Literatur

Ich und er

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Georges-Arthur Goldschmidts Betrachtungen „Vom Nachexil“.

Alle Bücher von Georges-Arthur Goldschmidt beschäftigen sich mit dem Glück und der Last des Exils. Er schrieb sie in der dritten Person und übergab dabei seine Geschichte der Flucht aus Deutschland und des Aufwachsens in einem katholischen Internat in Frankreich an einen Arthur Kellerlicht. Er schrieb sie in der ersten Person als Autobiografie „Über die Flüsse“. Er schrieb über Freud und seine Bedeutung für die deutsche Sprache aus der Erfahrung des eigenen Sprachwechsels.

Sein Lebensthema lässt ihn nicht los. Und doch, obwohl der Kern derselbe bleibt, ist jedes Buch besonders. Weil es immer tiefer geht. Das neueste, „Vom Nachexil“, ein schmaler Band, greift noch einmal machtvoll nach den Sinnen des Lesers. Es wühlt auf durch seine Gedankenschärfe und die klaren, unverbrauchten Worte. „Vom Nachexil“ ist ein Buch für heute, nicht nur, weil es vor kurzem erst entstand. Sondern vor allem, weil der Autor von heute aus auf die Geschichte schaut. Er würdigt die Wut der demonstrierenden Gelbwesten, aber er warnt vor ihrem Antisemitismus. Und über die Kriminellen des IS schreibt er, mit den Horrorvideos vor Augen, „ihre Bestialität braucht nicht einmal Sprache“.

Er „bestand ganz aus Heimat“, als er zehnjährig Deutschland verließ, nahm beim Abschied „das Rauschen der Buchen“ in sich auf, um in Italien von der „Zementhülle des Gehorchens“ befreit zu werden. Es dauerte nicht lange, bis ihm das Französische „zur wirklichen Leib- und Seelensprache“ wurde, genährt durch Bücher „von weltöffnenden Autoren“, wie er in „Vom Nachexil“ schreibt.

Der, um den es hier geht

„Derjenige, um den es hier geht, Georges-Arthur Goldschmidt (geboren als Jürgen-Arthur Goldschmidt), ist Sohn einer der ältesten jüdischen, dann zum Protestantismus übergegangenen Familien Hamburgs.“ Derjenige, um den es geht, von den Nazi-Gesetzen zum Juden erklärt, der in diesem Buch mal „ich“ sagt, aber viel häufiger in der 3. Person von Arthur schreibt, gehört zu den bedeutenden Jahrhundertzeugen in der Literatur. Anfang Mai wird er 92 Jahre alt. Er lebt in Paris, war Gymnasiallehrer, übersetzte nebenher Bücher aus dem Deutschen, und als er zu schreiben begann, wurde er von Peter Handke ins Deutsche übersetzt – bis er dazu überging, seine Bücher selbst zu übertragen und schließlich auf Deutsch schrieb.

Der Übergang der Sprachen, das Annehmen seiner Zweisprachigkeit, war eine Befreiung, das zeigt Goldschmidt mit diesem Buch. Hatte er als Kind die Worte, mit denen er aufgewachsen war, in sich verborgen gehalten, weil sie ihn gefährdet hätten, benutzt er sie als Schriftsteller ganz bewusst. „Im Deutschen gibt es keine Leerstellen“, schreibt er, „der Wortreichtum ist unerschöpflich.“ Dazu trägt er bei in seinem Stil von großer, verblüffender Genauigkeit, wenn er Wörter für scheinbar unbeschreibbare Emotionen von Angst, Schmerz und Lust findet.

Goldschmidt, der Brückenbauer, fühlt noch immer Heimweh, „das ihm die Eingeweide aus dem Leib zieht“, wenn er an seine Mutter denkt, die er als Zehnjähriger zum letzten Mal sah. Obwohl er seit bald acht Jahrzehnten in Frankreich lebt, ist er zu Hause im Nachexil.

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