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Inhalte statt Inszenierungen

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Von: Christoph Schröder

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In Leipzig lesen alle, sogar die Kinder. Der Griff zum Buch ist für sie sonst angeblich eher ein notweniges Übel wie der Gang zum Zahnarzt.
In Leipzig lesen alle, sogar die Kinder. Der Griff zum Buch ist für sie sonst angeblich eher ein notweniges Übel wie der Gang zum Zahnarzt. © dpa

Aufbruchssignale: Gestern ist die Leipziger Buchmesse mit einem neuen Besucherrekord zu Ende gegangen

"Gelobt, geschmäht, verleumdet. Das Buch, über das alle reden." So stand es auf den Plakaten, die der Eichborn Verlag überall auf dem Leipziger Messegelände hatte aufhängen lassen. Gemeint war Thor Kunkel und sein Roman Endstufe, dessen ebenso abenteuerliche wie fragwürdige Publikationsgeschichte die Feuilletons mehrere Wochen beschäftigt hatte. Und dann sitzt der Autor vor einer, gemessen an der Energie, die zuvor in diesen Roman gesteckt wurde, erstaunlich kleinen Zahl von Zuhörern und Kameras, liest eine ebenso alberne wie geschwätzige Passage aus seinem Buch vor. Selbst wenn im Vorfeld versucht wurde, aus den publizistischen Wallungen verkaufsförderndes Potenzial zu schlagen: kaum jemand redete im Anschluss noch darüber, allenfalls über die beeindruckende Zahl der gelehrten Zitate, die Kunkel gesammelt hat, um jedem einzelnen Kapitel eines davon voranzustellen, von Heraklit über Goethe bis hin zu Oswald Spengler. Diesen Zettelkasten würde man gerne sehen.

Es gab ganz einfach Wichtigeres auf der am Sonntag zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse, Inhalte und Entdeckungen statt Inszenierungen. Das war das Erfreuliche in Leipzig - keine Hektik und kein Lizenzenverkaufsstress, stattdessen allseits gelöste Stimmung unter Ausstellern und Besuchern. Während im Herbst in Frankfurt noch die Angespanntheit einer ganzen Branche physisch spürbar war, glaubte man in Leipzig Aufbruchsignale wahrnehmen zu können. Nicht ganz ohne Grund, denn Zuwächse wurden in jeder Hinsicht gefeiert, und wenn sie sich nicht durch Zahlen belegen ließen, so wurde die Gesundung des Marktes in optimistischen Tönen prognostiziert: mehr Aussteller als im Vorjahr (2084 aus 30 Ländern), eine um neun Prozent gestiegene Ausstellungsfläche und eine deutlich anwachsende Besucherzahl, die mit 102 000 den höchsten Wert seit Bestehen der Messe erreichte. Nächstes Jahr soll es mehr Platz geben. Hinzu kommt, dass Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann für die Monate Januar und Februar einen Umsatzanstieg von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr verkünden konnte.

Missverständnis oder Dummheit

Der Eklat auf der Eröffnungsfeier, den die lettische Außenministerin Sandra Kalniete ausgelöst hatte, indem sie in ihrer Rede die kommunistischen und nationalsozialistischen Verbrechen ansatzweise verglich, was Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dazu veranlasste, den Saal unter Protest zu verlassen, weitete sich nicht zur diplomatischen Affäre aus, sondern wurde als das betrachtet, was er war: ein Missverständnis besten-, eine Dummheit schlimmstenfalls. Ein wenig peinlich, nicht weiter der Rede wert.

Das gilt auch für die Gala, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nun zum dritten Mal anlässlich der Verleihung des Deutschen Bücherpreises ausgerichtet hat. Im Vergleich zu den Vorjahren muss man von einer gelungenen Veranstaltung sprechen, dennoch war es jene Mischung aus Verschnarchtheit und Hybris, die angesichts einer Jury, in der auch die Ex-Bravo-TV-Moderatorin Enie van de Meiklokjes mitzubestimmen hat, und angesichts einer willkürlich erscheinenden Auswahl der Nominierungen, die grundsätzliche Frage nach dem Konzept aufwarf. Rührend allerdings die Schauspielerin Anna Thalbach, die statt einer Laudatio einen Text ihres 2002 verstorbenen Vaters Thomas Brasch vortrug. Rührend auch die Überraschungssiegerin in der Kategorie Debüt, Yadé Kara, die selbst um zwei Uhr nachts im Paulaner, dem Bertelsmann-Treffpunkt in der Leipziger Innenstadt, nur ungern bereit war, ihre rund sechs Kilogramm schwere Bücherbutt-Trophäe aus der Hand zu geben.

Die Branche feierte, doch vergaß sie dabei nicht, ihre eigenen Umwälzungen zu reflektieren. In einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Bücher vor Gericht" saßen unter anderem Helge Malchow, Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch, der Literaturkritiker Ulrich Greiner und der schreibende Rechtsanwalt Georg M. Oswald. Während Oswald angesichts der Prozesse um die Romane Maxim Billers und Alban Nikolai Herbsts von der "Allzweckwaffe Wiedererkennbarkeit", die sich gegen die Literatur richte, sprach, merkte Greiner zu Recht an, dass es zum gegenwärtigen Selbstverständnis mancher Autoren gehöre, justitiabel zu werden. Dieser Trend zum Buch als Ereignis, hinter dem der literarische Wert verschwindet, wurde von Helge Malchow als eine Gefährdung der Freiheit der Fiktion gedeutet.

Im Mittelpunkt der Leipziger Buchmesse stehen die Autoren und deren Präsentation, hier gab es einen deutlichen Anstieg von 190 auf 260 Veranstaltungen. Es zeigte sich, wie erholsam und erhellend es sein kann, den leisen Vertretern zuzuhören. Und wie erfreulich es ist, dass sie ein Podium bekommen. Der Bosnier Dzevad Karahasan zum Beispiel, der den mit 10 000 Euro dotierten Buchpreis zur Europäischen Verständigung entgegen nahm, und aus dessen Mund der Satz "So lange ich erzählen kann, lebe ich auch" keineswegs wie eine Floskel erschien.

Orange oder rot

Oder der große Schriftsteller Georg Klein, der nur wenige Minuten nach dem großen Kunkel-Auftritt, kaum beachtet, am Stand zunächst mit der Unzulänglichkeit der Technik kämpfte, dann unglücklich war über die Farbkombination zwischen orangem Mikrofon und rotem Hemd, um schließlich das erste Kapitel seines im Sommer erscheinenden Romans Die Sonne scheint uns vorzulesen, in dem der unverwechselbare, dunkle und doch präzise Klein-Sound anklang. Erwähnenswert auch die Wahl der im literaturhaus.net zusammen geschlossenen Literaturhäuser, die auf dem "Blauen Sofa" ihren diesjährigen Preis an Peter Kurzeck verliehen, einen ebenso eigensinnigen wie großartigen Autor, einen manisch Schreibenden, den es für das breite Publikum noch zu entdecken gilt.

Ob Leipzig 2004 eine geglückte Momentaufnahme oder einen Trend darstellt, ist offen - sollte Bertelsmann sein finanzielles Engagement in der Reihe "Leipzig liest", die einen gehörigen Teil der Popularität ausmacht, zurückschrauben, wäre das ein herber Rückschlag. Daran aber wollte in diesen Tagen niemand denken, an denen die Sonne die große Glashalle der Messe in freundliches Licht tauchte.

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