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Romane Elisa Levi und Kiko Amat: In engen Leben Fantasien

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Von: Sylvia Staude

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„Von hier läuft man weg und kommt nicht wieder“, sagt die Kleine Lea. Marcel Malherbe/Imago Images
„Von hier läuft man weg und kommt nicht wieder“, sagt die Kleine Lea. Marcel Malherbe/Imago Images © Marcel Malherbe/Imago

Elisa Levis hypnotischer Dorfroman und Kiko Amats Geschichte von einem, der keine Chance bekommt Von Sylvia Staude

Neunzehn Jahre Leben, in einem Schwung und von einem Ort aus erzählt, berichtet, abgerechnet, einer Sitzbank in einem abgelegenen Dorf. Die paar Menschen, die dort leben, am Ende der Welt, sieht man scheinbar mühelos von der Bank aus – durch Leas Augen. Die Zeit kreist um die Bank, der Tag dehnt sich für Leas Geschichte. Was mag der Herr denken, auf den die Kleine Lea da einredet (die Große Lea ist ihre Mutter), den sie beschwört, keinesfalls im Wald nach seinem Hund zu suchen, denn noch nie ist einer, der in den Wald ging, daraus wiedergekommen. Den sie bezirzt, ihr weiter zuzuhören. Eine Weile. Und dann noch eine Weile.

„Anderes kenne ich nicht“, sagt die 19-jährige Lea zu dem Herrn, meint damit den Ort, in dem sie geboren wurde und aufgewachsen ist, meint damit die zwei Handvoll Menschen, mit denen sie zu tun hat. Javier, der ein Erdbeerbaum ist, während sie selbst ein Mammutbaum ist: „für Javier war ich immer zu groß“. Esteban, der furchtsamste Mann, während sein Sohn Estebitan der furchtloseste ist. Die blonde Frau, die mit Mann und Kind ins Dorf zieht – aber da steckt doch was dahinter, wenn man hier hinzieht, denn „von hier läuft man weg und kommt nicht wieder“. Leas Mutter hat im Dorf einen Laden, in dem Lea regelmäßig arbeiten muss, wenn sie nicht ihre Schwester Nora versorgt, die seit der Geburt „nichts im Kopf hat“: „Wenn man meine Schwester hochhebt, fühlt sich das an, als würde man ein totes Kalb hochheben.“

„Ich ging den Steinpfad hinunter“, lautet eine Kapitelüberschrift, „Wenn ich dich betrachte, sehe ich“ eine andere. Elisa Levi, geboren 1994 in Madrid, lässt die 19-Jährige, die nie aus ihrem Dorf herausgekommen ist, reden und reden – fast kann einem der Herr leid tun. Er muss sich Grausiges, Wildes, Fantastisches anhören, wie Leas Vater stirbt, als er ein Kaninchen zu fangen versucht und einen steinigen Abhang hinunterstürzt, wie sie der blonden Frau tote Kaninchen vor die Tür legt, wie Javier ein Fohlen zuläuft und er überzeugt ist, es sei seine tote Mutter. Kann sein, dass auch noch andere Tote zurückkehren in Tiergestalt, Lea hält es nicht für ausgeschlossen.

Elisa Levi dehnt die Realität, immer wieder, auf sagenhafte Art. Mag sein, dass auch das Marihuana schuld ist, das die Kleine Lea raucht. Oder das Brennen in ihren Eingeweiden. Sie mag nicht da sein, wo sie ist, obwohl sie kaum weiß, wie es anderswo ist. Aber sie sieht, was aus den Leuten, vor allem den Frauen im Dorf wird: „Wenn ich hier bleibe, Señor, erwartet mich ein Dasein, das von lächerlichem Aberglauben bestimmt wird, im Schatten einer langen Ehe.“

Das Draußen, der Rest der Welt spielen so gut wie keine Rolle in diesem hypnotischen Roman, diesem rauschenden Monolog. Lebensmittel werden angeliefert, gewiss. Der eine oder andere arbeitet auswärts. Es gibt Mobiltelefone, aber so gut wie keinen Empfang.

