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Christian Grataloup: Atlas zur Geschichte der Welt - Im Flug durch die Zeitalter

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Von: Michael Hesse

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„Nicht mehr als 150 000 Menschen“: Blick auf die Arktis. C.H.Beck
„Nicht mehr als 150 000 Menschen“: Blick auf die Arktis. C.H.Beck © C.H.Beck

Christian Grataloup hat die Globalgeschichte in Karten nacherzählt.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“, fragt Thomas Mann im „Vorspiel Höllenfahrt“ seines Romans „Josef und seine Brüder“. Die Antwort geben wir an dieser Stelle gleich mit: ein entschiedenes Nein! Unergründlich wird man die Vergangenheit nicht nennen, wenn man in dem Buch „Die Geschichte der Welt. Ein Atlas“ blättert und sich in den Karten dieser Welt verliert.

Der französische Wissenschaftler und Geohistoriker Christian Grataloup hat den Atlas konzipiert, nachdem er bereits zwei ähnliche Bücher publiziert hatte, eines davon über die Geschichte Frankreichs. Er hat unsere Vorstellungen von Atlanten dabei auf unerhörte Art und Weise übertroffen. Er eröffnet einen anderen Blick in eben jenen tiefen Brunnen der Vergangenheit, als es die alten Welt-Atlanten getan haben.

Der Atlas beeindruckt durch seine Kunst, Leser und Leserin in einem kontinuierlichen Strom von neuem Wissen mitzureißen. Er ist ein labyrinthisches Monument mit zahlreichen Eingängen. Natürlich gibt es Bekanntes, Allzubekanntes wie eben die Geschichte der westlichen Dominanz, die es ja auch fraglos gab auf der Welt. Nicht von ungefähr wird ihr ein umfassendes Kapitel zuteil. Aber es gibt auch die neuen Blickwinkel auf die Historie, etwa von China ausgehend in Richtung Europa.

Das Buch

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt. Ein Atlas. A. d. Franz. v. Martin Bayer u.a.. C.H. Beck. 640 S., 39,95 Euro.

Das geheimnisumwitterte Wesen, von dem Thomas Mann in seinem genannten Roman handelt, bildet den Auftakt des Atlanten. Man folgt den Spuren des Australopithecus bis hin zum Homo Sapiens auf wunderbar gestalteten Karten. Man erschrickt, wenn man die Zahl „seit sieben Millionen Jahren“ liest und sich den unfassbar großen Zeitraum bewusst macht, in dem unsere Vorfahren existierten. Und wie kurz jene Phase der Geschichtsschreibung über die sogenannte zivilisierte Welt im Vergleich dazu ist.

Namen wie Orrorin, Melka Kunture oder Toumaï verweisen auf die wichtigsten Vorfahren der Urmenschen in Afrika. Man wird zum Äthiopischen Graben geführt, der möglicherweise die Wiege der Menschheit ist. Karten folgen, die den Aufbruch des Menschen nach Norden, Osten oder Westen zeigen. Der Homo Sapiens erobert die Welt, schon damals. Atemlos taucht man ein in die Menschwerdung und die Weltergreifung des Menschen, Wanderbewegungen in Nord- und Südamerika werden ebenso wie wichtige Fundorte dargelegt. Auch in Europa, dem Zipfel des eurasischen Kontinents, wird den Wegen des Frühmenschen genauestens nachgespürt. Die ganze alte und scheinbar unzugängliche Welt eröffnet dieses Buch, von der Domestizierung der Pflanzen über die der Tiere.

Es geht im Eiltempo weiter. Man erblickt die Landschaft des Fruchtbaren Halbmondes, jenes von der Mittelmeerküste bis in den Irak sich erstreckenden Gebiets. Und man erfährt, dass ein gewisser James Henry Breasted diese Bezeichnung einführte und der australische Archäologe Vere Gordon Childe dem Gebiet das Nildelta hinzufügte.

