+
Keret auf der Schwelle des "Etgar-Hauses", am Ort des ehemaligen Warschauer Ghettos.

Israel

"Ich will mein Land zurück"

  • schließen

Der Schriftsteller Etgar Keret über seine Eltern, die den Holocaust überlebten, seine typisch untypische Familie, Ultraorthodoxe und die politische und kulturelle Entwicklung in seiner Heimat Israel.

Herr Keret, sind Ihre Geschichten eigentlich alle wahr?
Nur die meines letzten Buches. Und das war, glaube ich, eine einmalige Sache. 

Warum denn das?
Ich hatte nie vor, diese Geschichten zu veröffentlichen, aber ich hatte all diese Notizen aus der Zeit, als mein Sohn geboren wurde und mein Vater starb. 

Sie haben Tagebuch geschrieben?
Nicht direkt, ich führe kein Tagebuch, habe ich nie gemacht. Aber wenn mich etwas sehr bewegt, schreibe ich es auf, damit es mein Sohn später einmal lesen kann. Und über meinem Vater habe ich geschrieben, weil ich ihm eine Art Denkmal setzen wollte. Nachdem meine Mutter das Buch gelesen hatte, fragte sie mich, wann schreibst du die Fortsetzung. Ich sagte, wahrscheinlich, wenn du stirbst.

Die Geschichten, die Sie über Ihre Eltern erzählen, klingen mitunter wie aus einem Drehbuch für eine Gangsterkomödie. Zum Beispiel die, wie Ihr Vater Ihre Mutter kennenlernte. Er zog mit einer rumänischen Kapelle um die Häuser, pinkelte betrunken gegen die Wand der französischen Botschaft und gab sich dann als Polizist aus, um von Ihrer Mutter die Adresse zu bekommen.
So war mein Vater. Er hat das Leben nicht so schwer genommen.

Obwohl er den Zweiten Weltkrieg in einem Erdloch überlebt hat, in dem er wochenlang ausharren musste?
Gerade habe ich eine Vorlesung an der Tel Aviver Universität gehalten und der Gastgeber sagte in seiner Einführung, die Generationen in Israel seien von den Kriegen geprägt, die sie als Kinder erlebt haben, daraus ziehen sie ihre Lehren fürs Leben. 

Und welche Lehre hat Ihr Vater aus all dem Leid gezogen, das er erlebt hat?
Dass nichts unmöglich ist, für ihn gab es immer eine Lösung. 

Welcher war Ihr erster Krieg?
Der Jom-Kippur-Krieg, 1973. Ich war sechs und erinnere mich noch gut daran, wie es an der Tür klingelte und mein Vater vom Militär abgeholt wurde. Er zog sofort seine Uniform an und sagte zu meiner Mutter: Hier ist ein Zettel mit all den Namen der Leute, denen ich Geld schulde. Wenn ich nicht zurückkomme, verkaufe die Wohnung und zahle die Schulden zurück! Meine Mutter sagte: Aber was wird aus uns? Wir haben doch selber kein Geld? Mein Vater antwortete: Du bist eine kluge Frau, du kommst schon alleine klar. Dann küsste er sie und ging. 

Was haben Sie daraus gelernt?
Ich hatte immer Angst, dass mein Vater nicht da ist und wir auf uns selbst gestellt sind. 

Und Sie dann die Verantwortung für die Familie haben?
Ja, das ist bis heute so. Wenn ich etwas verspreche, muss ich es auch halten. Ich versuche auch, immer pünktlich zu sein und kümmere mich sehr um meinen Sohn. Als er klein war, wurde er morgens oft in aller Herrgottsfrühe wach, um vier, halb fünf, und kam in unser Bett. Ich bin mit ihm aufgestanden, zum Strand gegangen und habe ihn danach in den Kindergarten gebracht. Komischerweise weckte er immer nur mich auf, nicht meine Frau. Und irgendwann hat meine Frau ihn gefragt, warum? Lev sagte, das hat mit dem Blick zu tun, den ihr mir schenkt, wenn ihr die Augen öffnet. Mama ist immer sauer, wenn sie mich morgens vor dem Bett stehen sieht. Papa lächelt mich an. 

Sie lächeln Ihren Sohn an, wenn er morgens um halb fünf vor Ihrem Bett steht?!
Ja, meine Eltern haben mich auch immer angelächelt, wenn ich sie geweckt habe, vor Glück, eine Familie zu haben. Sie hatten ihre Familien verloren, sie kannten so was nicht. Ich bringe meinen Sohn auch jeden Morgen zur Schule, obwohl er schon zwölf ist und keiner von den anderen Eltern noch ihre Kinder zur Schule bringen. 

