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„Ich bin kein Geheimnis-Vergrößerungs-Poet“, sagt Alexandru Bulucz.

Lyriker Alexandru Bulucz

„Heimat ist ein kontroverser Begriff“

Der Frankfurter Lyriker Alexandru Bulucz spricht in der FR über überflüssige Rätsel und den Wunsch, Leser nicht trauriger zu machen als notwendig.

Alexandru Bulucz, Ihr Debüt „Aus sein auf uns“ ist 2016 erschienen. Hatten Sie schon vorher etwas veröffentlicht?
Ja, in Zeitschriften wie dem „Literaturboten“. Werner Söllner hat mich da reingebracht. Der war dann auch 2013 mein erster Lektor.

Werner Söllner hat Ihren Text für den „Literaturboten“ lektoriert?
Das war meine erste Publikation in einer bekannteren Zeitschrift. Er war der erste, der sich meine Texte angeschaut hat.

Das ist interessant, weil Sie und Werner Söllner ja eine Vergangenheit in Rumänien verbindet. Er soll für die rumänische Geheimpolizei als Spitzel gearbeitet und Freunde verraten haben.
Er ist 1982 zu einer Veranstaltung nach Deutschland eingeladen worden und dann auch im Land geblieben. Er gehört ja zur sogenannten Minderheit der Rumäniendeutschen. Er war in der Tat in den 1970ern als Student in Securitate-Machenschaften verwickelt. Aber soweit ich das weiß, wurden er und seine Familie bedroht, es ist also keineswegs ein klarer Fall. 2009 hatte er es selbst an die Öffentlichkeit getragen und ist anschließend von der Spitze des Hessischen Literaturforums zurückgetreten, dessen Team er jedoch weiterhin erhalten geblieben ist. Die Poetik, die ich meine bei Werner Söllner ausgemacht zu haben, kommt meiner sehr nahe. Für mich gehört er zu den raffiniertesten Dichtern im deutschsprachigen Raum.

Was Sie beide weiterhin verbindet, ist eine gewisse Zugänglichkeit der Texte. Ihre Texte verrätseln ihre Bedeutung nicht vor dem Leser. In einer gewissen Hinsicht sind sie aber auch konventionell, unexperimentell. Hatten Sie mal eine experimentelle Phase?
Ich hatte quasi eine „Plagiatsphase“. Ich komme aus der Ecke von Paul Celan.

Der ebenfalls in Rumänien geboren wurde.
Ich war sehr von seinen Gedichten beeinflusst. Aber ich nehme davon zunehmend Abstand. Ich möchte nicht unverständlich sein, denn ich hege nicht die Befürchtung, völlig enträtselbar zu sein. Das sage ich auch im Vorwort zu meinem neuen Manuskript. Ich zitiere dort Oswald Egger, mit dem ich große Probleme habe. Zum Beispiel wird immer wieder ein Satz von Francis Bacon im Zusammenhang mit seiner Poetik zitiert. Sinngemäß: „Der Künstler muss das Geheimnis vergrößern.“ Welches Geheimnis? Was ist das für eine Gegenaufklärung? Was ist das für ein Obskurantismus? Ich bin kein Geheimnis-Vergrößerungs-Poet. Ich meine, es kann ja durchaus die Notwendigkeit geben, dunkel zu schreiben, siehe Paul Celan, aber das ist für mich eher eine Ausnahme. Was er in seinen Gedichten verhandelt, hat keine Präzedenz. Es ist die Shoah. Aber ich sehe das bei Oswald Egger nicht. Ich meine, er ist in den Sechzigern geboren. Welche schlimme Erfahrung hat er gemacht?

Sie sind im Jahr 2000 mit 13 nach Deutschland gezogen. Wie hat Sie das Erlernen einer neuen Sprache dichterisch beeinflusst?
Das Erlernen ist ja noch nicht abgeschlossen. Mir fehlen zum Beispiel Redewendungen. Die 13 Jahre in Rumänien sind mir so wichtig, weil ich sie vergesse. Sie entgleiten mir und werden mythisch. Es waren turbulente und schöne Jahre. In meinem Debüt zitiere ich auch Auguste Deter, die erste Alzheimerpatientin. Sie hat in ihrer Demenz den Satz gesagt „Ich habe mich sozusagen verloren“. Diese 13 Jahre in Rumänien habe ich verloren. Es gab 2000 einen Bruch und vielleicht versuche ich, indem ich dichte, eine Brücke zu schlagen zwischen diesen Gedächtnisgeografien.

