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Stefanie Sargnagel.
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Stefanie Sargnagel.

Stefanie Sargnagel

"Ich will ein Matriarchat"

  • VonMartin Oehlen
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Stefanie Sargnagels Postings über Wien, Kölns Silvesternacht, Flüchtlinge und alles andere. Jetzt sind sie auch gedruckt erschienen.

Da darf man aufatmen: „Bis auf die täglichen Suizidgedanken“, schreibt Stefanie Sargnagel, „bin ich ein sehr glücklicher Mensch.“ Die österreichische Autorin, in ihrer Heimat berühmt und bei einigen auch berüchtigt, versteht es eben, dem Schrecken schreibend zu entkommen. Von allerlei Depressiva ist in ihren Postings, die sie auf Facebook öffentlich macht, häufig die Rede. Doch wer ihre Texte liest, wird nicht umhin kommen, sich mehr als einmal zu amüsieren über Witz und Wachheit. Aber auch zu wundern über ihre Neigung, über den eigenen Stuhlgang nachzusinnen, was sie mit einer Unverblümtheit tut, die an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gemahnt.

Erinnert an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“

„Statusmeldungen“ heißt der Band, der jetzt die oft aus einer Zeile oder sehr wenigen Sätzen bestehenden Posts von Mitte 2015 bis Anfang 2017 versammelt. Eine wichtige Phase im Leben der Stefanie Sargnagel geb. Sprengnagel. Denn in dieser Zeit gibt sie ihre Stelle bei der Telefon-Auskunft auf, der sie viele schöne Anekdoten verdankt. Sie vollzieht den Wechsel in die Welt des freien Autorentums – mit Lesereisen, Interviews und Frankfurter Buchmesse. Und sie erlebt eine Hasswelle, nachdem sie ein paar grelle Eindrücke aus Marokko geschildert hat. Einerseits möchte Stefanie Sargnagel in Ruhe gelassen werden und ihr vertrautes Leben weiterleben – andererseits schmeichelt es ganz angenehm, wenn man auf der Straße erkannt und in den Medien wahrgenommen wird.

Die Notate, die sie ins Netz entlässt, darf man nicht alle auf die Goldwaage legen. Auch nicht die Anmerkung, dass „Die Zeit“ eingestellt werden musste, nachdem Sargnagel für die Wochenzeitung von den Bayreuther Festspielen berichtet hatte. Ebenso muss zur Überprüfung der Behauptung „Ich bin Goethe“ kein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden. Aber manch einer nimmt eben doch für bare Münze, was sie zum Besten gibt. Das wurde anlässlich des Trips nach Marokko deutlich.

Fußtritt gegen ein Katzenbaby

Die Wienerin mit der roten Baskenmütze und ihre Begleiterinnen waren angeblich enttäuscht über das Verhalten der einheimischen Männer: „Wenn wir nachts am Strand willig mit ihnen chillen, schauen sie lieber eingeraucht Animeserien auf ihren Smartphones. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“ Auch von einem Fußtritt gegen ein Katzenbaby war in dem satirischen Beitrag die Rede. All das fand die „Kronen Zeitung“ empörend, zumal es für diese Reise einen Zuschuss der österreichischen Bundesregierung gegeben hatte. Anonyme Drohungen im Netz kamen hinzu. Doch Sargnagel zeigt sich kämpferisch: „Eure Wut beflügelt mich, eure Angst nährt mein gerechtes Herz.“ Politische Korrektheit ist nicht Sargnagels Sache. Sie wirft sich auch gerne in Pose, augenzwinkernd zumeist. Und ihr Witz ist manchmal eben sehr „org“.

Sentenzen und Sottisen pflastern Sargnagels Weg. So etwa: „Ich geh nicht mehr so gerne in die „Einhornbar“, seit ich dort Lokalverbot hab.“ Oder so: „Ich glaub nicht, dass es Zufall is, dass so viele Afrikaner nach Österreich kommen und plötzlich hamma 40 Grad.“ Bitte dieses noch: „Immer wenn mir fad is, ruf ich in der vollen U-Bahn „Allahu akbar“.“ Ja, es gibt wirklich erstaunliche Positionen: „Köln ist wunderschön.“ Aber auch Oberhausen („irgendwie geil“) und Bremen („voll schön“) kommen gut weg.

Widmung an die Burschenschaft Hysteria

Was den Dialekt betrifft, hält sich Sargnagel zurück. Und wenn sie ihn einmal einbringt, hilft es meistens, sich den Satz laut aufzusagen. Allerdings – sobald sie den Vater zitiert, sieht sich der Leser herausgefordert wie bei einer Latein-Prüfung. Da kommen Fluchtgedanken auf.

Die Themen ihres Lebens stechen in der seriellen Aneinanderreihung der Notate schön heraus. Neben Essen und Trinken, Lustigem und Deppertem, dem FPÖ-Politiker Norbert Hofer und dem Freund Martin Witzmann („Was ich an Witzmann mag, ist, dass er so ein aufrichtig böser Mensch ist. Wenn ich beim Minigolf versage, macht ihn das einfach froh“), neben all dem also geht es auch gerne um den Feminismus: „Ich will keine Gleichberechtigung, ich will ein Matriarchat.“ Das Buch ist der Burschenschaft Hysteria gewidmet, die – laut Selbstauskunft – eine „feministische Antwort auf männerbündlerische Burschenschaften“ ist. Der Streit mit dem Schriftsteller-Kollegen Thomas Glavinic, der sie als „sprechenden Rollmops“ bezeichnet hatte und in dem es zuletzt um Penis-Fotos ging, hat in diesem Buch allerdings keine tiefe Spur hinterlassen.

Penis-Fotos und Schriftsteller Thomas Glavinic

Wohl aber die Kölner Silvesternacht. Die Reaktionen auf die Übergriffe kommentiert Stefanie Sargnagel vergleichsweise ernst: „Rechte werden Frauenrechtler. Linke verharmlosen sexuelle Übergriffe. Verwirrende Zeiten.“ Ihre Schlussfolgerung, ein paar Tage später, ist dann aber auch nur hilflos-frustgetränkt: „Die einzige richtige Haltung zu den Übergriffen in Köln ist anti-alles.“

Alles ist im Fluss. Auch die Neigungen und Überzeugungen sind es. Ganz begeistert ist Sargnagel zunächst von der Aufgabe, Flüchtlinge an der ungarischen Grenze abzuholen und nach Wien zu fahren: „Schleppen macht total süchtig“ (6. September 2015). Doch die Begeisterung kühlt ab: „Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr underground war“ (24. September 2015). Dann die Einsicht: „Immer dasselbe: Am Anfang bin ich urbegeistert, dann verlier ich das Interesse (Refugees)“ (4. Oktober 2015).

Wem die kompakte Ladung zu dicke ist oder wer das nächste Buch nicht abwarten mag, kann sich dem Netz anvertrauen, wo Sargnagel unter dem Noch-nicht-Künstlernamen Sprengnagel ihre Posts publiziert. Vor wenigen Tagen war dort über die hier vorgestellten „Statusmeldungen“ zu lesen: „mah jetzt wo das buch draußen is fällt mir der beste titel ein: ,täglich alles‘“.

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