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Hier strahlend: die zugeschaltete Bachmannpreisträgerin Nava Ebrahimi.
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Hier strahlend: die zugeschaltete Bachmannpreisträgerin Nava Ebrahimi.

Klagenfurt

Ingeborg-Bachmann-Preis: Nava Ebrahimi wagt das Risiko – und gewinnt mit „Der Cousin“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Nava Ebrahimi gewinnt mit guten Gründen den Ingeborg-Bachmann-Preis in einem spannenden, nicht immer triftigen Wettbewerb.

Alles spannend und knapp beim Wettbewerb zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, haarscharf die Ergebnisse bei den finalen Abstimmungen. Aber es ist immer wieder ein Erlebnis, wie sich dann doch auf den letzten Metern einiges zurechtrückt. So dass Nava Ebrahimi den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, glücklicherweise. Ein vielschichtiger Text über den Umgang mit einem familiären Trauma und über die Frage, wie sich künstlerisch damit umgehen, wie sich davon erzählen lässt. Dazu eine Autorin, die etwas riskierte und diesem Risiko literarisch gewachsen war.

Dass sie selbst, während sie sich schluchzend bei der Jury bedankte, erklärte, sie freue sich, dass ein „tastender, vielleicht auch unsicherer“ Text hier eine Chance bekommen habe, war nicht nur eine rhetorische Wendung. Zugleich jedoch gewinnt „Der Cousin“ seine Schärfe, seinen bitteren, bösen Beigeschmack daraus, dass es im Text dann durchaus um wohlkalkulierte, durchgestylte Kunst geht, eine bis ins Theatralische, womöglich ins Kitschige hinein ausinszenierte Kunst.

Die Erzählerin, selbst Autorin, hat einen Roman geschrieben, in dem ihr Cousin vorkommt, als Teenager bei der misslungenen Flucht der Mutter aus dem Iran festgesetzt und in einem thailändischen Gefängnis gelandet. Was dort passiert ist, ist das „Tschernobyl“ der über viele Länder verstreuten Familie, verstrahltes, nicht zu betretendes Terrain. Nun besucht die Autorin den Cousin, der in den USA ein erfolgreicher Tänzer geworden ist und seine Geschichte in einer zweifellos wohlvorbereiteten Performance unter Einbeziehung der ahnungslosen Cousine erzählt und tanzt. So dass die – in friedlicher Absicht vonstatten gehende, aber doch unleugbare – Ausbeutung der eigenen Geschichte und der Geschichte anderer thematisiert wird, aber zugleich auch die Befreiung dadurch. Im Text wird das nicht gewertet, lediglich klug entwickelt. Als die Erzählerin die Situation überschaut, ist er auch bereits zu Ende. Es gehe, konnte Juror Klaus Kastberger darum erklären, um den „Raum, den Kunst eröffnet“, um „Ausdrucksmöglichkeiten, die es sonst auch in demokratisch verfassten Gesellschaften nicht so ohne weiteres“ gebe.

Am Ende applaudiert das für die Erzählerin unsichtbare Publikum betroffen und begeistert, so sind wir, das stimmt. Und Ebrahimi verzichtet nicht auf das hingewisperte Wort „ausverkauft“ als letzte Anmerkung, denn auch Betroffenheit kann zu einem ökonomischen Erfolg führen. Das Publikum will betroffen sein, das ist keine Schande, das ist gut und richtig so, aber das hat immer auch eine unbehagliche Seite. Sie wird meistens überspielt, Ebrahimi überspielt sie nicht. 1978 in Teheran geboren, hat sie lange in Köln gewohnt, heute lebt sie – wie Kastberger, der sie zum Wettbewerb eingeladen hat – in Graz. Zuletzt erschien ihr zweiter Roman, „Das Paradies meines Nachbarn“. Sie schluchzte im kurzen Interview – wie alle Lesenden per Video zugeschaltet – wirklich ein wenig, erklärte dazu aber: „Seitdem ich Kinder habe, weine ich bei jeder Gelegenheit.“

Den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis gewann im Anschluss die 1996 geborene und damit jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbs, die Berlinerin Dana Vowinckel. „Gewässer im Ziplock“ lässt – offensichtlich aus einem größeren Zusammenhang genommen – in eine jüdische Familienkonstellation blicken, im Zentrum vor allem einerseits der einsame Vater, Kantor in Berlin, andererseits die Tochter, die sich in den Ferien in den USA bei den Großeltern nicht wohlfühlt, auf eine pubertäre Art nicht wohlfühlt, die Vowinckel in der Tat greifbar plastisch beschreiben kann. Mara Delius, neu in der Jury, hatte Vowinckel eingeladen und lobte, wie der „Topos der gepackten Koffer“ hier aufgeladen werde für eine neue, junge jüdische Generation. Erzählerisch sei das überzeugend und bewegend. Wer nicht von Nava Ebrahimis Sieg, sondern von Dana Vowinckels Favoritenrolle verblüfft war, wird auf das Buch dennoch neugierig sein.

