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Atreju vor dem Felsentor.

Literatur

Illustrator Sebastian Meschenmoser („Die unendliche Geschichte“): „Phantásien enthält viele Daseinsformen“

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Der Illustrator Sebastian Meschenmoser über seine Bilder zu einer neuen Ausgabe von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“.

Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt geboren und studierte Bildende Kunst in Mainz. 2005 erschien sein erstes Bilderbuch „Fliegen lernen“.

Michael Ende (1929–1995) zählt mit Büchern wie „Die unendliche Geschichte“, „Momo“ und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ zu den bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Seine Werke wurden in mehr als 30 Millionen Exemplaren verkauft. Die neu gestaltete Prachtausgabe bei Thienemann (416 S., 35 Euro) erschien soeben im Jahr des 90. Geburtstags des 1995 gestorbenen Autors.

Herr Meschenmoser, wann haben Sie zum ersten Mal „Die unendliche Geschichte“ gelesen?

Ich kann es nicht genau sagen, aber es war irgendwann in der Pubertät. Sie war mir etwas unheimlich damals. Der nachhaltigere Eindruck entstand erst beim Studium.

Beim Studium? Das müssen Sie erklären.
Ich habe Kunst studiert und beim Arbeiten oft Lesungen oder Hörspiele gehört. Und da stolpert man automatisch über „Die unendliche Geschichte“.

Hatten Sie da schon die Idee, sie zu illustrieren?
Eigentlich nicht. Zu Tolkiens „Herr der Ringe“ hatte ich einige Skizzen gemacht, nur für mich. Aber mit 22 hatte ich das erste Bilderbuch illustriert, „Fliegen lernen“…

Über einen Pinguin, der ein richtiger Vogel sein will. Das haben Sie ja auch geschrieben!
Na ja, jedenfalls hatte ich dabei gemerkt, dass ich überhaupt für Bücher zeichnen kann.

Und dann ist der Verlag an Sie herangetreten?
Ich glaube, ich habe mich aus Versehen empfohlen. Die Cheflektorin von Thienemann und Esslinger, Katharina Ebinger, war bei mir im Atelier zu Besuch und hatte sich die Illustrationen angeschaut, die ich für „Der Wind in den Weiden“ gemacht habe, für einen anderen Verlag. Das enthält neben Aquarellen auch einige Ölbilder. Und so kamen wir im Gespräch auf „Die unendliche Geschichte“. Ich wusste anfangs gar nicht, worauf ich mich da einlasse. Im Titel steckt es ja schon drin: eine unendliche Aufgabe.

Und dass es um Ölbilder gehen sollte, war sofort klar?
Mit der Ölmalerei lassen sich besonders schön die epischen Bildwelten Endes darstellen.

Wie haben Sie dann diese Bilder gefunden?
Wenn ich etwas lese, habe ich sofort Bilder im Kopf. Und wenn ich vorher andere gesehen habe, beeinflussen die natürlich auch meine Vorstellung. Außerdem habe ich versucht, ganz viel zu sehen, was Michael Ende selbst gesehen hat, um es in dem großen Schmelztopf in meinem Kopf zusammenzubringen. Michael Endes Vater, Edgar Ende, war selbst surrealistischer Maler. Mit seinen Gemälden habe ich mich dann auch beschäftigt.

Das Buch entwickelt sich auch, wenn man sich nur die Bilder anschaut.
Das finde ich wichtig. Das Berliner Kinder- und Jugendliteraturhaus Lesart wird genau damit arbeiten. Es wird ab September meine Bilder ausstellen und die Kinder anregen, sich selbst etwas dazu auszudenken.

Das Buch ist groß und schwer…
…fast zweieinhalb Kilo...

…das trägt man nicht in der Tasche herum, um es unterwegs weiterzulesen. Fürs Bett ist es auch zu unhandlich. Wie wünschen Sie sich, dass damit umgegangen wird?
Also, ich finde schon, dass man es auch im Bett lesen kann. Man muss sich Zeit nehmen für dieses Buch. Ich stelle mir vor, dass es vielleicht neben dem Sofa liegt und sich dann mehrere Menschen in einer Familie gemeinsam mit ihm beschäftigen, die Bilder anschauen und vorlesen. Es ist in Leinen gebunden, auf dem Titel ist der Auryn geprägt – also schon äußerlich etwas Besonderes. Und innen gibt es natürlich die obligatorische rot-grüne Schrift.

Ganze Welten in Öl: Sebastian Meschenmoser bei der Arbeit.

Neben den Ölbildern gibt es Zeichnungen. Da sind die sehr lebendigen Initialen, mit denen die Kapitel beginnen von A bis Z, da sind auch einzelne Figuren, Pflanzen, witzige Szenen. Warum?
Ich kann damit zeigen, dass Michael Ende noch sehr viel mehr anskizziert hat, als er wirklich auserzählt hat. Er deutet Möglichkeiten an, wohin sich die Geschichte noch entwickeln könnte. Das wollte ich mit diesen Bleistiftzeichnungen aufnehmen. Und da Bastian, als er nach Phantásien kommt, Phantásien neu erschafft, passt das auch gut, weil das Gezeichnete so etwas Lockeres, Prozesshaftes hat – außerdem ist es eine Abwechslung zu den opulenten Ölbildern.

