Jörg Schröder und Barbara Kalender, 1986.
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Jörg Schröder und Barbara Kalender, 1986.

Verleger stritb

Nachruf auf Jörg Schröder: Immer radikal, nie konsequent

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zum Tod des großen Verlegers und Erzählers Jörg Schröder.

Der 1938 in Berlin-Niederschönhausen geborene Jörg Schröder war einer der großen Verleger der Bundesrepublik. Nein, er hatte keinen Konzern aufgebaut. Er war nicht einmal 20 Jahre lang Verleger. Aber er brachte Günter Amendts „Sexfront“ heraus, Rolf Dieter Brinkmanns und Ralf Rainer Rygullas epochemachende Anthologie „Acid – Neue amerikanische Szene“, Robert Crumbs „Headcomix“, Edgar Snows „Roter Stern über China“, Siegfried Bernfelds „Antiautoritäre Erziehung“, Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder Bernward Vespers „Die Reise“. Und natürlich „Die Geschichte der O“. Sie kennen keinen dieser Titel? Da haben sie noch glücklich-verstörende Stunden vor sich.

„Die Geschichte der O“ war in den 50er und 60er Jahren, das, was vor zehn Jahren „50 Shades of Grey“ war: ein Skandal und ein Welterfolg. 1954 war das Buch in Frankreich erschienen. Jörg Schröder war es, der es 1967 noch als Angestellter des Melzer-Verlags auf Deutsch herausbrachte.

Jörg Schröder: Revolution und Sex

Revolution und Sex war die bundesrepublikanische Parole der späten 60er Jahre. Es war auch das Rezept Jörg Schröders. Er fand nichts dabei, Texte von Che Guevara und Pornographie zu verlegen. Am liebsten aber war es ihm, wenn es ihm gelang, Bücher zu finden, in denen Sex und Revolution sich verbanden. In seinem taz-Blog Schröder & Kalender erklärte er 2011 „Sexfront“ zu seinem erfolgreichsten Titel. Nicht nur weil 400 000 verkaufte Exemplare schon ein ordentlicher Brocken sind, sondern, so sagte er: „Die Menschen fickten fröhlicher“ nach „Sexfront“.

Jörg Schröders Bücher waren auch gestalterisch eine Revolution. Popiger als die gelben Umschläge von März – den Verlag hatte er 1969 in Frankfurt gegründet – ging nicht.

Jpörg Schröder: Zwei Herzinfarkte konnten ihn nicht stoppen

1987 hatte Schröder zwei Herzinfarkte und hörte auf mit dem Büchermachen. Jetzt erzählte er wieder. 1972 war sein Buch „Siegfried“ erschienen. Seine Lebensgeschichte eingeflochten in die Geschichte der Bundesrepublik. Ein witziges, großmäuliges und ergreifendes Buch. „Die Bombe im gelben Umschlag“ nannte es der „Zeit“-Journalist Dieter E. Zimmer. Das Buch erschien wieder zum 80. Geburtstag Jörg Schröders am 24. Oktober 2018 im Frankfurter Verlag Schöffling & Co. Barbara Kalender erweiterte es auf 544 Seiten und erzählte im Anhang Schröders Leben weiter. Kaufen Sie es, bitte, bitte.

Seit 1990 – ich weiß nicht mehr bis wann – erschien in unregelmäßigen Abständen „Schröder erzählt“ eine Schriftenreihe, in der Jörg Schröder sich selbst und den Rest der Menschheit – nur für Abonnenten – auf die Schippe nahm. Seit Juni 2006 hatten Jörg Schröder und seine Frau Barbara Kalender, die beide inzwischen in Berlin wohnten, einen Blog in der taz, von dem inzwischen 1400 Beiträge erschienen sein sollen.

Schröder ist der geborene Erzähler. Einer, der nicht schreibt. Jetzt habe ich das falsche Tempus verwendet. Jörg Schröder starb am 13. Juni. Er gehörte zu den wenigen freien Menschen. Zu denen also, die immer radikal, aber niemals konsequent sind.

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