Ilma Rakusa.
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Ilma Rakusa. Foto: Giorgio von Erb

Lyrik

Ilma Rakusa „Kein Tag ohne“: Nachrichten schwarz wie Pech

  • VonBjörn Hayer
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Corona-Blues, Kriegsschrecken und fünf Prozent Glückseligkeit – Ilma Rakusas Band „Kein Tag ohne“ gibt Einblicke in eine einsame Seele, die zumindest in der Poesie Gemeinschaft findet

Einsam sind die Tage hinter dem Fenster. Hier und da vernimmt man Vogelstimmen, bisweilen legt sich Schnee über die stillen Straßen. Was fehlt, sind die Menschen. Sich im Schatten der Pandemie nicht selbst zu verlieren, dürfte die größte Herausforderung für die ansonsten viel reisende Lyrikerin Ilma Rakusa gewesen sein, die uns in ihren neuen Gedichten, versammelt in einem zwei Jahre umfassenden Diarium, anschaulich an ihren Gedankenschleifen teilhaben lässt.

Die Liebe zwischen Silben

Auf der einen Seite umkreisen ihre Poeme die Ermüdung angesichts täglicher Inzidenzzahlen und die Angst, „total desinfiziert / emotional kastriert“ zum „Zombie“ zu werden. Auf der anderen bahnen sie sich immer wieder den Weg für Sehnsüchte und puren Lebensdrang. „Schönheit zelebrieren / ach, in sonore Gänge ziehen / voll Musik / und liebkosen Baum und Kind“, davon träumt ihr Ich auf einer Parkbank. Es hält sich inmitten des viralen „Todestanzes“ an die kleinen Momente des Genießens: an die Nachmittage mit dem Enkel, an flirrenden Blütenstaub oder einfach nur an die unerwartete Fügung, „wenn eine Silbe zu der andern passt, als wär es Liebe“. Stellt sich dieser Augenblick erst einmal ein, so verschmilzt das Ich mit dem Wald oder mit dem „Licht, einem der wichtigsten Motive in „Kein Tag ohne“.

Dann begegnen uns nicht nur vollständige Sätze, sondern konzise durchkomponierte und manchmal sogar mit Reimen versehene Gedichte. Die Verse verbinden sich, insbesondere als Gegenmodell zur Corona-Isolation. Ihnen gegenüber stehen Texte, die klar den Bruch signalisieren, Texte, in denen fremdsprachliches Vokabular aufpoppt.

Das BUch:

Ilma Rakusa: Kein Tag ohne. Gedichte. Droschl, Graz 2022. 248 Seiten, 23 Euro.

Zeugen sie von der Gefahr, im Alleinsein den Sinn für die eigene Worte zu verlieren? Durchaus. Denn noch nie zuvor hat die 1946 in der Tschechoslowakei geborene und heute in Zürich wohnende Kosmopolitin derart massiv die auf sie einwirkende Wucht der Realität aufgezeigt, die sie aller vermeintlichen Sicherheiten beraubt hat.

Nicht nur die Pandemie mag daran schuld sein. Alle „Nachrichten sind schwarz wie Pech“, nämlich vom Fall Kabuls bis zur Invasion Putins in die Ukraine. Nachdem die Autorin in Bänden wie „Aufgerissene Blicke. Berlin-Journal“ von 2013 und „Impressum: Langsames Licht“ von 2016 einen eleganten, feinen Stil entwickelt hat, bedient sie nun ein für ihre Verhältnisse gänzlich neues Register. Sie schreibt sich in die politische Lyrik vor. Auf die weinende Kälte in den Bunkern reagiert sie mit einem appellativen Ton: „Herr Kremlchef mit ihrer Fresse: / hören Sie zu: die Not ist groß / und ganz konkret / sie kostet Leben!

Das Gold der Birke um drei

Abseits von jenen etwas zu pamphletmäßig geratenen Zeilen entfaltet der Band ebenso leise, zärtliche Töne. Sie eröffnen Auswege aus der gewaltvollen Epoche und führen uns dorthin, wo das „Gold der Birke um drei“ für „fünf Prozent / Glückseligkeit“ sorgt, wo Farben sich dem monochromen Grau und Dunkel der Macht entgegenstellen, ja, wo die Nächsten zu finden sind. Mit letzteren ergibt sich die Chance zu einem poetischen Sprechen: „Ich summe du summst / eine strahlende Zeile / und weiter / bis das Singen gelingt“. Waffen und Krankheiten können Menschen trennen, aber diese einfachen Worte stiften Gemeinschaft. Auch Wirklichkeit und Möglichkeit, Wunde und Wunder lagen selten so nah beieinander wie in diesem Band, der eine bewegende Suche nach dem äußeren und inneren Frieden ist.

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