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Das warme Fell ist auch bei Menschen begehrt: Eine Vikunja-Familie auf dem Berg Chimborazo in Equador.

Natur-Geschichten

Im Spiegel der Objekte

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Edward Posnett fragt in „Die Kunst der Ernte“: Können wir die Natur nutzen, ohne sie zu zerstören?

Auf dem Boden rund ums Haus saßen Enten ebenso wie auf dem geneigten Torfdach; eine Ente saß sogar auf dem Fußabstreifer. Eine Windmühle wimmelte nur so von Enten; und auch alle Nebengebäude, Erdhügel, Felsen und Klüfte. Enten überall“, so beschrieb der Engländer C. W. Shepherd die Insel Vigur in den isländischen Westfjorden, als er sie im Jahr 1862 besuchte. Auch heute gibt es dort noch Eiderenten, und die Menschen auf der Insel freuen sich darüber. Denn der weiche, leichte Flaum aus den Brustfedern der Weibchen wird für Füllungen von Kopfkissen und Decken verwendet, die an Superreiche verkauft werden.

Eiderdaunen sind eines von sieben Objekten, die Edward Posnett in seinem Buch „Die Kunst der Ernte“, unter die Lupe nimmt, oder, in Anlehnung an die Tradition, „exotische“ Objekte zu sammeln, in eine Glasvitrine legt. Die Frage, die er den Objekten stellt: Ist es möglich, die Natur zu nutzen, ohne sie zu zerstören?

Eiderdaunen scheinen ein Musterbeispiel dafür zu sein, wie der Mensch und die Natur partnerschaftlich zusammenarbeiten können: Denn die Daunen werden von den Enten nach der Brutzeit zurückgelassen, der Mensch kann sie einfach einsammeln, quasi ernten. Die Enten wiederum profitieren davon, dass die Menschen auf ihren Farmen geeignete, sichere Brutplätze schaffen.

Allerdings hat die Sache einen Haken: Dazu gehört nämlich auch, dass die „Eiderentenbauern“ nachts herumlaufen, und Polarfüchse erschießen, die sonst eine Gefahr für die brütenden Enten wären. Die Symbiose zwischen Mensch und Ente funktioniert also, aber nur zulasten der Füchse.

Auf der Suche nach der perfekten Partnerschaft reist Posnett um die Welt, neben den isländischen Westfjorden besucht er Malaysia, Indonesien, Italien, Peru und Ecuador und versammelt in seiner Vitrine außer Eiderdaunen noch essbare Vogelnester, Katzenkaffee, Muschelseide, Vikunjafaser, Taguanüsse und Guano.

Vikunjafaser ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Rohstoffe einer geschützten Art legal vermarktet werden. Während Vikunjas, eng verwandt mit Alpakas, bei den Inkas als heilig galten und nur Könige und Priester Kleidung aus Vikunjafaser tragen durften, wurden die Tiere von den Spaniern wegen des Fells und des Fleisches geschlachtet, ihre Zahl nahm stark ab.

Anfang der 1990er Jahre bekamen Dorfgemeinschaften in Peru das Recht, die wild lebenden Tiere vorübergehend einzufangen und lebend zu scheren. Dafür wurde eine alte Praxis der Inkas, das Chakku, neu belebt. Die Idee dahinter: Wenn die Menschen vor Ort ein Interesse an der Art haben, hat diese höhere Überlebenschancen. Zunächst sah es so aus, als sei dieses Konzept erfolgreich, es gab wieder mehr Vikunjas. Allerdings nahm auch die Wilderei zu, und das Geld kommt nicht bei den Gemeinden an.

Das Buch:

Edward Posnett: Die Kunst der Ernte. Sieben kleine Naturwunder und ihre Geschichten. A. d. Engl. v. Sabine Hübner. Hanser 2020. 336 S., 24 Euro.

Markt als Kolonialmacht

Während die Vikunjas noch vergleichbar gut wegkommen, stellt sich die Vorstellung vom partnerschaftlichen Umgang mit der Natur im Lauf des Buches zunehmend als Illusion heraus. Luxusartikel auf der einen, Ausbeutung, Tierquälerei und Artensterben auf der anderen Seite. Posnett, der zuvor in London im Finanzsektor arbeitete, stößt zudem immer wieder auf das Muster, dass die Menschen vor Ort von den teilweise horrenden Preisen, zu denen etwa Eiderdaunen-Decken gehandelt werden, nur wenig abbekommen.

Bösewichte sind hier jedoch meist nicht die einzelnen Menschen, sondern der Markt, den Posnett als „neue Kolonialmacht unseres Zeitalters“ bezeichnet. Die Ernte werde jetzt durch die Wünsche weit entfernt lebender Menschen bestimmt, „durch deren kleine Entscheidungen, vom Öffnen eines Knopfs bis zum Kaffeegenuss.“

Posnett lässt sich allerdings häufig dazu hinreißen, der Vergangenheit nachzuhängen, jener Zeit, „in der die Beziehung des Menschen zur Natur noch nicht durch den Kapitalismus zerstört war“. Dabei sieht er selbst durchaus Hinweise darauf, dass es diese Harmonie nie gegeben hat. So sind die Mammuts zwar sicher nicht wegen des Kapitalismus ausgestorben, doch in der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass neben Klimaveränderungen auch der Mensch dazu beigetragen hat.

Dafür, dass er der Dreh- und Angelpunkt des Buches ist, geht Posnett auch erstaunlich leichtfertig mit dem Begriff der Natur um. Es wird nicht klar: Ist für ihn der Mensch Teil der Natur oder nicht? Hat sie einen intrinsischen Wert? Geht es ihm um den Artenschutz, den Tierschutz, den der Lebensräume oder der für den Menschen nutzbaren Ressourcen?

Posnett will, dass uns die Objekte in seiner Sammlung als Kompass, als Orientierungshilfe dienen. Im Epilog zitiert er den US-amerikanischen Journalisten Michael Pollan: Gärten lehren uns, dass es „einen Mittelweg gibt zwischen Rasen und Wald“. Posnett findet diesen Weg auch bei seinen Objekten: Die Menschen, die ihn erfolgreich beschritten, setzten die Interessen der Umwelt ihren eigenen gleich.

Zwar hat Posnett gar nicht den Anspruch an sich, darüber hinaus Strategien zu entwickeln: „Wir müssen lernen, einen Schritt zurückzutreten und diese natürlichen Rohstoffe zu betrachten.“ Erst dann könne man entscheiden, ob wir sie behalten oder an Ort und Stelle lassen wollen. Leider aber bleibt Posnett so auf halbem Wege stehen und arbeitet nicht heraus, unter welchen Bedingungen eine echte „Partnerschaft“ gelingen könnte.

Warum hat es im Fall der Vikunjas nicht funktioniert, die Nutzung zu legalisieren, ohne den Tieren zu schaden? Sollte man bei den Gemeinschaften vor Ort ansetzen oder internationale Abkommen abschließen? Oder hilft am Ende nur die Abschaffung des Kapitalismus? Diese Fragen bleiben offen.

Bei allem Lesevergnügen über Enten auf der Fußmatte und skurrile Luxusgegenstände – als Kompass eignen sie sich so nicht.

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