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Immerhin der Konjunktiv lebt

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Kathrin Rögglas Roman "wir schlafen nicht" kombiniert hysterischen Redefluss mit der guten alten Entfremdung

Das neue Buch der Wahrnehmungsartistin Kathrin Röggla liest sich wie ein hellsichtiger Kommentar zum Düsseldorfer Mannesmann-Prozess und zum allgegenwärtigen Primat der Wirtschaft, das inzwischen selbst die Bundespräsidentenwahl bestimmt. "ich bin jetzt siemens, und du willst eine tochter von mir kaufen": Hinter solch schlichten Formeln offenbart sich ein niederschmetterndes Deutschlandbild. Sechs Personen zwischen 24 ("praktikantin") und 48 ("partner" oder "beratungsfossil") agieren auf einem Messegelände außerhalb von Zeit und Raum. Sie begehen ein Fest der Selbstbezüglichkeit, das immer deutlicher ins Irreale entgleist, in einen Veitstanz der chronisch Überforderten. Sie reden über ihre Positionen wie "senior associate" oder "key account managerin" - Titel, die längst die Eigennamen verdrängt haben.

Irgendein "mister - minister rieder" wird dringend am Stand erwartet und kommt nicht, dafür ist eine Frau mit Mikrophon - nein, keine Journalistin - ständig präsent und nimmt die Dialoge und Selbstgespräche der Protagonisten auf. Der Außenseiterin kommt im Mahlstrom des "bwler-deutsch", des "absurden wordings", im kollektiven Mantra der Beschwörung von Leistung und Wachstum, eine klärende Rolle zu: Durch ihre schiere Präsenz verunsichert die Frau ohne definierten Auftrag die Funktionsträger. Dadurch, dass sie vordergründig nichts will, entlockt sie ihnen Geständnisse längst überwunden geglaubter Schwächen - Kreislauf- und Nervenzusammenbrüche, Panikanfälle, Selbstmordversuche - und zieht Aggressionen auf sich.

Kathrin Rögglas mehrfach ausgezeichnete Prosa ist einer sehr eigenen Synthese aus unterschwelligen Rhythmen und den Traditionen der Wiener Avantgarde verpflichtet. Die charakteristische Kleinschreibung betreibt die 1971 in Salzburg geborene Wahlberlinerin seit ihrem Debüt niemand lacht rückwärts von 1995 in aller Konsequenz. Im Fall ihres neuen Buchs wir schlafen nicht erhöht das den Eindruck des zwanghaften Wachbleibens, um ja keinen Schachzug der anwesenden Konkurrenz zu verschlafen. "wer von der heiligkeit des schlafes spricht, hat die letzten zwanzig jahre verpennt", konstatiert eine der Figuren, die Wachstumsideologie zielstrebig gegen sich selber anwendend. Die Formeln "also ich komme damit klar" oder "ich empfind's nicht als belastend" steigern sich zum absurden Refrain.

32 Abschnitte gliedern den hysterischen Redefluss, dem die Kleinschreibung etwas Ameisenhaftes verleiht: von "0. aufmerksamkeit", "1. positionierung" als klassischer dramatischer Exposition über diverse Wendepunkte wie "16. unheimlichkeit" bis zu "25. schock" und "26. koma". Es folgt die kathartische "wiederbelebung" der BWL-Zombies. Aristoteles und mit ihm das Abendland scheinen also noch nicht ganz verloren. Doch der Text gewinnt erst ab der zweiten Hälfte jenen künstlerischen Gehalt, der die überbordenden O-Töne bändigt und über sie hinausweist. Zuvor muss man sich durch nicht endenwollende Dialogfetzen inklusive Regieanweisungen ("lacht", "hustet") vorarbeiten, die als Hörspiel wesentlich besser zur Geltung kommen. Anhänger des bedrohten Konjunktiv I dürfen sich über dessen intensiven Gebrauch freuen: Wie ein verfremdender Schleier legt sich die indirekte Rede über die Ereignisse. Mehrfach hat Kathrin Röggla auf die akustische Dimension ihres Schreibens hingewiesen. Ihr neuer Roman wurde bereits vom Bayerischen Rundfunk als Hörspiel ausgestrahlt und bestätigt die Selbsteinschätzung der Autorin. Im Rückschluss auf die Textfassung heißt das für den Leser, milde formuliert: Geduld bringt Rosen.

"Die Poesie dort suchen, wo niemand sie finden will", lautete das Motto von Ernst-Wilhelm Händlers Unternehmerinnen-Roman Wenn wir sterben (2002). Er demonstriert den fließenden Übergang von ökonomischen Prämissen zu Wahnvorstellungen und entlarvt die hohlen Motivationstermini der Management-Philosophie, bei gleichzeitig anhaltender Faszination durch den Kapitalismus. Urs Widmer beackerte das öde Feld dramatisch mit Top Dogs über Führungskräfte im "Outplacement", ebenso Rolf Hochhuth mit McKinsey kommt. Ingo Niermann protokollierte zuletzt die Minusvisionen gescheiterter Jungunternehmer.

Lobenswerterweise hat sich Kathrin Röggla mit ihrem außergewöhnlichen sprachlichen Sensorium nun auch auf jenes unpoetische Terrain begeben, das unsere Wirklichkeit immer stärker bestimmt. Sie präpariert Wortungetüme wie "b2b - business to business", erspürt den latenten Kriegszustand, die "verschiedenen unwirklichkeitsgrade", die Intrigen und Verstellungen ihrer sechs talking heads. Das kann in verzweifelte Offenbarungen münden, etwa als der "partner" in der "key account managerin" jene Frau wiedererkennt, die er einmal vor dem Suizid rettete - eine von beiden längst verdrängte, da viel zu menschliche Ausnahmesituation.

Die Ohrenzeugin müsste am Schluss nur ihr Mikrophon wieder einschalten: Alles begänne von vorn, die im darwinistischen Kampf Unterlegenen wären schon längst durch frische und gegen externe Kritik gewappnete Kräfte ersetzt. Jedwede Hölle ist ein geschlossenes System, auch die betriebswirtschaftliche.

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