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Die Idylle ist keine Dauerlösung

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„Das fabelhafte Jahr der Anarchie“, ein eskapistischer Wende-Roman von André Kubiczek über einen Zeit-Verplemperer.

Von Ulrich Seidler

Die Dabeigewesenen kennen das Gefühl, etwas verpasst zu haben, am besten. Für Andreas, den Ich-Erzähler aus André Kubiczeks neuem Roman „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ trifft das besonders zu. Er hat es geschafft, die Wende, speziell jene 1990er Monate zwischen der ersten freien Volkskammerwahl und der Währungsunion so gut wie spurlos an sich vorbeigehen zu lassen. Dabei ist er eigentlich ein engagierter Anfangzwanziger. In Potsdam hat er Wahlkampf für eine Anarchopartei gemacht, die es allerdings lediglich auf ein einziges deprimierendes Prozent brachte.

Eine Frau ist schuld: Ulrike mit den blonden Zöpfen lockt aufs Land, auf den geerbten großelterlichen Hof zwischen den Abraumhalden der Niederlausitz. Geld ist irgendwie da. Ahnungslos landwirtschaften die beiden drauflos, säen Blumen, füttern Hühner, essen Dosenfleisch mit Zwiebeln, rauchen und trinken ganz schön viel. Sie richten sich ein und genießen das Leben wie endlose Ferien.

Sie hören kein Radio

Sie hören noch nicht einmal Radio in ihrem häuslichen Glück, sondern immer nur eine Kassette mit Musik von T.Rex: „But you won’t fool the children of the revolution“. Es erinnert an die eskapistische Stadtflucht unserer Tage, in denen sich die Gesellschaft allerdings zu Ende entwickelt zu haben scheint und nicht mehr viel zu machen ist. Die private Idylle ersetzt die Utopie. „Ulrike, jetzt hauen wir ab! Macht’s gut, ihr Trottel!“ sind des Erzählers Gedanken, mit denen er sich aus der Geschichte stiehlt. Eine Abmeldung zum Romanauftakt? Eher eine sich öffnende Hintertür.

Denn obwohl die beiden Hübschen nicht viel vom Funkverkehr mitbekommen, stellt sich doch beim Leser, zumindest beim lesenden Zeit- und Altersgenossen ein Gefühl für die kurze süße Zeit der Angstlosigkeit und der aufploppenden unendlichen Möglichkeiten ein – verbunden mit dem eingangs erwähnten bitteren Gefühl des immerhin nicht ganz so gründlichen Verpassthabens.

Zwei Personen sorgen dafür, dass das Paar Kontakt zur Außenwelt hält: Ulrikes Bruder Arnd, ein ganz großer Weltlage-Checker, der den Kapitalismus bekämpft, indem er klaut. Und ein geflohener Rotarmist, der, auch wenn er sich schon vorher als Eierdieb und Hühnermörder bemerkbar macht, erst nach der Mitte des Romans auftritt und nun doch so etwas wie Bewegung ins Geschehen bringt.

Er sucht das Weite

Er heißt Hermann Schmidt, ist der Sohn eines wolgadeutschen Kernphysikers, der das Atomkraftwerk in Greifswald mitgebaut hat. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft muss Hermann bei den sowjetischen Streitkräften bei Neustrelitz seinen Wehrdienst ableisten. Schlimm genug für einen, der eine Kerstin aus Ilmenau liebt. Doch dann pfuscht ihm auch noch die sich entspannende Weltgeschichte in den Kram: Sein Regiment sollte nach Kasachstan abgezogen werden. Naheliegend, dass er das Weite sucht.

Unsere beiden Wohlfühl-Wirklichkeitsdeserteure treffen also auf einen wirklichen Deserteur, der keine Möglichkeit hat, in seine alte Welt zurückzukehren. Aber auch wenn die beiden sich um Hermann kümmern, so richtig mischt er den Alltag der Neudörfler auch nicht auf: einkaufen, Hühner füttern, gärtnern, rauchen, trinken, lesen, ab und zu in den Dorfkrug. Die Langeweile kehrt behutsam, aber erbarmungslos ein. Die Situation spitzt sich ganz langsam zu, so dass die Figuren die Ausweglosigkeit, in die sie sich hineinmanövrieren, lange nicht wahrhaben wollen und noch länger zögern, etwas dagegen zu tun. Was Ulrike schließlich einfällt, ist ausgerechnet: eine Urlaubsreise. Gnädigerweise muss der Leser diese dann nicht mehr mitmachen.

Der Einzug der Langeweile

Man muss das spätestens jetzt mal sagen: Es ist nicht langweilig, von diesem Einzug der Langeweile zu lesen. Und nein, es ist auch keine verplemperte Zeit, die man mit diesen Zeitverplemperern zubringt. Auch wenn die Geschichte, was in der Natur der Sache liegt, sehr auf der Stelle tritt und man spätestens beim dritten Bierdosenknacken am Lagerfeuer doch ziemlich hibbelig wird. Und auch wenn André Kubiczeks auffallend unanarchisches, bedächtiges und etwas ältliches Formulierungshandwerk schon mal ein bisschen vom Leseschwung absorbiert.

Es bleibt der Seele und der Moral doch etwas zum Knabbern an diesem Buch. Es erwischt einen mit dieser Zuspitzung aufs Private, Konkret-Mikrokosmische im Hier und Jetzt, das auch gleich wieder vorbei ist – kaum dass man Luft geholt oder den Garten geharkt, geschweige denn einen Lebenstraum gegen die Wand gefahren hätte.

André Kubiczek: Das fabelhafte Jahr der Anarchie. Rowohlt, Berlin 2014, 272 Seiten, 19,95 Euro.

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