Und Ihrem Sohn ist das nicht unangenehm?
Doch. Neulich sagte er zu mir, ich kann auch alleine gehen. 

Und?
Ich habe zu ihm gesagt, das weiß ich, das verstehe ich, es ist nur so, dass ich gerne neben dir herlaufe und mit dir rede. Zwei Tage ist er alleine zur Schule gegangen, dann hat er gesagt, lass uns wieder zusammengehen, das ist schöner.

Ist Ihre Familie typisch für Israel?
In Amerika hat mal jemand zu mir gesagt, ich komme aus einer typisch untypischen israelischen Familie. Meine Mutter zum Beispiel spricht sechs Sprachen akzentfrei, aber sie musste sich alles selbst beibringen. Sie hat als einzige ihrer Familie das Warschauer Ghetto überlebt. Einmal, sie war neun oder zehn, hat sie Essen von draußen ins Ghetto geschmuggelt, als ein deutscher Soldat ihr den Rucksack wegnahm und ihn anderen Soldaten zuwarf. Daneben stand ein SS-Offizier, meine Mutter ist zu ihm gegangen und hat sich bei ihm beschwert. Die Soldaten haben ihr sofort den Rucksack zurückgegeben. 

Weil sie so gut deutsch sprach?
Nein, weil sie so entschieden aufgetreten ist. Das war ihre Lehre fürs Leben. Entschieden auftreten und viel lernen. Meine Eltern wollten alles wissen. Sie hatten sogar „Mein Kampf“ im Bücherregal stehen. Mein Vater wollte verstehen, wie es geschehen konnte. 

Woher hat Ihr Vater denn „Mein Kampf“ gehabt?
Aus Deutschland, denke ich. Meine Eltern sind oft nach Deutschland gefahren. Einer ihrer besten Freunde hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Ich habe mich darüber gewundert, wie sie mit ihm befreundet sein können. Sie haben gesagt, dass er damals 16 war, ein Junge, dessen Land Krieg führte. Mein Vater hat gesagt, er an seiner Stelle hätte wahrscheinlich auch für sein Land gekämpft. 

Das klingt in der Tat nach einer ungewöhnlichen Familie, dabei haben wir noch gar nicht über Ihre Geschwister gesprochen: Ihr Bruder kämpft für die Legalisierung von Marihuana in Israel, Ihre Schwester wohnt in Jerusalem, ist ultraorthodox, hat elf Kinder ...
... und 26 Enkelkinder.

26?
Ja, mit 55. 

Wie kommt es, dass Sie alle so unterschiedlich geworden sind?
Wir sind gar nicht so unterschiedlich. Jeder von uns macht einfach, was er will. Unsere Eltern wollten nicht, dass wir Ärzte oder Geschäftsleute werden. Sie haben gesagt, du bist schlau, du wirst überleben, die Frage ist, was du daraus machst, ob du Business Class fliegst, teuer Essen gehst oder versuchst, die Welt zu verbessern. In gewisser Weise wollen wir alle die Welt verbessern, nur mit anderen Mitteln: Mein Bruder kämpft für Bürgerrechte, ich schreibe gegen die gesellschaftlichen Zustände an, meine Schwester betet. 

Reden Sie mit Ihrer Schwester über Politik?
Ja. Sie hat starke Positionen, und vieles sehe ich ganz genauso. Für mich sind die Ultraorthodoxen im Land nicht das Hauptproblem, die Nationalreligiösen sind es. Die Orthodoxen wollen leben, wie sie es für richtig halten. Sie wollen mich nicht bekehren. Während die Rechten, die Nationalreligiösen verlangen, dass alle das Gleiche sagen und man keine Kritik übt. Sie begründen das mit der Einheit Israels, aber diese Gleichmacherei hat etwas faschistisches. Kennen Sie das Boykottgesetz? Danach wird man bestraft, wenn man in Israel zum Boykott von Produkten aufruft, die in den besetzten Gebieten hergestellt werden. Ich habe natürlich erst recht dazu aufgerufen und gesagt, dass meine Tasche gepackt auf dem Flur steht, für den Fall, dass ich verhaftet werde. 

Sie steht aber gar nicht auf dem Flur.
Natürlich nicht. Sie wollen den Leuten nur Angst einjagen. An israelischen Universitäten soll jetzt eine Art ethischer Code eingeführt werden. Was nichts anderes heißt, als dass man nicht seine politische Meinung sagen darf. Und die Orthodoxen machen das alles nicht mit. Meine Schwester geht nicht wählen und ich bin mir sicher, dass sie nicht das Gefühl hat, der israelische Premierminister repräsentiert sie.

