Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Immer wachsam

Elisabeth Niejahr sucht nach Perspektiven fürs zunehmende Alter

Von ANNA RIEK

Selbst, wenn man den Prognosen nur zum Teil glauben schenkt, erwarten uns in einer künftigen "überalterten" Gesellschaft eine Vielzahl schwerwiegender Konflikte. Wer wird die Renten zahlen, wenn in zwanzig bis dreißig Jahren die geburtenstarken Jahrgänge vor der Pensionierung stehen? Wird die Wirtschaft stagnieren, weil niemand mehr die produzierten Güter nachfragt? Werden die Preise für Immobilien, einst als vermeintlich sichere Altersvorsorge erworben, abstürzen, weil die Menschen fehlen, die dort wohnen könnten? Bis zu welchem Alter dürfen wir in Zukunft noch mit künstlichen Hüftgelenken rechnen?

Kaum ein Politiker oder Kommentator, der den erschreckenden Zukunftsszenarien nicht Beifall spenden würde. Auch die Zeit-Redakteurin und Wirtschaftsexpertin Elisabeth Niejahr zeigt sich alarmiert. Dennoch ist die Botschaft ihres neuen Buches Alt sind nur die anderen keineswegs fatalistisch. Zwar laute das gängige Vorurteil, alternde Gesellschaften seien risikoscheu und wenig innovativ, aber niemand sei gezwungen, solche Schwächen als gottgegeben hinzunehmen. Die Alten von morgen, das sind wir, sagt Niejahr. Und es liegt an uns, die Herausforderungen anzunehmen.

Ihr Ziel ist es, ein möglichst genaues Bild davon zu zeichnen, unter welchen Bedingungen wir "lieben, leben und arbeiten" werden. So beschreibt sie eindrucksvoll, was es bedeutet, dass immer mehr Menschen immer älter werden. Eine Berliner Altersstudie zeigt, in welch alarmierendem Ausmaß mit zunehmendem Alter die Demenz-Erkrankungen steigen. Von den 70-Jährigen leiden weniger als fünf Prozent unter einer Form von Demenz - doch bei den 90-Jährigen trifft es bereits jeden zweiten. Heute gibt es 1,5 Millionen Demenzkranke, bis zum Jahr 2020 werden es doppelt so viele sein.

Dass verwahrloste Demenzkranke massenhaft durch unsere Straßen irren werden, weil niemand sich um sie kümmert, betrachtet Niejahr als abwegiges Horrorszenario. Allerdings zitiert sie Meinhard Miegels Warnung, es werde "eine hohe zivilisatorische Leistung" sein, den heutigen Standard an Altenpflege in zwanzig oder dreißig Jahren aufrechtzuerhalten. Das ist besonders beunruhigend, wenn man bedenkt, welch unwürdiger Zustand heute schon in vielen Pflegeheimen herrscht. Wer die Hochaltrigen pflegen wird, ist eine der vielen ungelösten Rätsel der Zukunft. Werden die Töchter und Schwiegertöchter - ganz dem traditionellen weiblichen Rollenbild entsprechend - diese Aufgabe übernehmen?

Neue Wohnmodelle

Niejahr empfiehlt Teilzeit-Modell für Pflegende oder eine Pflegezeit analog zur Elternzeit. Ihr schweben neue Wohnmodelle nach dem Vorbild einer bereits existierende Pflege-WG in Berlin-Friedenau mit fünf pflegebedürftigen Menschen zwischen 50 und 94 vor. Dort können die Bewohner in ihrem eigenen Zimmer ihre Intimsphäre wahren und zugleich eine Betreuung rund um die Uhr in Anspruch nehmen. Dass solche Unterkünfte nicht gerade billig sind, räumt Niejahr ein. Ein Großteil der Bevölkerung wird sich das sicherlich nicht leisten können. Und so wirken ihre Vorschläge doch etwas hilflos angesichts der Dimension des Problems. Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet die Behauptung eines amerikanischen Pharmafunktionärs: Wenn es gelänge, den Ausbruch von Alzheimer um fünf Jahre aufzuschieben, dann würde die Häufigkeit dieser Krankheit um fünfzig Prozent sinken.