Welche Bedeutung hat für Sie der Begriff der Heimat?
Heimat ist ja ein kontroverser Begriff. Ich würde ihn nicht unbedingt in den Mund nehmen. Ich kann aber sagen, dass ich in der besten aller möglichen Welten lebe. Die Verhältnisse in Rumänien sind bei weitem nicht so gut wie die in Deutschland für mich.

Es gibt in Rumänien bestimmt nicht so eine gute Infrastruktur zur Förderung zeitgenössischer Autoren wie in Deutschland. Glauben Sie, Lyrik ist in Deutschland ohne Beatmungsmaschine überlebensfähig?
Ganz bestimmt würde Lyrik auch ohne diese Infrastruktur überleben, aber nicht in diesem Maße. Diejenigen, die gerade von Stipendien und Preisen leben, würden sich von der Lyrik verabschieden. Von irgendwo muss ja der Lebensunterhalt kommen.

Reden wir noch einmal über Ihr Vorwort zu Ihrem Manuskript „Stundenholz“, das 2020 erscheinen soll. Das Vorwort ist selbst eine Poetologie. Sie zitieren Eugene Ionesco, der gesagt haben soll „Wer nicht weiß, dass er stirbt, ist in gewisser Weise verkrüppelt. Wer weiß, dass er stirbt, ist unglücklich.“ Anschließend schreiben Sie davon, eine Dichtung „vom Ende her zu schreiben“, also eine Dichtung zu verfassen, die stets die Perspektive des Todes im Blick hat. Ist es dann nicht eine sehr unglückliche Angelegenheit, Ihre Gedichte zu lesen?
Ich will ja nicht, dass meine Leser traurig werden. Ich will aber, dass der Mensch sich bewusst wird, dass der Tod immer in Sichtweite ist. Im Kontext dieses Zitats geht es um einen Freund von Ionesco, der eigentlich todkrank ist und weiß, in zwei Monaten stirbt er. Trotzdem macht er Pläne für die nächsten drei Jahre. Das meint Ionesco damit, dass man, wenn man kein Todesbewusstsein hat, geistig verkrüppelt ist. Den Tod und den Sterbeprozess empfinde ich als etwas Unzumutbares. Die Medizin zeigt, was möglich ist, damit wir am Leben erhalten werden, und trotzdem gibt es ein biologisches Alter, das nicht überschritten werden kann. Warum soll ein Familienangehöriger sterben müssen? Natürlich ist das Todesbewusstsein ein trauriges Bewusstsein. Was soll es sonst sein? Ich will nicht sterben.

Aber ich denke mir zum Beispiel manchmal, dass ich mir im Alltag besser nicht so viele Gedanken um den Tod mache, damit ich leben kann. Ist es nicht gut, so zu leben?
Doch, aber das ist eine Eigenschaft, die man haben muss. Ignoranz ist eine Errungenschaft. Aber als Schriftsteller kommt man nicht drumrum, darüber nachzudenken. Dazu kommt, dass ich ein großer Hypochonder bin, jede kleine Veränderung an meinem Körper nehme ich wahr. Diese Prozesse des Körpers, über die der Geist keine Kontrolle hat, erschrecken mich. So entstehen Gedichte.

Das klingt alles so, als würden Sie mit dem Dichten bestimmte Unzulänglichkeiten Ihres Körpers kompensieren wollen. Ihre schwindende Erinnerung an Ihre Heimat und Ihre Sterblichkeit. Gibt es noch andere Hoffnungen, die Sie an die Lyrik haben?
Krankheit garantiert keine gute Literatur. Aber man kann fast immer davon ausgehen, dass gute Literatur einen pathologischen Hintergrund als Grundlage hat.

Vielleicht hat Ihre Hypochondrie auch etwas mit Ihrem Drang zur guten Dichtung zu tun. Auch in Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“, das Sie in Ihrem Vorwort erwähnen, spielt Krankheit eine wichtige Rolle. Raskolnikow fällt immer wieder in fiebrige Delirien. Für Sie symbolisieren die ewig langen Straßen Russlands, Prospekte genannt, Ihre Poetologie „vom Ende her zu dichten“. Wie meinen Sie das?
Das sind schnurgerade Straßen und ich stehe ganz am Anfang dieser Straße etwas am Rand. Der Anfang ist auch immer das Ende. Eine ganz simple Dialektik. Das Leben stellt einem den Tod in Aussicht.

