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Imre Kertész: „Heimweh nach dem Tod“ – Sterben als letzte Möglichkeit der Freiheit

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Von: Jürgen Verdofsky

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Überlebende 1945: Szene aus dem sowjetischen Film „Auschwitz" von Elizaveta Svilova.
Überlebende 1945: Szene aus dem sowjetischen Film „Auschwitz" von Elizaveta Svilova. © AFP

„Heimweh nach dem Tod“: Imre Kertész kämpft im Arbeitstagebuch zum „Roman eines Schicksallosen“ mit den Grenzen des Schreibens.

Als 14-Jähriger in Auschwitz und Buchenwald. Imre Kertész wusste und konnte nie vergessen, dass alles, was darüber erzählt werden kann, eine Beschwichtigung darstellt. Das Konzentrationslager am Ende der Kindheit zu überleben, ist das eine, darüber zu schreiben, das andere. Kertész schrieb unerbittlich an seiner Zeugenschaft veruntreuter Menschlichkeit, mit der er nicht „fertigwerden“ konnte. Unendlich blieb diese Aufgabe für ihn, dem Jungen aus Budapest, den erst der „Holocaust zum Juden gemacht“ hat.

Aber der „Roman eines Schicksallosen“ bestimmt ihn zum Weltautor. Mit den Romanen „Fiasko“, „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ und „Liquidation“ folgte ein ganzer Zyklus seiner selbst empfundenen „Schicksallosigkeit“. In seiner eigenen, langsameren Zeit sind sie nicht im Handstreich geschrieben.

Schonungslose Tagebücher gehen als geschützte Räume dem steinigen Weg seiner Romane voraus. Diese strengen Gerichtstage eigener Schreibanlässe haben literatur-ästhetischen Rang, sind „Werke von eigenem Recht“ (Lothar Müller): „Galeerentagebuch“, „Der Betrachter“ und „Letzte Einkehr“. Aber erst jetzt erweitert das Arbeitstagebuch „Heimweh nach dem Tod“ aus dem Nachlass des 2016 verstorbenen Nobelpreisträgers den Blick auf die Entstehung des „Romans eines Schicksallosen“. Die Aufzeichnungen vom November 1958 bis zum November 1962 führen durch die Ursprünge und Umwege seines Schreibens. Ein Überlebender um die dreißig beginnt mit der Entlastung vom Absoluten, anders ist es nicht zu nennen.

Auf ihm lastet die Brotarbeit als Komödienautor. Zudem stockt die Arbeit an einem ersten Roman. „Ich, der Henker“ heißt dieser Entwurf einer Tätergeschichte: Der deutsche Bildungsbürger, ein Wolfgang Amadeus Lipsius, als Kriegsverbrecher. Ein Exempel der Gewissenlosigkeit. Dostojewskis „Schuld und Sühne“ wird für Kertész zum Waagepunkt, seine Raskolnikow-Lesarten gewinnen dabei eigenständige Größe. „Raskolnikow macht der Mord groß und menschlich, Lipsius nimmt er die geistige Autonomie, die Individualität, er wird mechanisch, maschinenhaft.“

Ein Arbeitsbuch-Essay korrespondiert als „Erster Entwurf zu einem Porträt des funktionalen Menschen“ mit dem „Henker“-Komplex, der stupide Täter geht aus dem funktionalen Menschen hervor. Eingehen wird das bleibende Fragment „Ich, der Henker“ in den Roman „Fiasko“, ein Variant zeigt sich im Band „Opfer und Henker“.

Im März 1960 ist Kertész nach 15-jährigem Schweigen so weit, „dass meine Deportationsgeschichte, die ich ebenfalls schon lange zu schreiben vorhatte, plötzlich herangereift ist und an die Oberfläche drängt ...“ Zwei Monate hat er für diese literarische Vergewisserung veranschlagt, es sollen 13 Jahre werden.

Von den ersten beiden Jahren dieses Ringens berichtet das Arbeitsbuch. Nicht nur entfesselte Erinnerungen sind zu bändigen, es gilt auch „eine Art kindliche Reinheit für die Erzählerstimme (zu) finden“. Skrupulöse Arbeitsweise unter höchsten Anforderungen an Stil, Stoff und Komposition. Das Konzentrationslager ist kein abrufbares Zitat. Es gibt keinen direkten Weg vom Erleben zum Text und keine Gewissheit der Vollendung, aber die drängende Bestimmung nicht als überlebender Held, sondern als „Muselmann“ zu sprechen. Anfangs ist „Muselmann“ sogar titelgebend.

