Imperiale Ausgräber

"Das große Spiel" erzählt die Geschichte der Archäologie im Zeitalter des Nationalismus

Von RÜDIGER HEIMLICH

Der 6. Dezember 1912 ist ein nationales Datum ersten Ranges. "Beschreiben nützt nichts, ansehen!", schreibt Ludwig Borchardt nach Berlin. Der preußische Archäologe hob die Büste der Nofretete aus dem Wüstensand - und damit die deutsche Reichshauptstadt mit einem Schlag an die Weltspitze der Ägyptologie.

Die Nofretete, die Palastschätze Nimruds, die Maske des Agamemnon - in der Ära des europäischen Imperialismus von 1860 bis 1940 konkurrieren die Kolonialmächte nicht nur um militärische Vorherrschaft, um Bodenschätze und "humane Ressourcen" in Afrika, Asien und im Orient. Sie rivalisieren auch mit dem Spaten: um die Gräber antiker Heroen, um das Erbe Babylons, Troias oder Roms. Die "Lizenz zum Graben" ist vergleichbar mit dem Erwerb eines Claims in den Goldgründen Kaliforniens. Wer Glück hat, besetzt einen "Tell" (Hügel) mit reichlicher Kunstausbeute, die den Ruhm des Ausgräbers und das Prestige der Entdeckernation mehrt. Der Louvre, das British Museum und die Berliner Museen stehen in erbittertem Wettstreit um die wertvollsten Artefakte.

Nein, es ist nicht schiere Entdeckerfreude, wissenschaftliche Neugierde und der reine Wissenszuwachs, was einige Individualisten und Abenteurer in die Ferne zieht, schreibt Charlotte Trümpler in "Das Große Spiel". Das 700 Seiten umfassende Kompendium der Leiterin der Archäologischen Sammlung am Essener Ruhr-Museum, das nun ein Jahr vor der Ausstellung im Essener Kulturhauptstadtjahr erscheint, legt dar, wie sich die Pioniere der Archäologie ihrer nationalen Mission nur zu bewusst sind.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg pflanzen Archäologen und Forschungsreisende in geradezu militärstrategischer Manier ihre Banner auf antike Wüstungen. Argwöhnisch belauern sie sich gegenseitig. Nach dem Amtsantritt von Kaiser Wilhelm II. sucht die "verspätete Nation" mit einer offensiven Orientpolitik den "deutschen Mangel an musealer Ebenbürtigkeit" rasch zu beheben. Preußen nutzt enge wirtschaftliche Beziehungen zum Osmanischen Reich und besetzt in rascher Folge Pergamon, Milet, Didyma in Kleinasien, zieht über Zincirli am Euphrat weiter nach Babylon, Assur oder Uruk.

Ein Geheimvertrag, der die Restriktionen des osmanischen Antikengesetzes umgeht, sichert Berlin kostbare Funde. So kann der Eisenbahningenieur Gottlieb Schumacher während des Baus der Mekkabahn die Ruinen der jordanischen Wüstenresidenz Mschatta abkarren - im Tausch gegen ein paar Pferde. Der Berliner Museumsdirektor Theodor Wiegand hat keine Skrupel, das Markttor von Milet in 520 Kisten abtransportieren zu lassen, "ohne dass die türkischen Behörden eine Vorstellung davon bekamen, dass sie nun ein ganzes Monument, so groß wie der Konstantinbogen in Rom, überlassen hatten". Richard Koldeway in Babylon lässt Tausende glasierter Kacheln und Lehmziegel nach Berlin schaffen - das Ishtartor und die Prozessionsstraße König Nebukadnezars II. Wie Ludwig Borchardt es schaffte, dass die Nofretete bei der Fundteilung dem Deutschen und nicht dem Osmanischen Reich zugeschlagen wurde, ist bis heute Gegenstand heftiger Debatten. Bei solch offensiver Grabungs-Expansion fürchtete Frankreich um seine Claims und sicherte sich rasch das alleinige Grabungsrecht in Persien, während Großbritannien unter anderem das Erbe Assurburnipals aus Nimrud nach London bringt.

"The Great Play" - damit wurde im 19. Jahrhundert der imperiale Kampf Englands und Russlands um Territorien in Zentralasien bezeichnet - beschreibt die enge Verbindung politischer und vorgeblich wissenschaftlicher Interessen in der Frühzeit der Archäologie. Mitunter wurde Militärspionage wissenschaftlich bemäntelt: So diente eine Expedition des britischen Palestine Exploration Fund (PEF) der vorsorglichen Kartierung des Negev als potenziellem Kriegsschauplatz - unter Zuhilfenahme des Archäologen T. E. Lawrence. "Wir sind offensichtlich nur dabei, um einer politischen Aktion einen archäologischen Anstrich zu geben", schreibt der Archäologe, der die Episode als militärisches Trainingslager nutzt und bald "Lawrence von Arabien" heißen wird.

Weniger bekannt ist sein Pendant auf der gegnerischen Seite: der österreichische Orientalist und Theologe Alois Musil. Auch er soll die Beduinen gewinnen, aber für die Mittelmächte, beauftragt übrigens von Baron Max von Oppenheim, einem Diplomaten, der zum Ausgräber wurde. Interessant auch die Spionagetätigkeit des Archäologen Bagio Pace, den seine Regierung 1919 nach Antalya schickte, um die italienische Invasion der südlichen Türkei vorzubereiten. Immerhin hatten die europäischen Kolonialstaaten nach dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich unter sich aufgeteilt. Römische Ruinen legitimierten für Pace die italienischen Gebietsansprüche in Kleinasien.

60 Beiträge erschließen die Bedeutung der Archäologen für das Militär (Antoine Poidebard, Lawrence von Arabien, Ladislaus Almásy alias "Der englische Patient"), für die Diplomatie (Oppenheim, Gertrude Bell) und die Herrscher (Wilhelm II., Napoleon III.). Es geht um die "imperiale Archäologie" im Mittelmeerraum, aber auch in Zentralasien, China und Japan. Erzählt werden die illustren Lebensläufe mehr oder weniger namhafter Akteure, aber auch von Persönlichkeiten, die dem Museumsbesucher kaum noch bekannt sind , deren Grabungsschätze aber umso mehr: Carl Humann, Austen Henry Layard, Sven Hedin oder Henri Seyrig.

Doch war den Ausgräbern und Entdeckern ihre Doppelrolle als Wissenschaftler und verlängerter Arm der Politik selbst bereits suspekt? Vielleicht ist das die einzige Schwäche dieses hochinformativen und wundervoll illustrierten Bandes: Die Beiträge arbeiten selten heraus, in welcher Weise die Protagonisten moralische Skrupel hegten, die heute die Diskussion um die Rückgabe von Kulturerbe beherrscht. Und: Auch damals gab es Kritik an der Antiken-Gier der imperialen Archäologie. Doch es gibt kein Kapitel über diese Abwehrbemühungen, also zum Beispiel über Ali Paschas Antikengesetz in Ägypten, oder zu Persönlichkeiten wie Ahmad Kamal, Ali Bahgat oder Ali Pasha Mobarak, die sich früh gegen den Export von nationalem Kulturgut stemmten.

Charlotte Trümpler (Hrsg.): Das Große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus.

DuMont 2008,

669 S., 49,90 Euro.

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