Haben Sie auch so gearbeitet, abwechselnd?
Nein, ich habe erst ziemlich konsequent die 50 Bilder durchgemalt, später dann die Zeichnungen gemacht.

Das klingt nach straffer Organisation und nicht nach einem entspannten kreativen Prozess.
Spaß gemacht hat es mir trotzdem. Aber es war nun mal ein vertraglich vereinbartes Projekt, für das ich zu einem bestimmten Zeitpunkt meine Leistung zu erbringen hatte. Da braucht es schon eine gewisse Struktur, wofür ich mir immer eine Art Storyboard erstelle.

Die Kritik an der Verfilmung entzündete sich vor allem an der Darstellung des Drachen Fuchur.
Tatsächlich?

So habe ich das in Erinnerung. War der schwierig für Sie?
Fuchur ist wirklich schwierig, weil er so beliebt ist. Er ist ein Glücksdrache wie das chinesische Fabelwesen, aber er hat auch was von dem mexikanischen Quetzalcoatl. Wenn man böse ist, kann man sagen, der Film-Fuchur sieht aus wie ein langgezogener Dackel. Die Kritik am Film allerdings lautete, dass er den Sinn der „Unendlichen Geschichte“ verdreht hat. Am Ende reitet Bastian auf Fuchur durch die Menschenwelt. Das ganze Buch geht aber darum, dass die phantastischen Wesen nicht zu uns kommen können, um um Hilfe zu bitten. Wir müssen reingehen. Der Film hat dem Buch das Genick gebrochen, das hat Michael Ende so erzürnt.

Haben Sie sich vor etwas gefürchtet?
Die alte Kaiserstadt hat mir Respekt eingeflößt, weil dort solch ein Durcheinander herrschen sollte. Andererseits hatte ich mich auf diese Aufgabe gefreut. Denn ich verbringe ja den Großteil meiner Zeit damit, komplexe Bildwelten zu erfinden. Oder die Wüste der Farben: Ich wusste, es ist eine bunte Wüste mit einem bunten Löwen, aber sie darf nicht kitschig werden.

Sie haben gesagt, Sie wollten sehen, was Michael Ende gesehen hat. Wie haben Sie das angestellt?
Ich bin mit meiner Freundin für eine Woche nach Italien gefahren, nach Genzano di Roma, wo er lange gelebt hatte. Sein enger Freund Roman Hocke lebt noch immer dort und hat mir viel gezeigt und erzählt. Ich habe in der Landschaft, in den Parks, im See gefunden, was Michael Ende inspiriert hat. Außerdem hat Michael Ende selbst ein bisschen gezeichnet.

Gibt es Texte von ihm über die Arbeit an dem Buch?
Zumindest jede Menge Texte von anderen. Ich habe ein Interview gesehen, in dem er Joachim Fuchsberger erklärt, wie er die „Unendliche Geschichte“ geschrieben hat. Sie ist wirklich gewachsen, auf eine Idee folgte die nächste, so wie es auch Bastian passiert. Und sein erster Satz war der erste Satz des VIII. Kapitels: „Hoch durch die Lüfte ritt Atréju dahin.“ Deshalb haben wir dieses Bild auf das Cover genommen.

Ein Junge liest fasziniert ein Buch und verschmilzt nach einer Weile mit der Geschichte. Im Grunde feiert dieser Roman doch die Freiheit der Kunst.
Die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Möglichkeiten. Phantásien enthält viele Welten, viele Daseinsformen. Bestimmt hat Michael Ende „Orlando Furioso – Der rasende Roland“ von Ludovico Ariosto aus dem 16. Jahrhundert gelesen, was auch Tolkien als Inspiration diente. Er hat sich mit Religion beschäftigt, mit Philosophie, mit Märchen…

Sie haben das Buch nun ganz intensiv gelesen. Hatten Sie den Eindruck, dass Michael Ende damit eine Botschaft vermitteln wollte?
Ja. Michael Ende gab immer Randfiguren die Hauptrollen. Bei „Jim Knopf“ war es ein dunkelhäutiger Junge, in den sechziger Jahren! Momo ist der Beschreibung nach ein obdachloses Sinti- oder Romakind. Atrejú ist ein indigener Junge.

Da beantwortet sich die Frage, ob es ein Buch für heute ist.
Alle Bücher von ihm sind visionär. Ob es die Zeitdiebe bei „Momo“ sind oder in „Jim Knopf“ der kleine Junge, der versucht, seine Herkunft zu verstehen. Und „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von 1989 beschäftigt sich mit der Umweltzerstörung und greift die Finanzspekulation an. Man hat ihn in diese Schublade „Kinderbuchautor“ getan, „Märchenonkel“ wurde er gar genannt, aber er schrieb für alle. Und gerade „Die unendliche Geschichte“ hat kein richtiges Alter, durch diese philosophische Tiefe kann sie Erwachsene genauso erreichen.

Hat die Arbeit daran auch etwas mit Ihnen gemacht?
Wissen Sie, ich durfte ganz lange nicht darüber reden. 13 Monate hatte ich diese Bilder gemalt und kaum einer durfte es wissen. Wenn Besuch kam, musste ich die Bilder immer wegdrehen. Jetzt bin ich gerade dabei, wieder aus Phantásien herauszufinden. Gerade bereite ich meine nächste Ausstellung vor. Dabei habe ich gemerkt, dass meine Malerei etwas farbiger geworden ist.

Interview: Cornelia Geißler

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