Lageralltag heißt zwölf Stunden Zwangsarbeit und nicht selten zwei Stunden Appell und Transport. Vernichtung durch Arbeit. Hunger und Kälte, Mangel an Schlaf und bedrückende Enge heißen die anderen Plagen. Im Lager-Jargon werden Häftlinge, die sich seelisch und körperlich aufgegeben haben, „Muselmänner“ genannt. In der Hierarchie der Häftlinge bilden sie die unterste Stufe und werden von den Mithäftlingen gemieden, weil ihre fehlende Willenskraft die allgemeine Zuversicht des Überlebens schwächt.

„Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass aus mir so schnell ein verschrumpelter Greis werden könnte“, wird es später im „Roman eines Schicksallosen“ heißen. Ein 14-Jähriger nach drei Monaten Konzentrationslager. Hier hat er ein Leid erfahren, „das in seiner Seele das Erlebnis des Lebens überschwemmt, ihn zerreibt, anspruchslos, stumpf, für alle Eindrücke gleichgültig macht, bis er sich mit dem Gedanken an den Tod anfreundet...“ Einen Tag später steht im Arbeitsbuch der verstörende Satz: „Der Mensch kann nie so nahe bei sich selbst und bei Gott sein wie der Muselmann unmittelbar vor dem Tod.“ Sterben als letzte Möglichkeit der Freiheit.

Kertész zeigt den „Muselmann“ als Mitmenschen, auch er hat eine Lebensgeschichte, ein verlorenes Glück. Unter der abweisenden Front des Schreckens macht er ihn kenntlich und verständlich. Als schon alles verloren scheint, retten den „Muselmann“ Kertész die Häftlinge im Krankenbau von Buchenwald, indem sie ihn von der Liste der Lebenden streichen, um ihn so dem Mordkommando zu entziehen.

In der Frühphase des Romans zeichnen sich schon Szenen ab, die auch nach langen Schreibjahren Bestand haben. So die in der Krankenbaracke erlebte Befreiung. In Todeserwartung kommt eine „Stille, in der es nicht mal mehr Beobachtungen gibt; doch nein, was kommt, ist die Befreiung, deren Bedeutung man mit Sicherheit nicht empfindet, umso weniger, als durch dieses unerwartete Ereignis das Abendbrot ausfällt.“ Von den 17 Budapester Jugendlichen, die im Sommer 1944 zusammen mit Kertész deportiert wurden, überlebt nur er, aber auch er hat den Geruch des Todes früh eingeatmet. „Heimweh nach dem Tod – unter einer solchen Überschrift könnte ich die Gefühle zusammenfassen, die mich inspirieren, dieses Buch zu schreiben.“

Auf halbem Wege verliert Kertész manchmal den Mut – schmerzhafte Selbstzweifel, ein Unbehagen am eigenen Text. Er kämpft mit den Grenzen des Schreibens, erzählerisch zu fassen, was sich der Fassbarkeit entzieht. Um der Sogwirkung vorgefundener „Lagerliteratur“ zu entkommen, geht er auf Nullpunktpositionen zurück und baut von dort eine eigene Erzählwelt auf. Aber er hat mit dem „Zauberberg“ und dem „Fremden“ auch starke Verbündete im Rücken: „Mein heimlicher Wunsch ist, dass sich Thomas Manns todeskundige Lebensbejahung und Camus’ lebenskundige Todesbejahung in mir treffen und miteinander verschmelzen.“ Das Konzentrationslager ist keine Schreibschule, aber der lange Weg zum schmerzlich gefestigten Text lässt sich aus diesem Arbeitsbuch herauslesen.

Imre Kertész: Heimweh nach dem Tod. Arbeitstagebuch zur Entstehung des „Romans eines Schicksallosen“. Hrsg. und aus dem Ungarischen übertragen von Ingrid Krüger und Pál Kelemen. Nachwort von Lothar Müller. Rowohlt, Hamburg 2022. 144 Seiten, 24 Euro.

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