Leugnet Sie auch den Holocaust wie andere orthodoxe Juden?
Man kann das nicht so verallgemeinern. Ich sage ja auch nicht, was ist mit euch Weißen los, warum zieht ihr euch spitze Hüte übers Gesicht und zündet die Häuser von Schwarzen an? Ich denke, es handelt sich nur um eine kleine Gruppe, die den Holocaust leugnet. Zum Holocaust-Gedenktag, wenn es im ganzen Land eine Gedenkminute gibt, wird im israelischen Fernsehen gerne ein Video gezeigt, auf dem zu sehen ist, wie alle stehen bleiben, nur die Orthodoxen nicht. Und es stimmt, einige von ihnen laufen weiter, wenn die Sirene erklingt. Aber das hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun, sondern mit der staatlichen Aufforderung zum Gedenken, die sie nicht akzeptieren. Genauso wie sie den Armeedienst nicht akzeptieren.

Ihre Schwester war auch nicht beim Militär?
Doch, wir alle haben gedient. Und diese Zeit hat uns sehr verändert.

Inwiefern?
Meine Schwester hat bei der Armee ihren Verlobten verloren. Sie war Artillerieausbilderin, er war Offizier und ist im Libanon-Krieg gestorben. Mein Bruder, der vor seiner Zeit beim Militär ein Rechter war, hat miterlebt, wie ein syrisches Flugzeug abgeschossen wurde und der Pilot starb. Seitdem ist er ein extremer Linker. Ich habe bei der Armee meinen besten Freund tot aufgefunden. Er hat sich erschossen. Und der einzige Ausweg für mich war, aufzuschreiben, was mir durch den Kopf ging. Damals habe ich meine ersten Geschichten geschrieben.

Wird Ihr Sohn zur Armee gehen?
Er will nicht und denkt darüber nach zu verweigern. Wir diskutieren darüber. Ich sage zu ihm, wenn man in Israel lebt, ist es schwer, einfach den Dienst zu verweigern. Das ist so, als ob man keine Steuern bezahlt. Eher sollte man Befehle verweigern, auch wenn man dafür ins Gefängnis gesteckt wird. Vor ein paar Wochen habe ich in einem Artikel einen Fernsehkommentator unterstützt, der nach den Schüssen auf Demonstranten in Gaza gesagt hat, er schäme sich für das israelische Militär. 

Woraufhin sich ein Shitstorm über ihn ergoss, sogar seine Entlassung wurde gefordert.
Ja, und ich habe in einem Artikel die Bedeutung von Scham in der jüdisch-religiösen Ethik erklärt. Dort heißt es nämlich, Scham mache eine moralischen Menschen aus. Wenn du dich schämen kannst, bist du dir deiner Handlungen bewusst. Die Regierung aber verlangt von uns das Gegenteil: Wir sollen schamlos werden. 

Wie waren die Reaktionen darauf? 
Seltsamerweise gab es gar keine. Ich habe zu Shira gesagt, das ist das erste Mal seit dem Gaza-Krieg, dass mich niemand bedroht oder beleidigt. Normalerweise werde ich im Netz immer gleich in die Gaskammer geschickt. 

In die Gaskammer?
Ja, oder mir werden die Worte im Mund verdreht. Für die „New York Times“ habe ich in einem Kommentar erklärt, warum ich die Redewendung Pro-Israel nicht mag und das mit einem Beispiel erklärt: Ich liebe meine Frau, aber ich bin deswegen nicht Pro-Shira, denn manchmal streitet sie mit mir. Auf einer Website wurde daraus gemacht: Etgar Keret ist nicht Pro-Shira, weil sie ihn manchmal betrügt. Ich habe Briefe geschrieben und Anwälte eingeschaltet, umsonst. Sie sagen, sie haben nur aus Versehen ein Wort verwechselt. Immer, wenn ich etwas veröffentliche, rechne ich mit diesen Unverschämtheiten. Einmal hat jemand zu meinem Sohn auf der Straße gesagt, du hast schöne Augen. Mein Sohn hat sich bedankt. Dann sagte der Mann, es tue ihm so leid, dass er so ein Arschloch zum Vater habe.

Was hat Ihr Sohn geantwortet?
Dass er den besten Vater der Welt hat. Ich hatte das Gefühl, er wollte mich beschützen.