Zuletzt war es sehr trocken, aber nicht nur aus diesem Grund denken die Dörfler, dass genau in einem Jahr die Welt untergehen wird. Lea glaubt es auch. Dann wieder glaubt sie es selbstverständlich nicht und nennt es „diesen lächerlichen Weltuntergang“. Keine Ahnung, ob sie es schaffen wird, das Dorf zu verlassen, nachdem sie ihren Joint zu Ende geraucht hat, nachdem der Hund des Herrn wieder aufgetaucht ist.

Kiko Amats Hauptfigur Curro Abad steckt in einem noch engeren Flecken Erde fest, den er garantiert nicht mehr wird verlassen können: einem psychiatrischen Krankenhaus, er nennt es Irrenhaus. Die Perspektive auf Curro wechselt: der Ich-Erzähler erinnert sich ans Aufwachsen in Sant Boi, einer Trabantenstadt von Barcelona; vom anderen, dem in der Anstalt, berichtet ein auktorialer Erzähler. Es gibt Krankenakte, Polizeibericht (Curro hat im schizophrenen Wahn auf Menschen eingestochen), „Zwischenspiele“ als manische Monologe.

Die Bücher

Elisa Levi: Anderes kenne ich nicht. Roman. A. d. Span. v. Kirsten Brandt. Trabanten. 198 S., 22 Euro.

Kiko Amat: Träume aus Beton. Roman. A. d. Span. v. Daniel Müller. Heyne. 560 S., 24 Euro.

„Träume aus Beton“ („Antes del huracán“, 2018) ist eine einerseits nur zu vertraute Geschichte – Junge aus Unterschicht mit desolater Familie hat keine Chance –, umkreist dieses Leben aber auf sprachmächtige, eigenwillige, faszinierende Art. Der Roman ufert aus, aber er tut es mit plastischen, auch krasse Bilder evozierenden Details, auch mit bezirzend seltsamen Dialogen von Curro mit seinem Butler Plácido.

Ein Butler im Irrenhaus? Natürlich nicht. Aber Curro nimmt Plácido, stets in gelb-schwarze Weste, blütenweißes Hemd, schwarzen Anzug gekleidet, von Anfang an so wahr, seit er Plácido davor bewahrt hat, vom Dach der Klinik zu springen. Die beiden helfen sich gegenseitig, mit Respekt und indem sie sorgsam artikulieren und fabulieren – auch über Möglichkeiten, wie ein Ausbruch gelingen könnte – und den Schein wahren.

Ihnen ist klar, wo sie sind. Ihnen ist klar, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Aber sollen sie sich deswegen gehen lassen? Sollen sie andere, auch „unseren geisteskranken Nazi“, an Doktor Skorzeny und Schwester Lourdes verpfeifen? Der Rassist verprügelt regelmäßig Mitpatienten, doch sie nennen ihn Señor Roca, auch wenn er es nicht hört.

Beim kleinen Curro beginnt es mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Unter anderem muss er an seinen Fingern riechen, wenn er etwas angefasst hat. Und überhaupt drängen sich ihm Gerüche auf (einer der Amat’schen Kniffe, seine Wahrnehmung sinnlich zu machen). Er geht aber noch ganz normal zur Schule, an der Seite immer sein Kumpel Priu. Ihr Schulweg führt sie an der Klinik vorbei, an deren Zaun oft „Irre“ stehen, auch mal um ein „Schigarettchen“ bitten. „Manchmal frage ich mich“, denkt Curro, „wie diese Menschen wohl früher waren, bevor das mit ihnen passiert ist. Zur Welt gekommen sind sie so jedenfalls nicht.“ Er denkt, ohne es noch zu ahnen, über den nach, der er werden wird.

Sein Großvater, in der Ebroschlacht traumatisiert, landete ebenfalls einst in der Anstalt. Seine Mutter, verfettet und ungeliebt, stirbt jung, nachdem sie Abnehmpillen schluckt wie Drops, damit ihr schöner Mann wieder mit ihr schläft.

Regelmäßig erscheint sie dem erwachsenen Curro, auch hat er Alpträume. Er müsse die Dinge mit ihr klären, rät ihm der treue Plácido. Er redet also mit dem Geist – und Kiko Amat leistet sich ein winziges Happyend.

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