+
Ingo Schulze war in Frankfurt zu Gast im Literaturhaus.

Literaturhaus Frankfurt

Bei Ingo Schulze geht es um die Utopie

  • schließen

Ingo Schulze spricht im Frankfurter Literaturhaus über seinen Roman "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst".

Ingo Schulze hat erkennbar Abstand zu den Zufälligkeiten von Juryentscheidungen. Gelassen spricht er am Mittwochabend im Literaturhaus vor Frankfurter Publikum. Nur wenige Straßen entfernt war am Vortag vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Initiator des Deutschen Buchpreises, die aktuelle Shortlist bekanntgegeben worden: Schulzes vielfach hoch gepriesenes Werk „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, das kritisch Schlüsselmomente der Wende analysiert, wurde nicht mehr genannt.

Im Gespräch am Abend, moderiert von Alf Mentzer, wird dennoch unbekümmert und oft gelacht. Ungewöhnlich war nur, dass der verlegerische Geschäftsführer der S. Fischer Verlage Jörg Bong zu Beginn ein Grußwort sprach, das es in sich hatte. Felsenfest stand er an der Seite seines Autors und würdigte dessen „eminent politischen“ Text als „besten Roman des Jahres“.

Dass dem Fischer Verlag und seinem Autor nun durch die ausbleibende Marketing-Auszeichnung ein zusätzlicher Marktanteil entgeht, passt eigentlich bestens zum Inhalt dieses Werkes. Denn Geld wird von Protagonist Peter Holtz als ein eher zu überwindender Störfaktor betrachtet. Es lenkt die Menschen ab vom eigentlichen Ziel: dem demokratischen Sozialismus.

In Ingo Schulzes Roman geht es um diese Utopie. Es geht um eine Zukunftshoffnung, die sich in der damaligen DDR gegen die „Have fun“-Lebensart des Westens richtet. Intellektuelle wie Christa Wolf hatten diese Position in einem Aufruf, der sich gegen das Ziel einer Wiedervereinigung richtete, einst formuliert. Als das Plädoyer dann aber auch von Egon Krenz unterzeichnet wurde, sei der Aufruf tot gewesen, erklärt Ingo Schulze. Im Buch reagiert der Ziehvater von Peter Holtz auf diese Unterschrift empört. „Er kriegt einen Wutausbruch, der mir ziemlich wichtig ist“, fügt der Autor leise hinzu.

Den hellsichtigen Blick auf kapitalistische Deformationen des Westens hat Ingo Schulze in die Figur des Schelms eingefügt. Nach Charlie-Chaplin-Manier versucht dieser unbeirrt, holprig und irgendwie liebenswert das Gute zu tun, ohne zu sehen, dass die Menschen um ihn herum das utopische Ziel längst aus dem Blick verloren haben.

Wann diese Ziele wegrutschten, lotet Ingo Schulze in seinem historischen Rückblick aus. Er analysiert mit feinem erzählerischem Gespür Kipp-Punkte der privaten und öffentlichen Geschichte. Verdeckt oder direkt (z. B. Gerhard Schröder) tauchen Personen der Zeitgeschichte auf. Es geht um die Gegenwart. Erzählt wird im Präsens. Auf Alf Mentzers Frage, warum die zeitkritische Analyse im Jahr 1998 endet, antwortet Schulze: Das Jahr ist ein Vorgriff auf das große Krisenjahr 2008. „In diesem Jahr ist das Heute schon drin“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion