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Das Mäuse-Ballett, mit dem Hatü und ihr Vater großen Erfolg bei den amerikanischen Soldaten haben.

Literatur

Im Griff der Marionette

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Nominiert für den Deutschen Buchpreis: Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ zieht aus der Augsburger Puppenkiste ein Stück Nachkriegsgeschichte hervor.

Dieser Roman spielt auf zwei Zeit- und Realitätsebenen, die sich besonders gut voneinander unterscheiden lassen, weil der eine Teil in Rot, der andere in Blau gedruckt ist. Wie eine in Tee getunkte Madeleine setzt das eine Erinnerung in Gang, und nicht nur die Erinnerung stellt sich ein, auch das Gefühl selbst: das Gefühl, sich mit klopfendem Herzen den Weg durch ein aufwühlendes zweifarbiges Buchstabenmeer zu bahnen. Später zeigt sich zwar, dass in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ die Farbtöne ganz anders sind. Da ist aber längst klar: Das ist kein Zufall. Der Schriftsteller Ende hat selbst einen kleinen Auftritt, und sein Jim Knopf gehört zu den Hauptakteuren, wenn man so sagen darf.

„Marionetten atmen nicht“, heißt es hier einmal an einer Stelle, an der es für den einzigen Menschen weit und breit leichter wäre, wenn sich auch eine Marionette im Stockdunkeln durch Geräusche verraten würde. Eine unheimliche Marionette, eine Art Horrorkasperl. Marionetten atmen nicht, aber sie reden, wenn die Nacht lang ist, sie sind beweglich und, anders als in Kleists „Marionettentheater“, nicht ohne Bewusstsein. Thomas Hettche führt anderes im Schilde, als sich für ihre Anmut zu interessieren. „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“ macht sie zu Mitspielern und Zeitzeugen.

Wer in seiner Kindheit schon einmal ein Buch gelesen hat, und das gilt doch für die meisten, kann sich auf „Herzfaden“ gut einstellen. Hettche erzählt für Erwachsene, aber er erzählt geradeaus und er achtet darauf, auf beiden Ebenen voranzukommen, ohne uns zurückzulassen. Dazu gehört, nicht innezuhalten, um Dinge zu erklären. Das kommt schon noch, scheint er uns zuzurufen, wartet mal ab, lest mal weiter, aber eigentlich ruft er nichts dazwischen. Er hat sich das gut ausgedacht, er hat recherchiert, jetzt lässt er sich nicht aufhalten, nicht von überbordender Syntax, nicht von Nebensträngen. Matthias Beckmann hat aber feinste Zeichnungen beigesteuert, ebenfalls in Rot und Blau.

In roter Schrift gerät ein Mädchen in unseren Smartphonetagen in die Klemme. Da es nach Art von Zwölfjährigen glaubt, über eine Vorstellung der Augsburger Puppenkiste erhaben zu sein, da es außerdem wegen der Trennung seiner Eltern Kummer hat, zögert es kaum, als eine mysteriöse Pforte im Theaterfoyer – war die eben schon da? – Gelegenheit gibt, sich abzusetzen. Das ist der Weg zum Fundus, würde unsereiner sagen, aber es herrscht Betriebsamkeit. Vor allem gibt es hier eine gewisse Hatü, die wohl ein echtes Gespenst ist. Bevor die beiden ins Gespräch kommen, hat sich der bereits erwähnte Kasperl das entsetzte Mädchen geschnappt – eisern sein Griff. Erst als sie ihm ihr iPhone überlässt, rast er ohne sie weiter. Sie hinterher, weil sie es zurück will.

Das Buch

Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 284 S., 24 Euro.

In blauer Schrift ist Hatü selbst noch ein Kind. Ihr Vater ist Schauspieler, muss vorerst nicht in den (Zweiten Welt-)Krieg und fängt an, mit Marionetten zu arbeiten. Walter Oehmichen ist sein Name, und noch bevor er mit seiner Familie das Augsburger Puppentheater gründet, hat man sich orientiert. Hettche erzählt in blauer Schrift also von den frühen Tagen der Puppenkiste, einem schillernden, aber eindeutig erfolgreichen Stück Nachkriegszeit. Da ist die Not und da sind die Amis, vor denen Vater und Tochter Oehmichen ihr Micky-und-Minnie-Maus-Ballett tanzen lassen. Da ist die Amüsierlaune, und da kommt trotzdem die Frage auf, was aus Frau Friedmann geworden ist. Hatü hat gesehen, wie sie damals weggebracht wurde. Überhaupt wird die eine oder andere Frage gestellt, aber dann erinnert einer an die schlimmen Bombenangriffe. Bei einer Veranstaltung begrüßt der Kulturdezernent den Schriftsteller Ernst Wiechert. „Wie dankbar man Ernst Wiechert sei, betont er, dass der beliebte Autor nicht wie viele andere in die Emigration gegangen sei, sondern die letzten zwölf Jahre mit ihnen gemeinsam ertragen habe.“

Hatü selbst, Hannelore Oehmichen (1931-2003), liebt ihre Marionetten, tausende wird sie schnitzen. Den Kaspar aber fürchtet sie, obwohl sie ihn selbst hergestellt hat, ihre erste Puppe, entstanden, erfahren wir, bei einer Kinderlandverschickung. „Er guckt wirklich ein bisschen finster. Wollen wir ihn freundlicher machen?“, fragt der Vater und schnitzt in sein Gesicht hinein, dass es einen durchaus schaudert. „Tatsächlich sieht er nun aus wie ein liebenswerter Bursche. Und doch spürt Hatü, dass sie sich noch immer vor ihm ängstigt. Nur weiß sie jetzt nicht mehr weshalb.“ Da stimmt etwas nicht.

In roter Schrift hat das Mädchen derweil Gefährten auf der Reise durch die Dunkelheit gefunden: Urmel, Jim Knopf und König Kalle Wirsch. Ganz vernünftige Leute, auch wenn ihnen ihrer Natur entsprechend ein wenig die Substanz und Weltläufigkeit fehlen. In blauer Schrift wird Hatü darauf aufmerksam gemacht, dass es an der Zeit ist, Sartre und William Faulkner zu lesen. Und das Puppentheater braucht eine Kiste, um auf Reisen zu gehen. Zu Gastspielen und vor allem ins Fernsehen. Hatü mag das neue Medium nicht, aber der Vater geht mit der Zeit. So kommen die Dinge voran, von Thomas Hettche mit Verve, aber nicht atemlos angeschoben.

Wie in einem vorzüglichen Puppentheater weiß der Autor, seinerseits Jahrgang 1964 und somit gewiss früher Nutzer aller erwähnten kulturellen Angebote, Schrecken und Pointe und das, was sich im Gedächtnis festhaken soll, zu platzieren. Auch die Frage ihrer Generation wird Hatü, bei Kriegsende 14 Jahre alt, ihrem Vater noch stellen. „Habt ihr das gewusst mit den Juden?“

Der Puppenkisten-Roman bewahrt die Ruhe und findet doch das Furchtbare im Possierlichen. Hettche hat ähnlichen Spürsinn in „Pfaueninsel“ bewiesen, 2014 wie „Herzfaden“ jetzt (und „Woraus wir gemacht sind“ 2006) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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