Eine Möglichkeit, die negativen Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs in den Griff zu bekommen, sieht Niejahr in der Verlängerung der Lebensalterszeit. Das verordnete Renteneintrittsalter von 65 Jahren hält sie für ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Wenn bislang ältere Arbeitnehmern ausgesprochen schlechte Chancen hatten, einen neuen Job zu finden, liegt das ihrer Meinung nach nicht nur am Jugendwahn der Arbeitgeber. Vielmehr seien auch die überhöhten Ansprüchen der Alten Schuld an der Misere. Niejahr fordert mehr Bescheidenheit und Anpassungsfähigkeit, Mobilität und Einsatzbereitschaft. Das würde die Jobchancen deutlich mehr verbessern, als ein neues Antidiskriminierungsgesetzen, welches den Arbeitgebern verbieten würde, eine Person auf Grund ihres Alters abzulehnen. Das Problem sei das "seelische" Altern, wenn man sich nichts mehr zutraue, weil andere nichts mehr von einem erwarten.

Der Druck von außen

Dabei hat Niejahr sicher Recht, dass es weniger eine Frage der Biologie als der Kultur ist, wie viel Erfindungsreichtum und Innovationskraft ein Mensch oder eine Gesellschaft aufbringt. Leider reiht sie sich in den Chor derer ein, die das Hohe Lied auf den wachsenden Druck von außen singen. Mit dem Altersforscher Paul Baltes sagt sie, was in Zukunft gelten werde sei: "Du bist niemals komplett. Es wird in deinem Leben keine Phase geben, in der du dich einfach bequem treiben lassen kannst. Du musst immer wachsam sein." Doch, so muss man ihr entgegenhalten, ist es viel wahrscheinlicher, dass nur einige wenige mit Zuversicht und Tatkraft auf die schwindende Sicherheit reagieren können. Viele werden den Anforderungen nicht gewachsen sein und arm und vernachlässigt leben. Die traurige Konsequenz von Niejahrs Lob der Eigeninitiative wird allerdings sein, dass sich die Menschen für Armut und Krankheit auch noch verantwortlich fühlen sollen: Sie sind dann selbst schuld.

Dabei ist Niejahr klug genug, um zu differenzieren. Einen Kampf der Generationen, schreibt sie, wird es nicht geben. Dazu sind die Interessen innerhalb der Gruppe der Alten zu unterschiedlich. Statt dessen werden einige den Herausforderungen gewachsen sein und mit Hilfe von Familiensolidarität, Bildung, ererbtem Reichtum und Flexibilität bis ins hohe Alter ihren Lebensstandard halten können. Daneben wird es die Verlierer geben. Das bedeutet nicht den Kampf der Alten gegen die Jungen, sondern einen wachsenden Verteilungskampf zwischen Arm und Reich.

Wie wird die künftige Altenrepublik aussehen? Niejahr untersucht das Phänomen der schrumpfenden Städte, fragt nach den Familienmodellen und Lebensformen der Zukunft und referiert, eine in den USA breit geführte und bei uns eher unbekannte Debatte darüber, welche weltpolitischen Konsequenzen das Altern der Gesellschaft haben könnte. Sie überlegt, was zu tun ist. Neben Optimismus, Flexibilisierung und dem Umbau der Sozialsysteme fordert sie vor allem mehr Einwanderung und bessere Bildung. Nur wenn die wenigen jungen Menschen, die es geben wird, gut ausgebildet sind, werden sie die wirtschaftliche Stagnation verhindern können. So hat sie ein Buch geschrieben, dass vielleicht nicht viel Neues bietet, und das manches Mal mit seiner neoliberalen Weltanschauung hausieren geht. Und doch ist es ein vielseitiger und gut geschriebener Beitrag zu einer Debatte, mit der wir uns befassen müssen, weil die Gefahren und Probleme groß sind, ohne dass bislang plausible Lösungen in Sicht wären.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare