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Zu Gast in Frankfurt bei den "Literaturtagen Südostasien": Die indonesische Schriftstellerin Ayu Utami.

Frankfurt Indonesien

Was in Indonesien verschwiegen wird

Die Frankfurter „Literaturtage Südostasien“ zeigen, dass das diesjährige Buchmessen-Gastland mehr als Tourismus-Flair im Gepäck hat.

Von Andrea Pollmeier

Wenn der Journalismus tot ist, muss die Literatur sprechen“. Diese Einsicht hat in Indonesien Wirkung gezeigt. Zahlreiche Journalisten, die zur Zeit der Diktatur Suhartos Berufsverbot erhielten, nutzten die Freiheit des literarischen Schreibens für ihre Kritik. Zu dieser Gruppe gehört Ayu Utami. Als Mitglied der Allianz unabhängiger Journalisten kam die Tochter eines mit dem System verbundenen Staatsanwalts auf die schwarze Liste des Regimes.

Doch sie schrieb weiter. Ihr kritischer Roman „Saman“ erschien im Jahr 1998 kurz vor dem Sturz des Suharto-Regimes in einem indonesischen Verlag und fand auch international starke Beachtung. Zur Buchmesse erscheint jetzt der Folgeroman „Larung“ im Horlemann Verlag auf Deutsch.

Ayu Utami, deren Beiträge von der Ethnologin Hiltrud Cordes sehr gut übersetzt wurden, war Gast der „Literaturtage Südostasien“, die Litprom als Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika im Literaturhaus Frankfurt ausgerichtet hat. Indonesien stand als diesjähriges Gastland der Buchmesse neben Vietnam und Malaysia besonders im Fokus.

Schon die Auftaktdiskussion, moderiert von der Sinologin Alice Grünfelder, machte deutlich, dass es im Herbst nicht um touristisches Flair gehen wird. Als größtes islamisch geprägtes Land, das ökonomisch zunehmend Bedeutung erlangt, hat dessen politische Entwicklung weltweit Relevanz. „Gibt es Angst vor einer zunehmenden Radikalisierung?“, wurden die Autoren darum in Podien und Werkstattgesprächen immer wieder gefragt. Ähnlich wie die übrigen indonesischen Autoren antwortete der Lyriker Afrizal Malna aus Djakarta: „Ich habe keine Angst vor der Religion, ich habe Angst vor der Sprache der Autorität.“

Bedrängte Traditionen

Die Diktatur, die 1998 endete, ist in Indonesien noch spürbar nah. Präsent ist das Wissen, dass Religion und Sprache von Herrschenden leicht für eigene Zwecke instrumentalisiert werden können. Mit Sorge beobachtet Afrizal Malna darum, dass Traditionen wie der Animismus und die regionale Sprachenvielfalt in dem aus gut 17 000 Inseln bestehenden Staat zunehmend verdrängt werden.

Mehrfach gab es während der Diktatur gewaltsame Pogrome, beispielsweise 1958 gegen Kommunisten und in den 70er Jahren gegen Chinesen, die bisher nicht aufgearbeitet sind. „In unseren Geschichtsbüchern gibt es viele Lügen“, berichtet Lea Pamungkas, die als Journalistin vor der Diktatur in die Niederlande floh.

Für sie ist es eine Ironie des Schicksals, dass sie jetzt im Land der Kolonialherren, das erst 1949 die Unabhängigkeit Indonesiens anerkannt hat, Freiheit zur Selbstentfaltung erhält. „Anfangs weigerte sich mein Verstand, die niederländische Sprache aufzunehmen. Jetzt aber habe ich mich in die Niederlanden verliebt. Hier, in den Archiven, finde ich zum Beispiel Dokumente über Ereignisse, die in Indonesien verschwiegen werden.“

Entwurzelung und Traumatisierungen der Vorfahren sind auch Themen, die Madeleine Thièn beschäftigen. Eindrucksvoll beschreibt die in Kanada geborene Tochter von malaysischen und chinesischen Emigranten in ihrem Roman „Flüchtige Seelen“ die Geschichte Kambodschas. Hier wurde ihr Großvater vor den Augen des Vaters erschossen.

„Eigentlich hatte ich über die Gegenwart schreiben wollen“, erzählt die zerbrechlich wirkende Autorin. „Doch spürte ich, dass die grausame Erinnerung, über die niemand sprach, die Gegenwart bestimmt.“

Eine Lyrik Performance von Afrizal Malna und Ulrike Draesner, die Gedichte Malnas mit Hilfe einer Interlinearübersetzung auf Deutsch poetisch bearbeitet hat, gab der Zusammenkunft neben den politischen Themen einen besonderen künstlerischen Akzent.

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