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Sebastian Vollmer in Aktion gegen die Los Angeles Rams, in der aktuellen Saison einer der Topfavoriten auf den Sieg im Super Bowl.

Sebastian Vollmer

"Ich wollte da nicht zwei Stunden rumblödeln"

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Ex-NFL-Profi Sebastian Vollmer über sein neues Buch "German Champion" und warum er den Super-Bowl-Sieg von 2014 nicht wirklich genießen konnte.

Sebastian Vollmer, 34, gewann 2014 und 2016 als zweiter Deutscher den Super Bowl mit den New England Patriots in der National Football League (NFL). 2016 beendete der Beschützer von Star-Quarterback Tom Brady seine Karriere. Seine Geschichte vom Weg in die NFL hat der gebürtige Düsseldorfer als Buch verfasst. Im Oktober kommt der 2,03-Meter-Schrank nach Düsseldorf (22.) um 17 Uhr ins Café Europa (Marktplatz 6a, um sein Werk vorzustellen und in Frankfurt (23.) in den Hugendubel im My Zeil zu einer Signierstunde (17 Uhr).

Herr Vollmer nach all den Jahren Football mit einem strikt getakteten Tagesplan, haben Sie jetzt auch noch feste Rituale?
Ich stehe morgens gegen 5 Uhr auf und gehe direkt trainieren. Das mache ich fünf- bis sechsmal die Woche. Es hilft mir körperlich fit zu bleiben und Gewicht zu verlieren. Ich bin von 150 Kilogramm jetzt auf 115 bis 120 Kilo runtergekommen. Das ist das Hauptritual, das ich mir aus meiner Profizeit beibehalten habe. Beim Football war das alles sehr strikt. Da wird einem gesagt, um 8.02 Uhr mach das und das, um 9:47 das und das. Da war alles auf die Minute geplant, der ganze Tag, die ganze Saison, wo man wenig, wenn überhaupt Mitspracherecht hat. Das sieht jetzt natürlich anders aus.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Buch zu schreiben, und was war Ihnen dabei das Wichtigste?
Für mich ging es vor allem um meine Kinder. Meine Tochter wurde in meinem letzten Trainingslager im Juli 2016 geboren, mein Sohn vor sieben Monaten. Die haben meine aktive Zeit gar nicht mitbekommen. Ich wollte für sie die Geschichte aufschreiben, was vor ihrer Zeit passiert ist. Und ich wollte den Fans und denjenigen, die es interessiert, zeigen, wie es wirklich aussieht, weil man sonst nur die drei Stunden am Sonntag sieht. Es ist schließlich eine Geschichte, die noch kein deutscher Spieler so erlebt hat.

Sie schildern Ihre Anfänge vom Schwimmer bis zu den ersten Schritten im Football bei den Düsseldorf Panthers, über das College und dann zu den Workouts mit den NFL-Teams. Was ist Ihnen beim Aufschreiben dieser Geschichten durch den Kopf gegangen?
Ich hab mir als Profi nie wirklich Gedanken über die Vergangenheit, geschweige denn über die Zukunft gemacht. Man plant von Spiel zu Spiel. Man hat gar keine Zeit, das alles Revue passieren zu lassen – beziehungsweise wollte ich es auch nicht, weil ich es mir nie antun wollte, mich auf meinen „Lorbeeren“ auszuruhen. Erst nach meiner Karriere, als ich 15 und 20 Jahre zurückgedacht habe, alte Fotos durchgeschaut, mit Leuten aus der Zeit, wie meinen Trainern gesprochen habe, da sind die schönen Gefühle und Emotionen wieder hochgekommen.

Eines der Hauptthemen sind Ihre viele Verletzungen und Ihr Umgang damit. Wie geht es Ihnen aktuell und spüren Sie noch Schmerzen?
Die Krankenakte, die ich gelistet habe, ist lang. Die zig Operationen und die unzähligen nicht operierten Verletzungen, wie Arthrose in Gelenken und all so was. Deswegen war es wichtig für mich, Gewicht zu verlieren und gesünder zu sein. Mir geht es jetzt deutlich besser, als es mir während meiner Profizeit ging. Es gibt natürlich auch Dinge, die in zehn bis 20 Jahren sicher noch mal angeguckt werden müssen. Ich kann aber mit meinen Kindern spielen und alles machen, was ich möchte – mit Vorbehalt. Noch mal Football spielen würde jetzt nicht mehr gehen (lacht).

