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Auch jenseits des Elfenbeinturms zu erleben: Handke zu lesen, ist ein Stück Geschichte.

Peter Handke

Idee ? Bild ? Klang

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Überlegungen zu einer erneuten Lektüre der Werke Peter Handkes angesichts seiner Gesamtausgabe.

Vierzehn schöne Leinenbände, verteilt auf drei Schuber: 12,5 Kilogramm. So liegt jetzt – fast – das Gesamtwerk Peter Handkes, geboren 1942 in Griffen in Kärnten, vor dem Betrachter. Er ist einer der Autoren meiner Generation. Als ich 1966 sein Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ im Frankfurter Theater am Turm sah, war ich völlig hingerissen. So etwas hatte ich niemals zuvor gesehen. Ich hatte nicht einmal an die Möglichkeit gedacht, dass ein solches Stück möglich wäre. Keine Handlung, keine Personen, kein Drama. Ein Befreiungsschlag. 

Teile des Textes hatten etwas Kabarettistisches, sie karikierten Sprachmuster, die wir vor Wochen noch in der Schule gelernt hatten. Wir waren ihrer überdrüssig gewesen. Mit Handke waren wir ihnen jetzt auch über. Man konnte der Realität Herr werden. Man musste sie nur abbilden. Das machte Handke nicht realistisch, sondern sprachreal. Die Sprache der „Publikumsbeschimpfung“ diente nicht der Darstellung einer Realität oder gar der Verständigung über sie. 75 Minuten lang steht die Sprache selbst auf der Bühne. 

Ich erinnere mich an den Anfang. Die vier Schauspieler sprechen, aber nichts ist zu verstehen. Mal, weil es so leise ist, mal ist es unverständlich. Nicht wie eine unverständliche Sprache, sondern wie das Stimmen von Instrumenten, wie der Beginn eines Sitar-Konzertes oder einer Jam-Session, bei denen das Urgemurmel mitgespielt wird, aus dem die Musik, oder in diesem Falle die Sprache, immer wieder neu hervorgeht. Ich sehe jetzt nach und lese Handkes Vorbemerkung. In der heißt es: „Nach einer gewissen klanglichen Einheitlichkeit ist zu streben. Außer dem Klangbild soll sich aber kein anderes Bild ergeben.“ Das war es, das mich damals für immer so beeindruckt hatte.

„Bild“ spielt eine große Rolle in meiner Handke-Rezeption. Die so groß leider nicht ist. In „Konkret“ hatte ich, schon bevor ich die „Publikumsbeschimpfung“ sah, Handkes Rede auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton gelesen. Er sprach damals von der „Beschreibungsimpotenz“ der in der Gruppe versammelten Autoren. Ihr „Neuer Realismus“ denke „über die Gegenstände nach, die man ‚Wirklichkeit‘ nennt, aber nicht über die Worte, die doch eigentlich die Wirklichkeit der Literatur sind.“ Das hatte mir gefallen. Die „Publikumsbeschimpfung“ war dann so etwas wie die Praxis zu der in Princeton vorgetragenen Theorie.

Ich fand damals den Vorwurf der „Beschreibungsimpotenz“ allerdings einigermaßen komisch, weil für mich die revolutionäre Tat Handkes darin bestand, ein Theater, eine Literatur zu machen, die auf Beschreibung, aufs Bild also, radikal verzichtet. Ich habe die Rede gerade noch einmal gelesen und habe den Eindruck, dass ich ihn damals missverstanden habe. Ich überlas einfach, dass er ausdrücklich erklärte, er sei für Beschreibung. Die Rede in Princeton und die Publikumsbeschimpfung schossen für mich zusammen in der großartigen Vision – auch ein Bild – einer Literatur, die kein Abbild der Welt da draußen mehr liefern muss, um wahr zu sein. 

Mehr als 11.000 Seiten. Ich schaffe etwa 30 Seiten in der Stunde. Also brauche ich mindestens 366 Stunden. Wenn ich jeden Tag zehn Stunden lang nichts als Handke läse, wäre ich mehr als 36 Tage beschäftigt. Selbst für jemanden, der nichts als Rentner ist, wäre das ein gewaltiger Einsatz. Der Verleger Siegfried Unseld schrieb seinem Autor Peter Handke über „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“: „Nochmals, Peter, dir ist ein großes Buch gelungen. 33 Abende Leseglück.“ 

Das werde ich nicht schaffen, aber ich werde ein paar Bücher wieder lesen und einige zum ersten Mal lesen. Man darf auch nicht vergessen: Wir leben mit und in dem Internet. Dort gibt es zum Beispiel die großartigen Interviews, die André Müller mit Handke geführt hat und es gibt auf Youtube den einen oder den anderen Film. Auch eine Aufzeichnung der „Publikumsbeschimpfung“ von 1966. Das alles zieht weiter hin zu Handke, aber auch immer wieder weg von seinen Büchern. 

