Immer schon unterwegs

Zur Hysterie besteht kein Anlass: Eine fundierte "Enzyklopädie der Migration in Europa"

Von ANDREAS ECKERT

Liebigs Fleischextrakt könne man nicht essen, schrieb einst Kurt Tucholsky über den "Ulyssees", aber es würden noch viele Suppen damit zubereitet werden. Ganz so süffisant darf man über die dickleibige "Enzyklopädie Migration in Europa", die auf knapp 1200 Seiten über 200 Artikel eines vielköpfigen internationalen Autorenteams vereint, natürlich nicht urteilen. Ein nicht leicht verdaulicher Brocken ist sie allemal.

Das Thema kann jedenfalls, wie der Osnabrücker Historiker und Mitherausgeber Klaus Bade in seinem Vorwort unterstreicht, gegenwärtig große gesellschaftliche Bedeutung reklamieren. Denn Migration und Integration sind derzeit in den meisten Ländern Europas Sorgenthemen. Doch haben wir es Bade zufolge keineswegs mit einer historischen Ausnahmesituation zu tun. Im Gegenteil: Zuwanderung, Integration und interkulturelle Begegnung seien seit jeher zentrale Elemente der europäischen Kulturgeschichte.

Integration als roter Faden

Die Enzyklopädie knüpft also durchaus an tagespolitische, nicht selten hysterisch geführte Debatten zur Problematik von Einwanderung und Akkulturation an, die auf eine historisch fundierte Grundlage gestellt werden sollen. Nicht zufällig dient die Frage nach der "Integration" der Migranten als roter Faden des Gesamtwerkes. Dabei steht die "konkrete historisch-empirische Frage" im Vordergrund, "warum einzelne Zuwanderergruppen in bestimmten Aufnahmekontexten … vergleichsweise lange als zugewanderte Minderheiten bzw. als Diaspora erkennbar blieben, während andere nur wenige… oder gar keine Spuren hinterließen."

Grundlegend für die Enzyklopädie ist der ebenso kompetente wie konzise Artikel über "Terminologien und Konzepte in der Migrationsforschung" von Dirk Hoerder, Jan und Leo Lucassen. Hier wird das theoretische Rüstzeug geschmiedet und der historiographische Rahmen skizziert. Die Autoren verweisen auf das lange Zeit große Potential der Nationalstaaten, Zuwanderung zu regulieren und Integration zu gestalten. Erst in den vergangenen Dekaden seien viele entsprechende Kompetenzen auf die Ebene der EU-Kommission verlagert worden. Das Schengener Abkommen stellte in diesem Zusammenhang einen Meilenstein dar. Dessen Resultat war aber, so die Autoren, nicht nur wachsende Freizügigkeit innerhalb des EU-Raumes, sondern auch der Ausbau der "Festung Europa", in der viele Zuwanderer nicht mehr willkommen sind.

Schengen und die Folgen

Es folgen ausführliche Überblicksdarstellungen über die Wanderungsgeschichte der einzelnen europäischen Länder. Den Kern des Werkes bilden dann alphabetisch geordnete Artikel, die spezifische Migrantengruppen darstellen. Das Spektrum ist beeindruckend, für Nicht-Spezialisten finden sich manche auf den ersten Blick skurril anmutenden Einträge, etwa "Wallonische Strohhutmacher in den Niederlanden des 19. Jahrhunderts" oder "Westalpine Kaminfeger in West-, Mittel- und Südeuropa vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert". Bei der Lektüre wird der sehr unterschiedliche Wissensstand zu den jeweiligen Einwanderergruppen deutlich: Einige Autoren können aufgrund der guten Quellen- und Forschungslage aus dem Vollen schöpfen, viele sind jedoch gezwungen, gleichsam aus Magermilch Sahne zu schlagen. Umso beeindruckender ist die durchweg hohe Qualität der Beiträge.

Natürlich gibt es bei einem solchen Unterfangen immer vieles zu bekritteln. Schade ist etwa, um nur einen Punkt herauszugreifen, dass die Herkunftsräume der Einwanderer nicht in den Blick genommen werden. Auf diese Weise finden die vielfältigen Verflechtungen und Netzwerke zwischen Herkunfts- und Einwanderungsregion zu wenig Beachtung.

Am Ende jedoch muss eindeutig das Lob überwiegen. Die Enzyklopädie, die demnächst auch auf Englisch erscheinen wird, bietet für künftige Forschungen ein solides Fundament. Und vielleicht lässt sich ja auch der eine oder andere Politiker durch das Werk dazu inspirieren, seine Ausführungen zu Einwanderung und Integration mit mehr historischer Tiefe zu versehen.

Klaus J. Bade et al. (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Schöningh / Fink 2007, 1156 S., 78 Euro.

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