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Margaret Atwood, Meisterin der Dystopien.

Margaret Atwood

Vor ihnen liegt die große weite Welt

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Eingesperrte, Freigesetzte, Verantwortliche: Zwei hinterlistige Romane der Kanadierin Margaret Atwood.

Wie viele beunruhigende Zukunftsszenarien sich Margaret Atwood noch ausdenken wird? Atomkrieg und Unfruchtbarkeit, eine große Seuche, das Schmelzen der Polkappen, das Entkommen genmanipulierter Mischwesen – es gibt kaum etwas Weltverheerendes, was die kanadische Schriftstellerin nicht in einer ihrer Dystopien zum Fürchten ingeniös ausprobiert hätte, vom „Report der Magd“ (1985) bis zur „Geschichte von Zeb“ (2013). Stets vermasselt es der Mensch, kann die Geister, die er rief, nicht mehr zurück in die Flasche stopfen. Und sucht dann sein Heil in sektenähnlichen Gemeinschaften, unterwirft sich einem großen Diktator, unterwirft andere. Die Zerstörung alter Ordnungen führt allemal zu einer Herrschaft der Stärkeren und Böseren, zu einem Rette-sich-wer-kann.

Diesmal ist Margaret Atwoods böse neue Welt noch ziemlich nah an unserer dran. „Nur“ ein Wirtschafts- und Finanzcrash hat Nordamerika heimgesucht. Stan und Charmaine haben ihre Jobs und danach ihr Haus verloren und übernachten im „Dritte-Hand-Honda“ – Stan vorn auf dem Fahrersitz, damit sie schnell fliehen können, sollten es „Vandalen“ oder eine der vielen Gangs darauf abgesehen haben, das Auto zu knacken, sie auszurauben und Charmaine zu vergewaltigen. Das Geld fürs Benzin verdient Charmaine, sie kann stundenweise kellnern. Gerade denkt sie daran, auch ihren properen jungen Körper zu verkaufen, da sieht sie Werbung im Fernsehen. Und träumt sofort: von einer Dusche, einem frisch bezogenen Bett, einer funktionierenden Toilette, einem hübschen Häuschen. Mit Garten für Stan, der doch so gern Hecken schneidet.

Stan und Germaine müssen eine Art Auswahlverfahren durchlaufen. Dann unterschreiben sie – „Stan wirft kaum einen Blick auf die Vertragsbedingungen, weil Charmaine so drängt“ – und sind drin im Unternehmen Consilience/Positron. Erst am Ende eines Workshops erfahren sie: „in Consilience würden alle zwei Leben leben – einen Monat als Häftlinge, im nächsten Monat als Wärter oder Beamte“. Denn schließlich „werde man von der sogenannten persönlichen Freiheit nicht satt“. Arbeit wird zugeteilt, ein Haus auch. Im Haus gibt es Spinde, in denen man die persönlichen Dinge aufbewahrt, wenn man im Gefängnis ist. Denn dann wird das Zuhause von den jeweiligen Tauschpartnern genutzt.

Der Spaltpilz, den Margaret Atwood einbringt in die Versuchsanordnung, ist die Neugier und dann auch gleich die sexuelle Leidenschaft. Nie sollen Haus-Tausch-Partner aufeinandertreffen, so lautet die Vorschrift, aber das Verbotene lockt umso mehr. Es kommt zum Betrug, zur Eifersucht, zum Ertapptwerden durch Big Brother – eigentlich Big Sister – und (scheinbar) zur Katastrophe.

Scheinbar? „Das Herz kommt zuletzt“ stellt Fragen nach Schuld und moralischer Verantwortung, spürt der Sehnsucht des Menschen nach geregelten Verhältnissen nach und, um sich diese zu sichern, der Bereitschaft zu Mitläufer-, Mittätertum. Aber diese jüngste Atwoodsche Dystopie steckt auch voll Ironie und schwarzem Humor. Es gibt hundslangweilige Strickkreise zur Teddybärenherstellung, eine Fabrik für (fast) gefühlsechte Sexspielzeuge (wenn der Nutzer allzu grob wird, kann es sein, dass er steckenbleibt), es gibt Marilyn-Darstellerinnen und Elvis-Darsteller in rauen Mengen und, nach dem Vorbild der realen Blue Men Group, allerhand farbenfrohe Artistengruppen.

Und wie im „Report der Magd“ gibt es einen im Untergrund arbeitenden Widerstand, der nicht nur Fehlfunktionen gefühlsechter Sexroboter zu nutzen versteht. Dieser Roman ist fast ein Thriller; aber seine Autorin treibt auch geistreichen Schabernack mit ihren Figuren, fordert sie heraus.

