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Die Ausgezeichneten mit ihren Preisen (v. l. n. r.): Leander Fischer, Ronya Othmann, Birgit Birnbacher, Julia Jost, Yannic Han Biao Federer.

Ingeborg-Bachmann-Preis

Birgit Birnbacher gewinnt kuriosen Wettbewerb in Klagenfurt

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Die Österreicherin Birgit Birnbacher gewinnt überraschend das Klagenfurter Wettlesen, aber das ist nach einem etwas kuriosen Wettbewerb nicht unerfreulich.

Der Klagenfurter Literaturwettbewerb belegt oft, dass das Rechnen seiner gerühmten Objektivität zum Trotz eine fabelhaft unlogische Seite hat. Schlechte Schüler wussten das schon immer. Oder ist es wirklich so, dass die Jury nicht Katharina Schultens auf der Shortlist sehen wollte, sondern lieber Daniel Heitzler (übrigens die beiden einzigen in Berlin lebenden Teilnehmer), der nachher im Zuge eines dollen Abstimmungsverlaufs sogar in eine Stichwahl geriet? Der 43. Jahrgang des Wettlesens bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur war in dieser Hinsicht besonders merkwürdig.

Hier aber, weil man nach drei Tagen Zuhörerei völlig verwickelt, verwirrt, parteiisch und leicht erregbar ist, zunächst die Preisträgerinnen und Preisträger.

Den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewann plausibler-, wenn auch nicht zwingenderweise die Österreicherin Birgit Birnbacher, die davon offenkundig am allermeisten überrascht wurde. Ihre Erzählung „Der Schrank“ hat den großen Vorzug, klein zu sein, aber auch originell und beziehungsreich, indem am Ende eine Frau in einem Schrank verschwinden will, wie einst die Erzählerin in Ingeborg Bachmanns „Malina“ in einer Wandritze. Nur klappt es bei der Frau nicht, ein friedfertiger Sicherheitsmann zieht sie wieder heraus. Zudem stellt sich die Frau das alles vermutlich bloß vor, was ihr ein Mitstudent auch einmal vorgeworfen hat: „Überhaupt wisse man bei mir nie, rede man jetzt mit mir oder mit einem Text, das sei schräg, sagte er.“

Das Ködern der Jury und des Publikums funktionierte buchstäblich

Die Frau ist als Bewohnerin eines bescheidenen (Salzburger) Mietshauses in eine soziologische Langzeitstudie geraten, so dass man – klug gemacht, aber nicht ausgeklügelt – einiges über sie erfahren kann. Wie Birnbacher ist sie Mitte dreißig, und sie steckt hochsympathisch abwartend im literarisch-akademischen Prekariat fest. Sie gibt höflich Auskunft, „Neue Arbeit“ heißt derzeit, was sie macht (irgendwie selbstständig und gut für die Statistik), sie selbst erklärt: „Muss eben alles immer mini sein ..., damit in der Mitte ein Platz bleibt. Wofür denn, fragt er. Falls auf einmal was kommt, sage ich, die Geschichte. Welche Geschichte denn, fragt er. Die große, sage ich. Die große, sagt er.“

Im Hausflur steht aus ungeklärten Gründen der titelgebende Schrank, hier abgegeben, aber nicht abgeholt. Mit nonchalanter Raffinesse gibt Birnbacher Einblick in die anderen Mietparteien, eine so melancholische wie mit feinem Witz durchzogene und soziologisch sinnvolle Bestandsaufnahme moderner Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Wie wunderbar das Einfache sein könne, hatte die Jurorin Insa Wilke in der Diskussion gesagt, und Stefan Gmünder, der Birgit Birnbacher ins Rennen gebracht hatte, stellte fest, dass sich die Geschichte klein machen könne, weil sie groß sei. Beckett-Anspielungen (belesen, aber nicht aufdringlich) erwähnte er in seiner Laudatio noch einmal, Kafka-Bezüge waren ebenfalls schon gelobt worden. Ein nicht beziehungsloser, aber eigenständiger, ein einfacher, aber nicht simpler Text.

