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Dunst über der Elbe, hinten Dresdner Altstadt-Silhouette.

Literatur

Ingo Schulze „Die rechtschaffenen Mörder“: Leseland ist abgebrannt

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Nominiert für den Buchmesse-Preis: Ingo Schulzes Dresden-Roman „Die rechtschaffenen Mörder“.

Wenn man von dem Legendenton irritiert ist, mit dem Ingo Schulze seinen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ beginnt, hilft es, einmal zum Motto zurückzublättern. Es ist ein Zitat des Philosophen und Kommunikationswissenschaftlers Vilém Flusser: „Wer kann denn das Ende eines Buches auch nur erahnen, wenn er darangeht?“ Der Roman nimmt die Leserin, den Literaturliebhaber zunächst auf, als wollte er eine wohlige Heimat bieten. Aber es kommt anders.

„Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers“, heißt es in dem Kapitel, da das „Antiquariat und Buchhandlung Dorothea Paulini, Inh. Norbert Paulini“ eröffnet wird. Es ist der 23. März 1977. Norbert Paulini, geboren 1953 in Dresden, startet nach Armeedienst und abgebrochener BMSR-Techniker-Lehre mit den Büchern seiner früh verstorbenen Mutter in seine Zukunft als Schatzwalter der Literatur. Seine Liebe zu Büchern macht ihn sympathisch, sein Auftreten lässt ihn altmodisch erscheinen.

Die Verortung des Paulini’schen Buchhauses im Dresdner Stadtteil Blasewitz, der wie der Weiße Hirsch und Loschwitz zu den alten Villenvierteln der Stadt gehört, der wiederholte Blick auf das Blaue Wunder, auch die anfangs etwas umständliche Sprache lassen an einen anderen Roman denken, der im bürgerlichen Milieu Dresdens zur Endzeit der DDR spielt, an Uwe Tellkamps „Turm“. Später mag einem die Buchhändlerin aus Loschwitz in den Sinn kommen, die durch ihre Nähe zu Pegida und den neuen Rechten über Sachsen hinaus bekanntgeworden ist. Ingo Schulze schreibt nicht davon, doch dieser Subtext läuft mit, wenn man das Buch in Kenntnis der Debatten der Gegenwart liest.

Drei Teile hat der Roman. Der erste folgt Norbert Paulini, wie er seinen Bestand aufbaut und ordnet, wie er dann mit einem Dichter einen Gesprächskreis eröffnet, also widerständig eine Öffentlichkeit in der DDR schafft. Nach deren Ende erfährt er eine Zurücksetzung nach der anderen. Die Unzahl von Büchern, Anfang der neunziger Jahre im Osten auf Müllkippen entsorgt, lässt sein Herz bluten. Dass die Stasi bei ihm mithörte, wird ihm selbst angekreidet.

Der zweite Teil legt nahe, dass die Person, die nun „ich“ sagt, den ersten geschrieben hat, selbst von Jugend an Kunde bei Paulini, in seinem Gesprächszirkel zu Gast, später verliebt in eine Frau, die Paulini zur Hand ging. Schultze heißt der Schreiber, fast wie der Romanautor.

Das Buch

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 320 S., 21 Euro.

Aus Berlin kommend, sieht er Demonstranten in Dresden, beobachtet mit Unbehagen, wie der Mann, der für sein geistiges Erwachen sorgte, engstirniger wird. Man mag dem folgen, wenn er lieber von einem „Kaffeestampfer“ spricht als von der „French Press“, und wenn er die Prostituierten nicht „girls“ nennen will. Doch dann sagt Norbert Paulini: „Meine Mädchen wussten schon damals: keine Kanaken, keine Schwarzen, und überhaupt, Vorsicht bei Ausländern, Ausländer nur im Notfall.“

Der dritte, kürzeste Teil des Buches wiederum beschäftigt sich mit dem Sprecher des zweiten. Aus der Ich-Perspektive schreibt nun die Lektorin Schultzes, die nicht nur professionelle Distanz gegenüber dessen Text wahrt, sondern auch als Westlerin Schwierigkeiten hat, dem Denk- und Gefühlswirrwarr zu folgen. Sie stößt auf Widersprüche in der Stimmungslage vor Ort – so wird aus einem Sturzhelm ein Stahlhelm – und in dem Manuskript.

Alle drei Teile beziehen sich aufeinander, im Licht des einen liest man den anderen. Der Autor sammelt Zeichen der Zeit ein, die er so platziert, dass sie zusammen ein Muster bilden. Zu Recht steht das Buch auf der Nominierungsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ingo Schulze hat sich in mehreren Romanen damit beschäftigt, wie die Erfahrung der zwei Gesellschaftssysteme das Leben der Ostler prägt, zuletzt in „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. Bisher interessierten ihn dabei vor allem die Rolle des Geldes und die ganz anderen Hierarchien. „Die rechtschaffenen Mörder“ führt zu einem Problem, das neuerdings nach den Bundestags- und Landtagswahlen bestaunt wird: Wie konnte die gewonnene Freiheit viele Menschen im Osten zu einer Haltung führen, die Unfreiheit für andere fordert?

Es wäre falsch, diesen Roman ein politisches Buch zu nennen. Seine große Stärke liegt, begründet schon durch die Konstruktion, in der Uneindeutigkeit, im Zweifel. Das ist Literatur. Sogar die Leseleidenschaft des Antiquars gilt letztlich nicht mehr als gesichert. Der Roman lässt – getreu dem Motto – anfangs nicht ahnen, in welchem Maße er die Leser am Ende mit Fragen beunruhigt.

Der Autor  geht auf große Lesereise und ist in Frankfurt beim Literaturmfestival zu erleben: bei der Eröffnungsveranstaltung am 23. März in der Nationalbibliothek sowie am 24. März im Marienturm. www.literaturm.de

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