Den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis und nachher auch noch den Publikumspreis (7000 Euro) gewann ein weiterer Berliner, Necati Öziri, für eine weitere, aber ganz anders geartete Vater-Geschichte. „Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben“ lässt einen Sohn an seinen nicht vorhandenen Vater schreiben. Der Sohn liegt seinerseits im Krankenhaus und womöglich im Sterben – die Ärztevisite ein Kabinettstückchen für sich, Öziri ist auch ein erfahrener Theatermacher und las herausragend lebendig und doch ohne Übertreibung. Allerdings ist zunehmend Vorsicht am Platze, was die Zuverlässigkeit des Erzählers betrifft, während dieser ein im Ton glaubwürdiges, gewitztes Drauflos erprobt. Der entfremdete Vater, der sich für ein anderes Leben in der Türkei entschieden hat – der aus politischen Gründen ins Gefängnis kam, dann offenbar eine zweite Familie gründete – soll damit, anders als bei Kafka, herbeigeschrieben werden. Insa Wilke, die neue Juryvorsitzende, sah „viel Realität“ und ein „voll ins Gefühl“ gehen, dies aber kontrolliert genug.

Dass drei auch kulturell den Horizont in die Welt hinaus erweiternde Texte so entschieden die Nase vorne hatten: ein markantes Phänomen, vielleicht auch einer gewissen Schwäche des Jahrgangs geschuldet, einem Mangel an Triftigkeit und Notwendigkeit, die eine heikle Anforderung an Literatur darstellen (denn wer will das bestimmen). Geschichten, die über den Vorgarten hinausreichen – welcher ebenfalls durch Diskussionen um Thujenhecken voll zum Zuge kam –, können dann besonders willkommen sein.

Der mit 7500 Euro dotierte 3sat-Preis ging insofern folgerichtig an eine überschaubare, kompakte Geschichte, Timon Karl Kaleytas „Mein Freund am See“. Das ist fast schon ein Genre-Stückchen, ein verhinderter Thriller, denn der junge Mann wird seinen schamlos wohlsituierten Freund Julian bei dem Ausflug mit dessen schmuckem Boot nicht killen. Vermutlich nicht.

Während der Diskussion machte Kastberger klar, dass die Beobachtung, das klinge wie die „Sendung mit der Maus“, nicht negativ gemeint sein muss. Es klingt vernichtend. Tatsächlich aber legte Kaleyta, in diesem Frühjahr mit dem Roman „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ herausgekommen, einen der literarisch sicheren, der sitzenden Texte vor. Und während der Juror Michael Wiederstein lobte, wie geschickt Kaleyta den Sozialneid des Erzählers in Literatur bringe, starrte man den zugeschalteten Schriftsteller in einem unverschämt schicken Altbauwohnzimmer an. Es muss selbstverständlich nicht sein eigenes sein.

Einiges rückt sich also bei der Preisvergabe am Sonntagvormittag zurecht, anderes ging schon vorher ganz verquer. Wie ist es nur möglich, dass Heike Geißlers Text „Die Woche“ auf dermaßen wenig Verständnis und Neigung stieß? Zwei Frauen, die immer das Gefühl haben, auf das Ende der Unterrichtsstunde zu warten (schon diese beiläufige Beobachtung ist doch wie für den Rest unseres Lebens hingeschrieben), stromern durch Berlin, eine von ihnen benimmt sich nachher in einer Theatervorstellung unmöglich (ein gewitztes, ein unvergessliches Pendant zu Ebrahimis Theater-Erzählung). Sie haben ihre Wohnung verloren, darum sind sie so – angespannt. „Wir gähnen meinungsstark in die Fenster jener Wohnung hinein, in der wir vor kurzem noch wohnten, aus der wir halbwegs charmant entmietet wurden. So kann man das eigentlich nicht sagen, sagt Constanze. Doch, sage ich, so kann man das sagen, auch wenn es falsch ist und tatsächlich nichts daran charmant war. Sondern alles war unhöflich und beschissen, luftnehmend, feige und brutal, aber ich will darüber nicht sprechen, weil ich gar nicht weiß, wie ich darüber sprechen soll, ohne zu wiederholen, was schon tausendfach gesagt wurde.“

Die Jury, in der die markant und auch markig auftretende Literaturkritikerin Mara Delius und die Autorin Vea Kaiser – die einem auf längere Sicht das schöne Wort „großartig“ restlos verdarb – Hubert Winkels und Nora Gomringer ersetzten, diskutierte lebhaft auf zum Teil frappierend unterschiedlichen Niveaus. Es lebe die professionelle Literaturkritik, die sich übrigens nicht an der häufigen Verwendung des Wortes „handwerklich“ zu erkennen gibt, im Gegenteil. Auch das Wort „handwerklich“ wird jetzt eine Weile in der Schublade liegen müssen, in der auch der Hammer geduldig wartet. Selbst wer der festen Überzeugung ist, dass Literatur mit Handwerk zu tun hat, konnte es sich in diesen Tagen austreiben lassen.

Im kommenden Jahr sollen sich alle wieder in Klagenfurt treffen können.

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