Sie beschreiben es damit, dass die Footballer die Autos sind und die Ärzte die Kfz-Mechaniker. Haben Sie sich manchmal wie ein Roboter gefühlt, der immer funktionieren muss?
Auf jeden Fall. Das ist der Druck, erstens vom Team, zweitens vom Spieler selbst. Da stehen dann die Ärzte auch in der Verantwortung und müssten öfter sagen: Für das Team wäre es zwar das Beste, du spielst, aber für deine Gesundheit solltest du vielleicht mal auf der Bank bleiben. Das ist so ein bisschen der Zwiespalt. Ich habe trotz vieler Verletzungen Spiele gemacht, die ich, rückblickend betrachtet, nicht hätte machen sollen. Man wird von Woche zu Woche zusammengeflickt und dann geht es in der Offseason genau so weiter. Dann geht einem das Bein kaputt, die Schulter kaputt und man steht trotzdem sechs Wochen später wieder auf dem Platz.

Sie erwähnen oft Ihre Frau Lindsey, die Kummerkasten und Krankenschwester für Sie war. Gab es wirklich nie einen Moment, wenn Sie sich morgens mit Rückenschmerzen aus dem Bett gewuchtet haben, dass Ihre Frau mal gesagt hat: Bleib doch heute einfach liegen?
Nein, gab es nicht. Erstens hätte ich es eh nicht gemacht. Und zweitens ging es von Vereinsseite her gar nicht. Man musste immer ins Stadion kommen, auch wenn man sich nicht bewegen konnte oder mit 45 Grad Fieber im Bett lag. Erst wenn dich die Ärzte kontrolliert hatten, durftest du vielleicht nach Hause.

Die Schinderei hat sich ja auch gelohnt für Sie. Sie haben 2014 und 2016 den Super Bowl gewonnen. Sie beschreiben wenig von diesem vielen Tamtam drumherum, der Media Day ging Ihnen ja auch ziemlich auf die Nerven. Konnten Sie das überhaupt in irgendeiner Art und Weise genießen?
Die Party danach mit meinen Freunden und meiner Familie, das ja. Aber davor … Das lag auch an meiner persönlichen Eigenschaft. Ich wollte alles geben, um topfit für diesen Tag zu sein. Alles andere hat mich nur genervt. Ich wollte auch keinen Besuch von Familie oder Freunden, weil ich trainieren und dann die Beine hochlegen wollte. Obwohl die Medien sehr wichtig sind, wollte ich da nicht zwei Stunden lang rumblödeln. Ich hätte vielleicht auch ein bisschen anders an die Sache rangehen können, aber so bin ich eben nicht.

Sie beschreiben relativ wenig vom Spiel selbst. Wie viel haben Sie letztlich von diesem Triumph in Erinnerung?
Ich hatte viele Mitspieler, die sich die Wochen, Monate und Jahre danach an alles erinnern konnten. Weißt du noch damals im vierten Spiel, im dritten Viertel – und ich dann meistens nur so: nee. Ich habe den Super Bowl selbst noch nicht gesehen, weil ich ihn so in Erinnerung behalten möchte, wie ich ihn im Kopf habe. Wenn ich dann sehe, dass ich einen Block verpasst habe, kann der gerne aus meiner Erinnerung draußen bleibe (lacht).

Wie weit verfolgen Sie aus den USA, wie Football hier in Deutschland angenommen wird, und was muss passieren, dass der Sport hier noch einen Push bekommt?
Die Aufmerksamkeit und der Drang nach Football ist sehr groß. Das erlebe ich auch immer wieder, wenn ich als NFL-Experte bei „ran“ bin. Als wir in London in einem Pub waren, standen da plötzlich 5000 Leute aus Deutschland. Ein anderer Grund für das Buch war, dass ich nicht nur das Brutale rüberbringen wollte, sondern was alles dahintersteckt und dass es die Faszination noch etwas weiter auslöst. Ich stehe jeden Morgen noch auf und denke: Wahnsinn und kann es kaum fassen. Vielleicht klappt es bei anderen ja auch.

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