Denn am Ende bekommt Charmaine ein großes Geschenk – sie weiß nicht recht, ob sie darüber froh sein soll: die Willens- und Wahlfreiheit. „Vor Ihnen liegt die große weite Welt“, sagt man ihr, „wo Sie sich den Ruheplatz selbst wählen können.“

Unmittelbar nach „Das Herz kommt zuletzt“ könnte sich die ungeheuer produktive Margaret Atwood an „Hexensaat“ (Original: „Hag-Seed“, 2016) gesetzt haben, eine Romanvariation auf Shakespeares „Sturm“ – auf Deutsch sind beide Romane in diesen Tagen erschienen. Oben zitierter Satz würde auch ans Ende von „Hexensaat“ passen. Denn hier sorgt Atwoods Prospero, der Theaterregisseur Felix Philipps, nach einsiedlerhaften zwölf Jahren dafür, dass ihn seine Hütte auf dem Land nicht mehr fesselt. Er packt seine spärlichen Siebensachen, geht erst einmal auf Kreuzfahrt, wird später entscheiden, wie und wo es für ihn weitergeht. Eine Befreiung, auch hier.

In der Reihe des britischen Hogarth-Verlags, in der namhafte Schriftsteller Shakespeare-Stücke modern und in Romanform fassen, hat sich die Kanadierin für den „Sturm“ mit seinen auch nicht-menschlichen, vogelwilden wie feenhaften Figuren entschieden. Das passt: Margaret Atwood ist ein Luftgeist unter den zeitgenössischen Autoren. Ihr Esprit hat prickelnde Schärfe, ihr Witz kann beißen. Wenn sie ein Unwetter braucht, zaubert sie es auf die Seiten. Sie baut sich (und dem Leser) Welt um Welt in allen Schattierungen. Und weicht lässig von der Realität ab – manchmal wohl nicht nur, wenn es der Roman erfordert, sondern auch, wenn sie ihren Spaß daran hat.

Ein naheliegender, in Inszenierungen des „Sturm“ auch bereits verwendeter Einfall ist es, Shakespeares Ex-Herzog, nun Zauberer Prospero zum Theaterregisseur zu machen. Atwood lässt ihn den eigenwilligen, dem Regietheater anhängenden Chef eines kanadischen Theaterfestivals sein (Motto: „Wo Buhrufe sind, da ist Leben!“); die Geld- und Verwaltungsdinge überlässt er komplett seiner rechten Hand Tony (Antonio bei Shakespeare). Bis dieser ihn stürzt, das heißt hier, als künstlerischer Leiter absetzen lässt. Da ist Felix’ kleine Tochter Miranda bereits an Meningitis gestorben und kann er seine ganz groß gedachte „Sturm“-Inszenierung nicht mehr zur Premiere bringen. Er verschwindet von der Bildfläche.

Und taucht unter dem Pseudonym Mr Duke wieder auf als Leiter eines Theaterkurses im Knast (nicht „Positron“, sondern „Fletcher-Justizvollzugsanstalt“). Die Teilnehmer dürfen sich Künstlernamen geben, Felix probt also bald mit 8Handz, Bent Pencil, Colonel Deth, PPod, SnakeEye, Leggs. Letzteren macht Atwood zu einem hinkenden, rappenden Caliban, Brigitte Heinrich hat auch die Reime pfiffig übersetzt: „Ihr nennt mich Abschaum, nennt mich Dreck / Für euch hab ich nur diesen Zweck / Aber ihr, ihr feinen Pinkel, ihr frisiert die Bilanzen / Klaut Steuergelder, füllt euch den Ranzen“. „Dämonen!“, kreischt da Tony – inzwischen Minister –, der in die Gefängnisaufführung gelockt und mit Drogen abgefüllt wurde. Rache ist süß für Felix. Und nach der Rache kann er auch den Geist seiner Tochter loslassen.

Felix’ Trauer – oft glaubt er, Miranda in seiner Hütte zu sehen, am Tisch, im Zimmereck, vor dem Schachbrett – ist ein Gegengewicht zu den vor allem dialogisch zupackenden Gefängnis-Theaterproben-Szenen. Atwood reiht dabei fantasievolle, anspielungsreiche, satirische Details, macht sich mehr als nur ein bisschen lustig über den Theater- und Literaturkurs-Betrieb. Marilyns und Elvisse haben in „Das Herz kommt zuletzt“ tröstende Illusionen verkauft, nun wecken schwere Jungs unter Felix’ Regie Rache- und andere Geister auf. Am Ende – Mr Duke muss schließlich Noten vergeben – sollen sich seine Schauspieler eine Zukunft für ihre Figuren ausdenken. Leggs/Caliban wird eine Band gründen, die „Hexensaat und die Dinge der Finsternis“ heißen wird. Dinge der Finsternis sind allemal die Spezialität seiner Schöpferin, hier hext sie aber auch Helleres herbei.

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