Nicht aufgenommen wurden in die Peter-Handke-Bibliothek seine mehr als dreißig Übersetzungen. Handke hat sich immer für andere Autoren eingesetzt. Ohne ihn hätte ich zum Beispiel nie etwas von dem Kärntner Slowenen Gustav Janus gehört, geschweige denn seine Gedichte – zum Beispiel „Die Bilder des Tages“ – lieben gelernt. Handkes Welt ist niemals nur Handkes Welt.

Zurück zu Handke. Seine Bücher zu lesen, wieder zu lesen, ist – mehr als man bei einem erklärten Bewohner des Elfenbeinturmes annehmen sollte – auch ein Stück Geschichte. Seiner und die von uns allen. Da ist sein mir unverständliches Engagement für den serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milo?evic. Im zweiten Band der Aufsätze werde ich „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ nach mehr als zwanzig Jahren wieder lesen. Darin geht es auch um Bilder und Gegenbilder, die wir uns von der Lage machen. Wie blicken wir auf die Ermordeten? Welche nehmen wir wahr? Welche nicht? 

Ich habe ein wenig Angst davor, den Text zu lesen. Zu sehr habe ich mich versöhnt mit Handke, als dass ich riskieren möchte, noch einmal zurückzuschrecken. Aber ums Zurückschrecken geht es ja bei einer Gesamtausgabe. Man wird den ganzen Handke sehen oder doch den, der sich gezeigt hat in seinen Veröffentlichungen. Man wird bei der Lektüre auf Zusammenhänge und Widersprüche stoßen. Man wird die Stellen entdecken, an denen seine Wahrnehmung hypergenau, seine Empfindlichkeit mimosenhaft ist, wie auch seine blinden und tauben Flecken. Ein Kritiker schrieb 1997 über Handke: „Es ist, als sei ein Sensorium, welches das Sausen in Kiefernnadeln wahrnimmt, zu fein geworden für das grobe Leid der Welt.“

Das Wiederlesen ist nötig. „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“, das ist der Titel eines großen Romans von Peter Handke. Ich liebe diesen Titel. Ich mochte das Buch, aber in meiner Erinnerung hatte ich es mir völlig anders zurechtgelegt. Darin waren die titelgebenden Verse des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz (1542 — 1591) „En una noche oscura, con ansias, en amores inflamada, ¡oh dichosa ventura!, salí sin ser notada estando ya mi casa sosegada“ zu den ersten Sätzen seines Romans geworden. Also etwa so: In einer dunklen Nacht, voller Angst und Liebesqualen – o Glück, das ich erlebte! – ging ich unbemerkt aus meinem stillen Haus“. Ich war fasziniert davon, das Gedicht eines Gottessuchers aus dem 16. Jahrhundert an den Anfang eines Romans des 20. Jahrhunderts zu setzen, als wäre es ein Text mitten aus unserer Gegenwart. Ich liebte Handke für diesen Übergriff und pries ihn dafür. Alles Quatsch. Meine Fantasie war mit mir durchgegangen. Der Roman, das stelle ich jetzt fest, beginnt mit den Worten: „Zur Zeit, da diese Geschichte spielt, war Taxham fast vergessen. Die meisten Bewohner der nahen Stadt Salzburg hätten nicht sagen können, wo der Ort lag.“

Ich hatte Handke lieben gelernt für seine Beschreibungen – da sind wieder die Bilder – von Nicht-Orten, von Stadtrandsiedlungen, deren Hässlichkeit er zeigte, und doch gelang es ihm zu erreichen, dass ich eine gewisse Zärtlichkeit für sie und ihre Verlassen- ja Ausgestoßenheit entwickelte. Dass das Transzendente, das Heilige, das Göttliche, die Wandlung, die Erleuchtung sich gerade dort zeigte, sofern es sich überhaupt zeigte und nicht in Pracht und Schönheit, das nahm mich für Handke ein. Er lehrte mich, auf diese Landstriche zu achten, er öffnete mir die Augen für sie. Der erwähnte Kritiker schrieb damals über den Roman: Handke „setzt, benennt, behauptet, doch er beschreibt wenig. Dieser Überhang des Bedeutungswillens über das Angeschaute...“. 

Das erinnert sehr an das, was Handke selbst dreißig Jahre zuvor in Princeton erklärt hatte: „Ich habe nichts gegen die Beschreibung, ich sehe vielmehr die Beschreibung als notwendiges Mittel an, um zur Reflexion zu gelangen.“ Der Kritiker hat recht. Nur Handke geht es immer wieder genau um diesen „Überhang des Bedeutungswillen über das Angeschaute.“ Immer wieder freilich geht es ihm auch darum, die Anschauung ernster zu nehmen als das Gedachte. Diese Tausenden von Seiten sind eine Chance, uns darüber klar zu werden, wann was den Vorrang hat. Das dient nicht der Handke-Philologie, sondern die könnte uns helfen, uns klarer zu werden über die wechselvollen Karrieren von Idee, Bild und Klang in den vergangenen Jahrzehnten unserer Geschichte. 

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