Das 43. Wettlesen war in der Tat ein merkwürdiges

Der mit 12.500 Euro dotierte Deutschlandfunk-Preis ging an den 1992 in Österreich geborenen, in Hannover lebenden Leander Fischer, der mit einem handwerklich so perfekten, so keine Zweifel lassenden Text antrat, dass er einen Preis gewinnen musste.

Das Ködern der Jury und des Publikums funktionierte buchstäblich. Leander Fischer hat sich intensiv mit der anscheinend schier unerreichbaren Kunst der Goldkopfnymphen-Herstellung befasst – „Goldkopfnymphe, eines der fängigsten Muster, das wir kennen“. Alle ließen sich auf das Fliegenfischen-Vokabular ein und mancher hatte eh etwas zur Sache beizutragen, ein Phänomen, wie man es eher von Fußballtexten kennt. Fischer schneidet das noch geschickt mit der Sphäre eines latent frustrierten Musiklehrers, dessen fulminante, im Innern verbleibende Tirade gegen einen strebsamen Schüler sogar den Musterknabenverdacht gegen den Text selbst unterlief. Dieser ist virtuos, vokabelerweiternd („traumhappig“) und doch gut verständlich: ein meisterlicher Wettbewerbsbeitrag. Um Kunst muss man sich auch sehr, sehr bemühen, wie Hubert Winkels in seiner Laudatio zu Recht feststellte.

Der mit 10.000 Euro dotierte kelag-Preis ging an die Kärntnerin Julia Jost, Jahrgang 1982, heute in Hamburg lebend, für eine erfrischend böse und kühle Geschichte über ein paar dumme Kinder. Denn ein weiteres Kind verunglückt bei einer vollidiotischen Kinderaktion. Es ist neu (aus Tirol, was anscheinend reicht, um hier fremd zu sein), und sein Tod kann die Kärntner Kinder und ihre Eltern nicht weiter berühren. Nur die Mutter des Kindes heult, registrieren sie, darum heißt das Tal jetzt Schakaltal. Es handelt sich also um eine Art moderne Sage. Jost arbeitet Rückgriffe auf die Nazi-Zeit ein – die Gegenstände sind ja noch da, dazu etwas Dumpfes –, ebenfalls aus Sicht der stumpfsinnigen Kinder. Laudator Kastberger lobte Humor und erzählerische Distanz.

Grenzen der Kritik und der Literatur

Der mit 7500 Euro dotierte 3sat-Preis ging an den 1986 geborenen, in Köln lebenden Schriftsteller Yannic Han Biao Federer, der in Deutschland als Romanautor bereits einen Namen hat („Und alles wie aus Pappmaché“, Suhrkamp Nova). Von Jurorin Hildegard Keller eingeladen, machte er mit einer ebenfalls perfekt gearbeiteten, einen Autor namens Federer und dessen in diesem Fall nichtsnutziges Buch elegant einbeziehenden Trennungsschmerz-Geschichte ähnlich wie Fischer alles richtig. Dazu gehört in Klagenfurt: nichts falsch zu machen. Dass Gmünder zwischendurch gemurmelt hatte, es sei vielleicht ein bisschen ausgeklügelt, spielte nun keine Rolle mehr.

Der mit 7000 Euro dotierte Publikumspreis ging an die 1993 in München geborene Ronya Othmann, die mit ihrer Recherchereise zum Schicksal der Jesiden und der Familie ihres jesidischen Vaters in der Jury Aufsehen erregt hatte. Nach der Diskussion hätte man Insa Wilkes Kandidatin mehr versprochen, was aber auch für andere galt.

