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Alle Kleidungsstücke, die vorher zurechtgelegt wurden, blieben im Koffer ? bis auf den Blazer.

Buchmesse - Modekolumne #4

Die Illusion vom perfekten Messe-Outfit

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Es geht um Intellekt, nicht um Aussehen und dennoch werden auf der Frankfurter Buchmesse modische Statements gesetzt ? ebenso bewusst wie unbewusst. Die Kolumne beobachtet die Besucher*innen.

Als ich für die Messe gepackt habe, war mir nicht klar, worauf ich mich eingelassen habe. In den Koffer kamen schicke Blusen, solche, die nicht gerade locker sitzen und entweder aufwändig geknöpft oder um die Taille herum geschnürt sind. Dazu spitze Stiefeletten mit Absatz und Leopardenmuster. Wann immer besondere Anlässe bevorstehen, suche ich die Outfits mit viel Liebe fürs Detail aus. Ohrringe, Haarspangen und Lippenstifte dürfen genauso wenig fehlen wie der obligatorische Blazer für die nötige Seriosität.

Am ersten Tag kam ich nach dem Urlaub gejetlagged in Frankfurt an, hatte mir also etwas entsprechend bequemes angezogen. Sneakers, eine schwarze Stoffhose mit Borte und ein Oberteil, das nicht nur aussieht wie ein Pyjama, sondern tatsächlich zu einem gehört. Hat aber keine*r gemerkt, ich habe mich wohlgefühlt. Auf dem Gelände der Messe legte ich endlos weite Wege zurück, eilte von Lesungen zu Diskussionen und zurück zum Pressecenter. Das bisschen Schicki-Micki, das ich mir zu Beginn versprach, blieb außen vor und wie der Teaser der Kolumne bereits verrät, ging es ja hauptsächlich um unseren Intellekt. Auf gar keinen Fall sollen sich Mode und Intelligenz ausschließen, doch hatte ich morgens immer weniger Lust, mir den Kopf über modische Kombinationen zu zerbrechen. Jeden Tag gingen zahlreiche Artikel von mir und meinen Kommiliton*innen online, die Köpfe rauchten ohne Ende.

Ich musste erkennen, dass diese Illusion des besonderen Anlasses, die ich mir gesponnen hatte, modisch gesehen etwas unrealistisch war. Die Blusen blieben im Koffer, ich schnappte mir abwechselnd Stoffhosen und Jeans, dazu T-Shirts und bequeme Schuhe. Einzig der Blazer blieb, damit lag ich glücklicherweise nicht komplett falsch und außerdem war er morgens warm genug, um den Fußweg zur Messe zu bestreiten und um am Einlass zum Pressecenter auch ohne Ticket erkannt zu werden. Meine Outfits waren letztendlich also ein bisschen business, ein bisschen bequem.

Als ich einen anderen Text mit einer Kommilitonin überarbeitete, kam in mir eine Frage auf, die ich mir zuvor noch nie gestellt hatte. Wie nötig haben es Journalist*innen eigentlich noch, sich durch Kleidung möglichst als Elite zu kennzeichnen und abzuheben? Ich spreche nicht davon, dass man jedes modische Gefühl beiseite legen sollte, sondern vielmehr von der Frage, wie viel Prestige eigentlich noch in High Heels oder einem Anzug steckt. Obwohl meine Leidenschaft unangefochten der Mode gilt, ist es mir am Ende des Tages wichtiger, welche Meinung Menschen von meinen Artikeln haben. Im Grunde genommen werden meine Texte an Bildschirmen gelesen und alles, was von mir neben meinen Worten zu sehen ist, ist ein rundes Profilfoto. Das ist im übrigen schon älter, hat also wenig mit der Person zu tun, die ich heute bin und dennoch sehe ich natürlich noch ähnlich aus, auch wenn meine Outfits für die nächste Messe deutlich anders geplant werden.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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