Im Ausland werden Sie sehr verehrt, vor allem in Polen, da wurde Ihnen sogar ein Haus gebaut.
Das schmalste Haus der Welt, es steht genau an der Stelle, wo das Warschauer Ghetto war und meine Mutter sich immer nach draußen geschlichen hat. Polen ist das Land, in dem ich die meisten Bücher verkaufe, nach Israel. Meine Bücher sind in 43 Ländern erschienen und ich bin viel unterwegs. Das ist interessant. In Korea wurde ich einmal gefragt, wie ich Israel erklären würde.

Was haben Sie gesagt?
Dass es ein sehr religiöses Land ist, denn an Sabbat fahren dort keine Busse. Ah, haben sie gesagt, wie Iran. Es ist aber auch ein sehr schwulenfreundliches Land, habe ich gesagt, eines, das sich beim Eurovision Song Contest von einem Transvestiten vertreten lässt. Ah, haben sie gesagt, wie San Francisco. Genauso ist Israel, ein bisschen Iran, ein bisschen San Francisco. Eine Ananas-Pepperoni-Pizza. 

Und wie reagieren die Deutschen auf Ihre Geschichten? 
Zum 70. Geburtstag habe ich meiner Mutter ein Flugticket nach Berlin geschenkt und wir haben eine ganze Woche dort zusammen verbracht. Ich war sowieso gerade in Berlin, weil ich an der FU eine Gastprofessur hatte. In der Nacht bevor sie zurückflog, hatte ich eine Lesung, mein Buch war im Schaufenster ausgestellt, es war voll, die Stühle reichten nicht. Es war das erste Mal, dass meine Mutter mich außerhalb von Israel zu einer Lesung begleitet hat. Als wir danach mit der U-Bahn zurückfuhren, erzählte sie mir, wie ihr Vater nach dem Tod ihres Bruders und ihrer Mutter zu ihrem Großvater sagte: Ich halte das nicht mehr aus. Ich bitte die SS, mich zu töten. Mein Großvater hat gesagt, du musst am Leben bleiben, ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, und einer muss leben und dafür sorgen, dass niemand vergisst, dass es uns gab. Sie sagte, auf der Lesung habe sie gedacht, wenn sie jetzt sterbe und ihren Vater im Himmel wiedersehe, sage sie ihm: Sie wissen, dass es uns gibt. 

Haben Sie in Berlin jemals Antisemitismus erlebt?
Nein, ich bin manchmal aufgeschreckt, wenn jemand laut Achtung gerufen hat. Aber vor allem habe ich die Anstrengungen der Deutschen gespürt, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, zu sagen, was wir angerichtet haben, darf sich nie wiederholen. 

Vor kurzem haben in Berlin Menschen mit Kippot auf dem Kopf gegen einen Überfall auf einen Mann demonstriert, der mit Kippa auf die Straße ging, obwohl er gar kein Jude ist. Wäre so was Stoff für eine Ihrer tragikomischen Geschichten?
Vielleicht, aber ich finde, das ist genau die richtige Reaktion. Eine Gesellschaft, die versucht, aus der Vergangenheit zu lernen, ist eine gute Gesellschaft. Klar, es gibt Antisemitismus in Deutschland. Aber die Regierung und die Allgemeinheit machen was dagegen. Das ist selten und bewundernswert. Auch dass Deutschland Flüchtlinge aufgenommen hat. Ich mag an den Deutschen, dass sie sich von Gefühlen leiten lassen, dass es Dinge gibt, die sie aufwühlen und dass sie danach handeln. In so einem Land würde ich gerne leben.

Sie würden lieber in Deutschland als in Israel leben?
Nein. Ich bin der Sohn von Holocaustüberlebenden. Ich weiß es zu schätzen, in einem Land zu leben, in dem ich nicht zur Minderheit gehöre. Und nur weil mir das Land gerade nicht so gefällt, heißt das nicht, dass ich woanders hinziehe, wo es mir besser gefällt. Es gibt so viele Sachen hier, an denen ich hänge, die zu mir gehören: die Sprache, das Wetter, die Kultur, die Menschen. Es ist nicht so, dass ich sage, ich bin hier geboren und muss auch hier sterben. Wenn ich zu viel aufgeben muss oder für meinen Sohn keine Zukunft mehr sehe, würde ich sicher darüber nachdenken, auszuwandern. Aber noch gebe ich nicht auf. Mein Land war einmal eines der liberalsten der Welt. Ich will dieses Land zurück. 

Interview: Anja Reich   

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion