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Johann Gottfried Seume aus dem "Spaziergang nach Syracus".

„Mein Leben“

Immer sagen, was man denkt!

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Die Autobiographie von Johann Gottfried Seume ist erstmals vollständig erschienen.

Johann Gottfried Seume wollte dieses Buch nicht schreiben. Bereits als 33-Jähriger wurde er zwar aufgefordert, sein Leben zu erzählen. Aber er glaubte, im achtzigsten Jahr wäre es noch früh genug, mit einer Autobiographie zu beginnen. Seume wurde allerdings bereits in seinen Vierzigern krank. Anfang 1808 glaubten seine Freunde bereits, dass er binnen Tagen sterben werde. „Mir gehts erbärmlich“, schrieb er an seinen Verleger Johann Friedrich Cotta, „es scheinen sich 36 000 Krankheiten verschworen zu haben, mich diesen Sommer nieder zu travaillieren. Gelingts, nun so ist Feyerabend.“

Es muss ihm sehr erbärmlich gegangen sein. „Seit einem vollen Jahre nicht zwey Stunden ununterbrochen geschlafen“, berichtet er im Mai 1809 an Friedrich Maximilian von Klinger, zuweilen habe er „täglich in der Frühe ein Nefel Blut geharnt“, zudem zehn Wochen nicht schreiben, nicht lesen, nicht reden dürfen. Ein Jahr später, am 13. Juni 1810, stirbt Seume schließlich im böhmischen Bad Teplitz, erst wenige Tage zuvor hatte er unter großen Schmerzen die Reise angetreten, und der behandelnde Arzt erkannte in „diesem interessanten Mann“ sofort einen „Kandidaten des Todes“.

In diesen beiden letzten Jahren also schreibt Seume „Mein Leben“. Er selbst glaubte offenbar selbst noch bei Beginn der Niederschrift nicht an das Konzept einer Selbstbiographie: „Ich halte mich nicht für wichtig genug, daß überhaupt mein Leben beschrieben werde“, heißt es gleich im ersten Satz. An Stoff fehlte es diesem in Poserna, einem Stadtteil des sachsen-anhaltinischen Lützen, 1763 geborenen Dichter allerdings nicht. Sein Lebensweg hat ihn als Soldat früh nach Nordamerika geführt, später nach Russland, Sizilien und Skandinavien. Er hat mit der Kaiserin Maria Fjodorowna in Pawlowsk gesprochen, desertierte in Ostfriesland von den Preußen, wurde in Warschau gefangengenommen, hat den Ätna bestiegen und ist als Student der „verdammten Theaterepidemie“ verfallen. Von den fünf Talern, die er „zur Unterhaltung meines Leibes“ zur Verfügung hatte, habe er vier monatlich ins Theater getragen: „Man denke sich nun dabey meine Kost.“

Aber nicht die Reiseabenteuer und Kriegserlebnisse, auch nicht seine Bildungsgeschichten machen diesen Lebensbericht besonders, sondern die Wahrhaftigkeit, der Ernst, auch die souveräne Selbstdistanz, mit der hier einer seine Geschichte erzählt. Es ist ja erstaunlich genug, was Seume alles nicht erzählt; seine Geschwister etwa nennt er noch nicht einmal beim Namen, und warum er sich 1781 von hessischen Werbern für den Krieg in Nordamerika gewinnen ließ, lässt er (absichtlich?) offen.

Erkennbar geht es Seume nicht um das Abschildern von biographischen Begebenheiten, sondern um die Selbsterprobung einer Aufrichtigkeit, die sich vor Widersprüchen nicht scheut. „Das Einfachste mir immer das liebste; ein gutes Butterbrot und reines Wasser mein bester Genuß“, schreibt er. Zwei Seiten später aber liest man, „nichts kitzelt einen jungen Menschen mehr, als militärische Unternehmungen“. Butterbrot und Krieg als Genüsse gleichermaßen. Die Wahrheit kennt keine eingeschossigen Unterkünfte.

„Heucheley war mir unerträglich“, schreibt Seume deshalb, vor allem die Heuchelei sich selbst gegenüber. „Ich sagte immer nur was ich dachte, ob ich gleich nicht alles sagte, was ich dachte.“

Dass man jetzt lesen darf, was Seume alles gedacht hat, ist dieser von Dirk Sangmeister akribisch editierten Ausgabe von „Mein Leben“ zu danken. Erstmals überhaupt liegt damit der vollständige Text vor, versehen mit ausführlichen Kommentaren und einem so umfang- wie hilfreichen Anhang, auch wenn Sangmeister sich hier unangenehmerweise ob seiner editorischen Arbeit gern selbst auf die Schulter klopft. Bislang gab es den Text nur in gekürzten Ausgaben, zurechtgestutzt in der Absicht, Seume „als frommen Mann“ im „biedermännischen Sinne“ hinzustellen, wie Sangmeister schreibt.

Wie entschieden dieser Seume sich jedoch gegen jede „weltliche und geistliche Gaunerey“ wandte, wie sehr er auch seinen christlichen Glauben unter die „Aegide der Vernunft“ stellte („Ich war ein reiner Deist.“) – das ist erst mit dieser Ausgabe zu begreifen.

Berühmt gemacht hat Seume sein Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“, der anders als Goethes „Italienreise“ weitaus eigenwilliger, politisch wacher, auch alltagsnaher ist und nicht zufällig für Heinrich Heine zum Vorbild wurde. Diese intellektuelle Kratzbürstigkeit, dazu seine Gabe der leisen Selbstironie und eine Sprache, die selbst den Schmerzen und Krankheiten noch eine eigene Leichtigkeit abgewinnt, macht auch „Mein Leben“ unbedingt lesenswert. Abgesehen davon, dass man hier einem über die Schulter schauen kann, der Aufklärung im besten Sinne betreibt: nie etwas zurückhalten oder verschweigen, was gegen die eigenen Gedanken gedacht werden kann.

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