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Verweigerung des Kulturgehorsams

Ich-Vézelay-Dschihad

  • VonMichael Braun
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Dieter M. Gräf erkundet in seinem Gedichtband "Buch Vier" das Zeitalter der Extreme. Von Michael Braun

Das 21. Jahrhundert beginnt in diesem Buch mit einem kleinen Weltuntergang. Zwei Katastrophen, eine vom Toben der Naturmächte ausgelöste und eine von Selbstmordattentätern produzierte, fesseln die Aufmerksamkeit des lyrischen Subjekts. In einem verbarrikadierten Hotel in Taiwan beobachtet das Ich auf zwei Bildschirmen synchron den Zusammenbruch der Neuen Welt. Eine Sintflut in Taipeh überkreuzt sich mit den Angriffen auf das World Trade Center - und aus der Zerstörung des Alten wächst das furchtbar Neue?

Noch immer gehört die schroffe Fügung disparaten Sprachmaterials im Gedicht zu den bevorzugten Strategien des aus Ludwigshafen stammenden Dichters Dieter M. Gräf - die bewusst herbeigeführte Frontalkollision heterogener Redeweisen und Sprachfragmente sorgt auch in seinem neuen Buch für Hochspannung und verbale Reibungshitze.

Aber Gräfs Gedichte in "Buch Vier" verweigern in noch radikalerem Maße den Kulturgehorsam als die vorangegangenen Bücher des Autors. O-Töne, Zitate und Sprachteile aus der Alltagswelt und aus einer traditionsschweren Literaturgeschichte ragen wie erratische Blöcke in die Gedichte. Hinzu kommen typografische Hierarchisierungen, unterschiedliche Gewichtungen von Versen durch verschiedene Schriftgrößen, schließlich wird selbst sinnleerer Datenmüll in die Gedichte geschleust. Diese Gedichte versuchen etwas Elementares, Fundamentales, etwas, das tief einschneidet nicht nur in unser Verständnis von "Dichtung", sondern in die Koordinaten unserer Weltwahrnehmung. Die Ich-Identität des Subjekts wird sofort in Frage gestellt mit dem Eröffnungsgedicht "Damit Ich aufbricht". Dieser Text, der eine populärwissenschaftliche Studie mit einem Hölderlin-Gedicht verschränkt, bezeichnet die Intention des ganzen Bandes: Das Ich wird fundamentalen Erschütterungen ausgesetzt - und es sind oft grelle Visionen, mystische Offenbarungen und katastrophische Erleuchtungen, die das Gebäude der Subjektivität zum Einsturz bringen. Der Taifun in Taipeh ist nicht nur eine naturgeschichtliche Gewalt, sondern eben auch ein mystischer Blitz, der die Wahrnehmung des Ich erst einmal aus den Angeln hebt.

Das alte Ich wird in "Buch Vier" in Trümmer gelegt, es sinkt in den Staub wie im ersten Kapitel die Türme des World Trade Center. Die scheinbar rein funktionale Titelgebung "Buch Vier" meint nicht das banale Faktum, dass der Autor seinen vierten Gedichtband vorlegt, sondern erscheint als mythische Chiffre. In einem lehrreichen "Appendix" erläutert Gräf die fast unheimliche phonetische Identität der chinesischen Wörter "Tod" (szu) und "Vier" (szu). Der Tod und die mit ihm verbundenen Verwandlungen stehen denn auch im Zentrum dieses Gedichtbuches.

In vier Kapiteln werden politische Ikonen, zwielichtige Märtyrer und auch katholische Heiligengestalten aufgerufen: Es geht um den linken Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der bei der Sprengung eines Hochspannungsmastes ums Leben kam, um den katholischen Anarchisten Pier Paolo Pasolini oder um den buddhistischen Beat-Poeten Allen Ginsberg - sie sind Ausgangspunkte starker Energieströme, mit denen Gräf seine Gedichte auflädt. Aber es gibt auch dämonische Schlüsselfiguren der Zeitgeschichte: Benito Mussolini und seine Geliebte Claretta Petacci etwa, oder der Kampfflieger und Literaturvisionär Gabriele D' Annunzio. Im "italienischen" Kapitel des Bandes scheint es mitunter, als schleudere hier ein lyrischer Wiedergänger von Rolf Dieter Brinkmann seine erkenntniswütigen Lamentationen in die Welt. Gräf webt aus zeitgeschichtlichen Stoffen komplexe Texturen, die sich manchmal als düsteres Echo aus Bekenntnissen der porträtierten Figuren ausweisen. In einigen besonders finsteren Gedichten löst sich das Gedicht aus den vertrauten Formen und geht über in ein traumversunkenes Murmeln, ein litaneihaftes Repetieren von magischen Formeln.

Am Ende treibt der Autor sein Gedicht ins Kryptische: Die Verse werden von undurchdringlich codierten Buchstabenketten und typografischen Mustern umgeben. Im letzten Gedicht läuft die Sprache parallel zu einem Strichcode aus der Warenwelt. Ein optimistischer Ausblick in die Zukunft der Gattung ist das nicht.

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