhaltlosen Sich-Reinschleichen in die Figuren, wobei beide Tonarten mit Zitaten durchsetzt sind. Sprichworten, Liedtexten oder Dokumenten. Man ahnt die Idee eines polyphonen Erzählteppichs, auf dem das große Ganze ebenso Platz hätte wie das Private und speziell das Reale und Erdichtete. Aber das funktioniert nicht. Man merkt nur den Fleiß, und wenn einer bei der Taufe seiner Tochter im Jahr 1941 auf dem Weg in den Luftschutzbunker noch darauf achtet, welche Glocken er hört und welche fehlen im Geläut (die Brema), dann ist das städtekundlich interessant, aber ansonsten unfreiwillig komisch.

Dramaturgischer Fluchtpunkt von Kindbettfieber ist eine Vertreterin der vierten Generation nach Henrich Abkens Verschwinden aus dem Familienleben, Sigune, geboren 1963. Sie erhält an ihrem 18. Geburtstag allerlei Familieninsignien und trifft alsbald - eingebettet in nicht weniger als den Ostermarsch, ein Westernhagen-Konzert sowie eine Anti-Strauß-Demonstration, alles an einem Tag - einen jungen, deutsch sprechenden Mexikaner namens Ulrich, der sich als Abkömmling von... - aber lesen Sie selbst!

Dass man am Ende nicht weiß, ob der Fluch der urgroßväterlichen Verfehlung in Sigunes Geschichte nun endgültig zugeschlagen oder sich im Gegenteil aufgelöst hat, ist typisch für Schiffners erzählerische Ängstlichkeit und spricht eindeutig gegen das Buch. Trotzdem sei erwähnt, dass sie mit dem Manuskript im letzten Sommer für den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt kandidierte und von der Jürgen-Ponto-Stiftung den Preis für das beste Prosadebüt 2005 erhielt.

Sabine Schiffner: "Kindbettfieber". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, 334 Seiten, 18,90 Euro.

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