Denn das 43. Wettlesen war in der Tat ein merkwürdiges. Die gegenüber dem Vorjahr unveränderte Jury konnte sich zwei Tage lang für vieles begeistern und wenn nicht, dann doch interessierte Worte finden. Interessierte Worte sind oft, nicht immer interessant, nicht einmal unbedingt analytisch. Je schwächer ein Text (beim erstmaligen Lesen) wirkt, umso unbegreiflicher kann dann die Reaktion der Jury sein. Tom Kummer – ja, der Tom Kummer – und Heitzler profitierten vermutlich am meisten davon, auch wenn es nicht absolut unmöglich war, ihren Texten etwas abzugewinnen. Hilflose Ausreißer nach unten gab es im Grunde nicht, Geniestreiche ebenfalls nicht. Aber Handwerk und intelligente Ideen weiß man erst zu schätzen, wenn sie ausbleiben. Diesmal waren sie reichlich vorhanden, und man schaute bald ein bisschen auf sie herab.

Der Klagenfurter Wettbewerb ist ein Strategiespiel

Die Jury aber, wie gesagt, zwei Tage lang zugewandt und textaufwertend. Am Samstagmorgen jedoch ging es auf einmal zur Sache, und ausgerechnet Ines Birkhan und ihre ehrlich gesagt äußerst reizvolle (noch dazu abkühlende und im gleißenden Weiß des Saals angenehm schummrige) Unterwasserliebesgeschichte zwischen einer jungen Musikerin und einem, äh, Riesenskorpion kam dabei voll unter die Räder. Im Fußball ärgert man sich doch auch, wenn dem Schiedsrichter in der letzten halben Stunde einfällt, dass es Karten gibt. Während an Birkhans Text ad hoc beispielsweise Relevanzfragen herangetragen wurden, die Beiträge an den Vortagen hätten zernichten müssen, blieb die Autorin cool, als sie – ein möglicher, aber sehr seltener Fall – gebeten wurde, auf die Kritik zu erwidern. Dies war eine Sternstunde, denn Ines Birkhan war in der Lage, in diesem stressigen Moment ihres Lebens zu formulieren: „Also, ja, ich habe das Gefühl, dass Sie relativ danebenliegen.“ Vermutlich fasst dies das Unverständnis Schreibender gegenüber Kritisierenden ausgezeichnet zusammen.

Unausgegoren, wenngleich triftig waren die Juryansätze, über Grenzen der Kritik und der Literatur zu sprechen. Sehr autobiografische Texte fielen unter Ersteres, entzogen sich aus Sicht einiger Jurorinnen und Juroren der Kritisierbarkeit. Dass die Texte – selbst Othmanns gelungener, erschütternder Beitrag – durchaus literaturkritische Angriffsflächen boten, fiel einer diesmal zum Teil irritierenden Unpräzision und zugleich Absolutsetzung der Argumente zum Opfer.

Weitere Texte aus dem thematischen Umfeld des Zweiten Weltkriegs fielen unter Zweiteres (Grenzen der Literatur). Takis Würgers „Stella“ schwebte dann über der Debatte und plumpste auch in sie hinein. Am dramatischsten verlief das bei Martin Beyers Text über den Henker der Geschwister Scholl (der Roman dazu erscheint demnächst bei Rowohlt, vielleicht lag es an der Wahl des Ausschnitts), der allerschärfster Grundsatzkritik ausgesetzt war. Das gehe nämlich nicht, das dürfe man nämlich nicht: Schwierig, wenn auch nicht ganz so schwierig, wenn ein Text missglückt ist.

Unterm Strich bleibt am unbehaglichsten, dass die beiden riskantesten, am eigenwilligsten verrätselten und dabei sprachlich am spannendsten sich an ihren Gegenstand anschmiegenden Stücke, Katharina Schultens’ Chimären- und Menschheitsrettungs-Geschichte „Urmund“ und Birkhans Unterwasserstudie (mit vielen, vielen Urmündern) ganz leer ausgingen. Schultens’ Text, der erste des Wettbewerbs, gehörte zweifellos zum Favoritenkreis.

Der Klagenfurter Wettbewerb ist auch ein Strategiespiel. Es ist ein gutes Ergebnis, dass Birgit Birnbacher gewonnen hat.

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