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Inkarnationen eines Helden

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Von: Danijel Majic

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Autor Helmut Rellergerd, der Mann hinter John Sinclair.
Autor Helmut Rellergerd, der Mann hinter John Sinclair. © rtr

„Geisterjäger John Sinclair“ ist Buchmesse-Gast - oder jedenfalls ist sein Schöpfer Gast der Leipziger Messe - und hört keineswegs auf.

Der Mann des Abends versteckt sich hinter einem Sarg. Wie es sich gehört. Draußen das Gräberfeld des Leipziger Südfriedhofs, drinnen, in der großen Trauerhalle, rund 100 Fans, die darauf warten, dass sich der Papp-Sargdeckel hebt. Wer sich dort verbirgt, ist ein offenes Geheimnis. Doch wenn Gruselfans zusammenkommen, dann ist das Spiel mit Klischees des Genres Pflicht.

Als es soweit ist, erheben sich die Fans zu Ovationen. Hinter dem Sarg kommt ein ergrauter Hüne zum Vorschein, der gebeugt auf einem Stuhl sitzt. Helmut Rellergerd alias Jason Dark ist sichtlich gerührt. „Womit habe ich das nur verdient“, fragt er leise.

Man könnte mit Zahlen antworten: Eine Gesamtauflage von mehr 200 Millionen macht den Mann aus Bergisch-Gladbach zum erfolgreichsten deutschen Schriftsteller – auch wenn sich diese Auflage auf gut 2000 Heftromane und mehrere Hundert Taschenbücher verteilt. Auf den meisten davon prangt der Titel „Geisterjäger John Sinclair“. Rellergerd wird an diesem Abend dafür gefeiert, dass er diese Figur erschaffen hat. Nur wenige der Anwesenden kennen John Sinclair noch in seiner ursprünglichen Form als Groschenroman-Helden. Denn auf dem Südfriedhof wird weniger die Roman- als die Hörspielserie, deren 100. Folge am vergangenen Freitag erschienen ist, gefeiert.

Auf dem Vorplatz des Leipziger Hauptbahnhofs verkünden Plakate Gelb auf Schwarz den Titel: Das Ende. Das Marketing des Verlags Bastei-Lübbe hat in den vergangenen Monaten Spekulationen über weitreichende Änderungen an der seit 15 Jahren laufenden Serie befeuert. Dass sie wirklich enden könnte, hat aber kaum jemand geglaubt. Die Audio-Abenteuer des Geisterjägers sind viel zu erfolgreich. Bastei-Lübbe spricht von der erfolgreichsten „Horror-Hörspielserie aller Zeiten“.

Rare Zielgruppe: Erwachsene

Im Vergleich zu Hörspielserien wie „Die drei ???“ oder „TKKG“, die sich vorrangig an Kinder richten, nimmt sich „John Sinclair“ mit rund 10 000 verkauften Tonträgern und einigen Tausend legalen Downloads pro Folge zwar fast bescheiden aus. Doch in seinem kleinen Marktsegment der Erwachsenen-Hörspiele ist der Geisterjäger Spitze.

Mehr noch. Als die Serie im Jahr 2000 gestartet wurde, löste sie einen Boom aus. Ein Dutzend Serien aus den Bereichen Fantasy und Horror tummelte sich zeitweise auf dem Markt. Alle hatten dieselbe Zielgruppe: Die „Kassettenkinder“ der 80er, die seinerzeit bereits Hörspielserien auf MC gehört hatten. 15 Jahre später allerdings kämpfen selbst renommierte Serien mit langsam aber stetig erodierenden Verkaufszahlen. „John Sinclair aber hat eine so große Fanbasis, dass das abgefedert wird“, sagt Marc Sieper, Chef von Lübbe-Audio.

Tatsächlich scheint „John Sinclair“ als Marke ähnlich wie die Romanfigur, die bereits in mehreren Körpern gegen das Böse gekämpft hat, nicht totzukriegen zu sein. Was 1973 als Subserie in einer Heftromanreihe startete, wurde 1978 ausgebaut, in den 80ern erstmals vertont, Ende der 90er sagenhaft schlecht von RTL verfilmt und ab 2000 zur Blaupause für moderne deutsche Hörspielserien. Inzwischen ist mit den „John-Sinclair-Classics“ bereits eine zweite Hörspielreihe am Markt. Die Marke schlüpft von Körper zu Körper – und hat meistens Erfolg. Seine nächste Wiedergeburt soll der Geisterjäger Ende März erleben, wenn erstmals eine englischsprachige Hörspielserie erscheint.

Der neue John Sinclair wird wenig gemein haben mit dem James-Bond-Verschnitt, als der er seinerzeit das Licht der Welt erblickte. Der englische Geisterjäger trägt ein Trauma aus seiner Zeit in Afghanistan mit sich herum, nimmt die Befehle von seinem schwulen Chef entgegen und glaubt – zumindest in der ersten Staffel – nicht an das Übernatürliche.

Dagegen wirken die Änderungen in der deutschen Serie kosmetisch. Der Sprecher wechselt: John Sinclair klingt künftig nicht mehr wie Kevin Costner, sondern wie Daniel Craig. Alles andere bleibt beim Alten. Bis zur nächsten Wiedergeburt.

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