Der Atlas ist also nicht an die starre Form der Chronologie gebunden, sondern muss stets neue Anläufe nehmen. Wie zum Beispiel die Indianischen Welten vor 1500 v. u. Z., die auf das Kapitel des Aufbruchs der Menschheit folgen. In höchst ansprechenden Farben erkundet das Auge Nordamerika, das vor ihm in Arktis, Subarktis, Prärien, Steppen und mehr zerfällt. Man reist mit in den Süden des Kontinents, folgt den Siedlungen und lässt sich über 4500 Jahre Andenkultur aufklären.

Kurz darauf geht es in den Pazifik, auf dem man mit den Seefahrern den Raum und seine Besiedlung nachvollzieht, bis hin zur Osterinsel mit den Rapa Nui und ihrem traurigen Schicksal durch die Landung der ersten Europäer, an deren Krankheiten sie starben.

Oder man sucht im hohen Norden und blickt mitten in das Nordpolarmeer hinein, erkennt von da aus die sich um den Nordpol gruppierende Länderwelt, die heute nur allzu gerne an die unter dem Eis liegenden Rohstoffe heran will. Die Völker der Arktis, werden wir aufgeklärt, hätten es kaum mehr als auf 150 000 Menschen gebracht. Das sei vor vielen Jahrhunderten schon so gewesen, heute sei es nicht anders.

Ein weiteres, wichtiges Feld sind die Vernetzungen der Alten Welt. Zu Beginn unserer Zeitrechnung sehen wir nicht allein das Römische Imperium als Ausgangspunkt des Handels und des kulturellen Austauschs, sondern, so will es die globale Perspektive, eben schon jenes China, das heute diese alte Rolle wieder ausfüllen will. Von China bis Rom habe sich eine dicht besiedelte Zone seit der frühen Steinzeit gebildet, heißt es da. Zwei Drittel der Menschheit seien dort ansässig gewesen.

In der Weihnachtszeit freut man sich gewiss über jenen Roman von Thomas Mann, „Josef und seine Brüder“, als auch über die Karten, die jene Regionen abdecken, in denen sich die biblischen Erzählungen erstrecken. Das alte Ägypten, das Halbmondland, Moses und die Routen des Exodus, all das finden wir in diesem wunderbaren, prallvollen Buch wie auch eine Karte zur „Welt der Bibel“.

Zerfall der Sowjetunion: In grünen Balken sind die Ländernamen zu lesen, die sich von Moskau lösen.
Zerfall der Sowjetunion: In grünen Balken sind die Ländernamen zu lesen, die sich von Moskau lösen. C.H.Beck © C.H. Beck

Aber nicht die alte Welt allein hat ihren Reiz, auch das Neue will vernommen sein. Der Blick geht nach Osten, wo der russische Präsident Wladimir Putin aus der Geschichte eine Rechtfertigung für seinen Überfall auf das Nachbarland Ukraine zu konstruieren versucht. Wie im Film können wir den Aufstieg des heutigen Riesenlandes mitverfolgen. Die Wurzeln im 8. bis 16. Jahrhundert, als es noch nicht ans Schwarze Meer reichte und am Onegasee endete. Die Zeit des Großfürstentums Moskau in der beginnenden Neuzeit. Kiew lag da in Polen-Litauen. Wir sehen die Expansion der Wikinger, von denen die Russen möglicherweise abstammen. Wir erkennen den schier unstillbaren Appetit auf Land, der erst 1856 sein Ende findet, als Nikolaus I. es allzu weit treibt und im Krieg um die Krim von den europäischen Staaten in die Schranken gewiesen wird. Das einschneidende Ereignis ist der Zerfall der Sowjetunion und der Abfall seiner Staaten. Belarus, Moldawien, Ukraine, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und so fort lauten die Namen jener, die sich nun dem Zugriff Moskaus entziehen wollen.

Dieses Buch muss man schnell lesen. Zumindest am Anfang sollte man Tempo aufnehmen. Später wird man sich ohnedies sorgfältig in einige Karten, Infografiken und die zahlreichen versammelten Daten vertiefen und dort verweilen wollen.

Es ist ein Glück, ein Geschenk, in diesem Buch zu schmökern, die ständigen Metamorphosen der Erde und des Lebens zu bedenken. Autor Grataloup hat es geschafft, sie wie im Flug einzufangen.

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