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Am Anfang: ein englischer Tennisplatz.

Julian Barnes

Für ihren feinen gefiederten Freund

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„Die einzige Geschichte“, der 17. Roman des Engländers Julian Barnes, erzählt unsentimental vom Zustand namens Liebe.

Was mag der Grund gewesen sein, dass Paul, 19, sich in seine Tennisdoppelpartnerin Mrs Susan Macleod, 48, verliebte? Lag es an den kleinen grünen Knöpfen an ihrem Tennisdress, die er gern einmal öffnen würde? An ihrem feinen Spott („Aber musst du nicht auf deine Reputation achten?“), ihrer weit größeren Vertrautheit mit dem Leben? Womöglich lag es auch an ihren „Karnickelzähnen“, gegen die er bald jedes Mal zärtlich tippt, wenn sie Sex haben? Oder waren es ihre hübschen Ohrmuscheln? Wie gerne er ihr das Haar hinter diese Ohren streicht. Und nicht zuletzt: Wollte Paul der Ritter sein, der Susan vor ihrem gewalttätigen Ehemann rettet?

Der Engländer Julian Barnes, Jahrgang 1946 und vielfach ausgezeichnet, erzählt in seinem 17. Roman eine Liebesgeschichte, in der der Mann wesentlich jünger ist als die Frau. Aber es scheint ihm nicht um den Altersunterschied zu gehen, wie angenehm. Jedenfalls nicht in erster, nicht in zweiter und auch nicht in dritter Linie. Es ist auch keine „Affäre“. Ein Dutzend Jahre sind Paul und Susan ein Paar, zehn Jahre leben sie zusammen in einer Wohnung. Und erst, als Paul Freunden gegenüber keine Ausreden mehr für Susan einfallen („Sie hat heute einen schlechten Tag“), erst, als er sich eingestehen muss, dass sie Alkoholikerin ist, kommt sie ihm in manchen Momenten alt vor, ist ihm ihre Liebesbeziehung peinlich. Zum Beispiel, als die Polizei anruft, damit er sie, sichtlich betrunken, am Bahnhof abholt. Dann murmelt er etwas von „Patensohn“.

Im Rückblick erzählt der nun etwa 70-jährige Paul seine „einzige Geschichte“; jedenfalls die einzige, die seiner Meinung nach zählt. Denn nach Susan wurde er zu einem Mann, der gern für sich bleibt, der eher unverbindliche Kontakte und Freundschaften pflegt, der weiterwandert, von Stelle zu Stelle, auch ins Ausland – nicht, um im Ausland zu sein, sondern um weg zu sein. Mit 19 kann er sich keine „Liguster- und Kirschlorbeerzukunft“ vorstellen; alles findet er spießig – außer seine Beziehung zu Susan. Mit knapp 30 rutscht er erleichtert und seiner genügsamen Natur folgend in Richtung Routine, Ruhe, Komplikationslosigkeit. In der Kanzlei, in der er als Anwalt arbeitet, geht die Sekretärin in die Babypause, er springt ein und entdeckt, wie sehr ihm das geregelte, eher anspruchslose Zuarbeiten behagt: „Er richtete sich am Leben aus; sie (Susan) richtete das Leben an sich aus.“

Ehe es in „Drei“ um Pauls Leben nach Susan geht – die Erzählperspektive wechselt dann in die dritte Person -, ist „Eins“ eine großartig unsentimental erzählte Liebesgeschichte, und berichtet „Zwei“ vom „Verlust der Unschuld“, von der Erkenntnis, die sich mühsam einstellt. „Und wenn sie dann aus ihrer Benommenheit aufblickt, neben sich auf das Sofa klopft und fragt: ,Wo hast du nur mein Leben lang gesteckt?‘, dann spürst du ein Reißen und Ziehen in deinem Innern und hast keinen größeren Wunsch auf der Welt, als dafür zu sorgen, dass für sie alles ins Lot kommt, und das zu ihren eigenen Bedingungen, nicht zu deinen.“

„Wo hast du nur mein Leben lang gesteckt?“ ist einer von Susans Lieblingsliebessätzen, „mein feiner gefiederter Freund“ ein anderer. Erst spät wird Paul begreifen, dass sie diese Sätze wohl auch schon mit ihrem Ehemann tauschte, den sich der 19-Jährige nur als lächerliche Figur, nicht aber als Betrogenen, gar Gekränkten vorstellen kann. Erst spät wird Paul begreifen, was es bedeutet hat, dass Susan ihm ein halbes Leben voraus ist, eines mit Krieg, eines mit Familie – die zwei Töchter sind erwachsen – und in einem Haus, in dem die Dinge eine lange Geschichte haben. Er holt sie raus, sie kommt mit, sie sind für eine gute Weile glücklich.

Julian Barnes’ Ich-Erzähler ist ein wenig stolz, eine Frau wie Susan erobert zu haben – obwohl von „erobern“ eher keine Rede sein kann. Eher von aufeinander zudriften. In der Folge eher von Akzeptanz. Seine Geliebte hat sich „gestoßen“? Aha, so wird es sein. Ihr Atem riecht nach Alkohol, weil sie Freundin Joan Gesellschaft leisten musste? Klar. Zweimal schlägt ihn „Mister Elefantenbuxe“, der Ehemann; Paul wehrt sich kaum. Fast könnte man meinen, er ist ein Mann ohne Eigenschaften, allemal ohne Auffälligkeiten. Der die Liebesgeschichte mit Susan zu seiner einzigen Geschichte erklärt, weil sie das einzig Außergewöhnliche an ihm ist.

Man könnte auch meinen, es stecke doch viel Drama in diesem Roman. Aber nüchterner und unaufgeregter als Paul kann man kaum erzählen. Wahrhaftiger? Vielleicht, aber „Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich das alles so erzähle, wie ich es in Erinnerung habe?“ In der Tat macht er sich nicht mutig, klug, stattlich. Im Kopf der Leserin ist er ein Durchschnittstyp.

Immer wieder jedoch philosophiert er über die Liebe, sucht in ihr das Besondere, sucht in ihr das Allgemeingültige. Ist Liebe immer eine Katastrophe, „sobald man sich ihr voll und ganz hingibt“? Ist Liebe das Ende einer Migräne, das Schwinden eines Stirnrunzelns? Er denkt nach über „traurigen Sex“, der gewiss schlimmer ist als schlechter Sex. Über die Möglichkeit, dass die erste Liebe das Herz verödet (war es bei ihm so?). Über die Unmöglichkeit, etwas Absurdes über die Liebe zu sagen.

Das mag so sein. Julian Barnes aber ist es alles andere als unmöglich, eine ganz schöne Menge über diesen Zustand namens Liebe zu sagen.

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