Schauen wir mal in Ihr neues Manuskript „Stundenholz“ hinein. Es fällt sofort auf, dass die Gedichte, wie Sie vorhin schon gesagt haben, im Gegensatz zu Ihrem Debüt viel voluminöser sind. Was war der Grund für diese Entwicklung?
Ich traue dem einzelnen Wort nicht mehr. Wenn du sehr knapp verfährst, übersemantisierst du die Wörter. Ich möchte einen größeren Kontext schaffen, aus dem heraus man das Einzelne besser versteht. Ich arbeite viel stärker mit Spannung und Entspannung. Bei knappen Gedichten ist die Spannung groß. Das versucht auch Oswald Egger zu tun. In seinen Gedichten wird oft die ganze Zeit nur Spannung suggeriert. Ich bin der Überzeugung, dass man in der Literatur auch Entspannung braucht.

So viel Tod steckt aber nicht in allen Gedichten. Oft geht es um Religiöses und Kulinarisches. Letzteres spielte in Ihrem Debüt schon eine große Rolle. Woher kommt das?
Diese Passagen, in denen Essen vorkommt, stehen für genau das, was ich am Anfang des Gesprächs gesagt habe: Was ist verdaulich, was nicht? Kindheiten in Rumänien können unter Umständen unverdaulich sein. Das Unverdauliche ist das, was nicht deutbar ist. Da möchte ich mich mit meinen Gedichten hindurchbohren. Verdauung als Verstehensprozess.

Warum heißt Ihr neuer Gedichtband „Stundenholz“?
Das Stundenholz ist ein Glockenersatz. Toaca ist der rumänische Begriff dafür. Es ist ein Stück Holz, auf das ein orthodoxer Mönch schlägt, um zum Gebet zu rufen. Dieses Bild des Stundenholzes habe ich in einer kulinarischen Sequenz entdeckt: Auberginen-Salat rumänischer Art entsteht, indem eine Aubergine erst gebraten, dann gehäutet und schließlich mit einem Holzäxtchen kleingehackt wird. Schon als Kind habe ich das gemacht. Beim Hacken entstehen die gleichen Geräusche, wie wenn der Mönch die Toaca schlägt. Wo kehren die religiösen Praktiken im Alltag wieder?

Was macht in Ihrem Titel-Gedicht „Stundenholz“ das Dichten vom Ende her aus?
Diese Poetologie ist eine kondensierte Form. Ich versuche dort lediglich, ein Ideal zu formulieren, wie ich am liebsten immer dichten würde. Nicht jedes Gedicht schreibt vom Ende her, aber unterschwellig ist es immer eine Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit. In Bezug auf das Gedicht „Stundenholz“ sind es verstorbene Menschen, die ich herbeizitiere: Rose Ausländer und Gertrude Stein. Dort geht es um die Identität. A rose is a rose is a rose is a rose. Das letzte Wort „rose“ bedeutet schon nicht mehr, was das erste bedeutet.

Interview: Joshua Schößler

Zur Person

Alexandru Bulucz wurde 1987 im rumänischen Alba Iulia (dt. Karlsburg) geboren. Mit 13 Jahren emigrierte er 2000 nach Deutschland. 2008 nahm er das Studium der Germanistik und Komparatistik an der Goethe-Universität auf. Er ist auch als Übersetzer aus dem Französischen und Rumänischen tätig.

Sein Debüt „Aus sein auf uns“ ist 2016 im Allitera Verlag in der Lyrik Edition 2000 veröffentlicht worden, herausgegeben von Florian Voß.

Der „Fokus Lyrik Festivalkongress“ findet vom 7. bis zum 10. März in Frankfurt statt. Alexandru Bulucz wird am Freitag, 8. März, 21 Uhr, bei „Nachtblende Lyrik – Frankfurter Abend“ (frankfurtersalon, Braubachstraße 32) seine Texte vorstellen. Am Samstag, 9. März, 17 Uhr, moderiert er das Podium „Lyrik zwischen Pluralismus und Kanonisierung“ (Evang. Akademie, Römerberg 9). www.fokuslyrik.de


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