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Lyrikerin Ingrid Mylo.
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Lyrikerin Ingrid Mylo.

Lyrik

Ingrid Mylo „Überall, wo wir Schatten warfen“: Wohin sind Bemühung und Schrift

  • vonEberhard Geisler
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In einer Zeit der heruntergekürzten Rätsel legt Ingrid Mylo ihren so anschaulichen wie reflektierten Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ vor.

Es ist faszinierend, die seit einiger Zeit wieder höchstlebendige junge deutschsprachige Lyrik zu beobachten, zumal dieser Boom so unerwartet gewesen ist, aber man übersieht dabei leicht, dass sich jetzt auch ältere Dichterinnen und Dichter zu Wort melden, von denen es Bemerkenswertes zu lesen gibt. Man kann sogar von Gedichtbänden sprechen, deren Verse, eben weil sie Spätwerk sind, sozusagen zur Aktualität haben ausreifen können.

Sich-Wandelndes, Bleibendes

Dies ist der Fall auch bei Ingrid Mylo, einer mittlerweile 66-jährigen Autorin, die aus Frankfurt gebürtig ist, einzelne Gedichte schon in den achtziger Jahren veröffentlichte, sonst vor allem aber Filmkritiken, Drehbücher, Feuilletons, Kritiken für das „Bücherjournal“ des Hessischen Rundfunks schrieb und einmal sogar einen Fortsetzungsroman verfasste, der von 1999 bis 2001 in der Zeitschrift „Strandgut“ erschien.

Der neue Gedichtband setzt ein mit einer Erinnerung an helle Zimmer, an warmen Wind und Mirabellen. Es ist ein vergangenes Szenario, vor dem aber entfaltet wird, was den Leser schon auf der ersten Seite an die Frage nach der Schrift, nach sich wandelnder Lesart und bleibender Bedeutung heranführt. Die Dichterin überlegt: „Was trügt eher: Erinnerung. Oder die Welt, / in der eine Rose / keine Rose mehr ist und erst recht / keine Rose.“ Gertrude Stein, von der der berühmte Satz stammt: a rose is a rose is a rose, wollte ihren Ausspruch selbst wie folgt verstanden wissen: „Wenn ich das wiederhole, habe ich die Rötung wieder zur Rose gebracht.“

Das Buch:

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen. Gedichte. Voland & Quist, Berlin/Dresden 2021. 80 Seiten, 18 Euro.

Während die Amerikanerin auf die poetische Macht der Insistenz verweisen wollte, rückt Mylo aber von einer solchen, bloß einseitigen Behauptung ab und eröffnet ein hermeneutisch raffiniertes Spiel. Man sollte nicht an seiner Überzeugung irrewerden, so ist sie zu verstehen, etwas tatsächlich meinen und zum Ausdruck bringen zu können, zugleich aber bedenken, dass alles Gemeinte immer wieder nur im Spiel der Differenzen zum Ausdruck gelangen kann.

Als Mylo an einem kleinen Ort der Provence weilt, nimmt sie nicht nur Zikaden und Steineichen wahr, sondern sieht auch auf Olivenbäume. Hier setzt sie einen Sachverhalt ins Bild, der abermals in hermeneutischer Hinsicht zu lesen ist: „Oliven, die tausendmal / in den Zweigen einen Punkt setzen / hinter jedem Versuch, / die Lesart zu ändern.“ Jetzt, in der Betrachtung der Natur, beharrt sie sogar darauf, die Wucherung der Interpretationen auszubremsen und eines ursprünglichen, unwandelbaren Sinnes innezuwerden.

Man kann sagen, dass diese Dichterin in einer Gegenwart, die völlig auf Visualität fixiert scheint, die äußerste Bedrohtheit der literarischen Überlieferung erkennt und nun wieder den Buchstaben ins Spiel bringt. Wir leben in einer Zeit, in der die Rätsel, wie sie schreibt, „heruntergekürzt sind“, weil die einzig auf Gewinnstreben ausgerichtete Gesellschaft für Fragen nach Metaphysik in ihrer Buchhaltung keinen Platz kennt, und die verwunderte Frage erlaubt sein muss: „Wohin sind Bemühung und Schrift“.

Diesen Rückruf in das eigene sprachliche Medium begleitet Mylo durch zahlreiche, skizzenhafte Erinnerungen an Erlebnisse aus ihrem eigenen Leben. „Umwege tragen / Größeres bei“, weiß sie aus Erfahrung zu berichten, und wiederholt gedenkt sie geliebter Menschen, die sie verloren hat. „Wie viele / Tote haben in meinem Herzen / Wurzeln geschlagen, da nehm ich / auch Zweige, die mich streifen: berührt / ist berührt“. Ingrid Mylo weiß meisterhaft, Residuales wahrzunehmen und in seinem Entschwinden doch noch festzuhalten. Ihre Sprache ist unaufdringlich, knapp, präzise und lässt immer wieder gleichsam einen Hof um die Dinge spürbar werden, der nicht selber zur Sprache kommen muss.

Schließlich behalten auch Verlust und Vergänglichkeit hier nicht das letzte Wort. Das letzte Gedicht endet mit dieser Zeile, die keine Frage, sondern eine Feststellung ist: „Was richtet die Helligkeit an.“ In ihrer großartigen Anschaulichkeit bergen diese Gedichte gleichzeitig Philosophie. Das macht sie im Panorama der gegenwärtigen deutschen Lyrik besonders.

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