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Eva Demski, interviewt von Claus-Jürgen Göpfert. Christoph Boeckheler
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Eva Demski, interviewt von Claus-Jürgen Göpfert. Christoph Boeckheler

Literatur

„Ich stand am Rand der Ereignisse und wunderte mich“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Schriftstellerin Eva Demski über Rechthaberei und ungebremstes Leben in den 70er Jahren – und über ihren Roman „Scheintod“, der im April im Zentrum von „Frankfurt liest ein Buch“ stehen wird

Frau Demski, 1974 ist Ihr Ehemann, der Rechtsanwalt Reiner Demski, im Alter von nur 30 Jahren gestorben. Zehn Jahre später haben Sie den Roman „Scheintod“ veröffentlicht, der die Geschehnisse verarbeitet. Warum haben Sie damals das Buch geschrieben?

Um etwas von ihm aufzuheben. Ich wollte auf keinen Fall, dass er vergessen wird. Mit aller Kraft versuchte ich, sein kurzes Leben in eine Form zu bringen, einzubetten in die damaligen Ereignisse, zu zeigen, wie eigenständig er war. Es gab damals so viele linke Gruppen, eine orthodoxer als die andere. KBW, ML, Trotzkisten, er und ich gehörten da nirgendwo hin. Wir passten in keine von denen, und wir wollten das auch nicht.

War das Schreiben des Buches auch ein Akt der Liebe?

Natürlich. Deshalb hat es auch zehn Jahre und zwei Bücher davor gedauert, bis ich das Buch schreiben konnte. Das Material musste erst hart werden, um es bearbeiten zu können. Damals war eine exhibitionistische, schnell hingeschriebene, betont authentische Literatur sehr in Mode, Bekenntnisse, Betroffenheit. Hunderte von Titeln. Das war es nicht, was ich machen wollte.

Es brauchte Distanz zum Schreiben des Buches?

Ja, Distanz. Damit sich Form und Sprache entwickeln können.

In dem Buch ist allenthalben Ironie spürbar gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen der frühen 70er Jahre.

Da geht mir der Begriff Ironie zu weit. Ich würde eher von Staunen sprechen. Ich stand am Rand der Ereignisse und wunderte mich. Reiner war auch ein Einzelgänger, aber er hat die Bühne gern gehabt, lieber als ich. Alles, was nicht in vorgegebene Formen passte, interessierte ihn.

Sie selbst waren ebenfalls kein Teil der vielfältigen linken Szene, die es damals in der Bundesrepublik in der Zeit nach der 68er-Revolte gab?

Die Szene war zwar vielfältig, aber es gab doch viele Orte und Gelegenheiten, wo sich alle trafen, miteinander tranken, rauchten, stritten. Der Club Voltaire war so ein Gemeinschaftsort. Es ging überhaupt nicht so bierernst zu, obwohl alle furchtbar rechthaberisch taten. Ich hab das aber schon früher gesagt. Früher hatten die 68er angeblich in allem recht, jetzt sind sie an jeder Fehlentwicklung schuld. Vielleicht habe ich nie dazugehört und schreibe deshalb. Schreiben ist eine schöne Möglichkeit, auf Abstand zu bleiben, nicht wehleidig zu sein, sich nicht für den Nabel der Welt zu halten.

Empfinden Sie die Menschen in der heutigen Gesellschaft im Vergleich zu damals als ichbezogener, als weniger an andere denkend?

Man kann nicht pauschal über Menschen reden. Es ist gewiss so, dass die sozialen Medien für die Möglichkeit permanenter Selbstvergewisserung sorgen. Da wachsen dann Egoismus und Egos auch. Die Pandemie stellt Fragen der eigenen Freiheit und der für die anderen an vielen Stellen neu. Wenn ich heute 25 wäre, hätte es gut sein können, dass ich auch zu einer Raver-Party gegangen wäre. Ungebremstes Leben war was Wunderbares. Ich schmeiße also nicht den ersten Stein, verstehe aber trotzdem nicht, warum die Menschen trotz Corona in hellen Scharen den Feldberg stürmen.

Anfang der 70er Jahre hatten sich einige in der linken Szene dafür entschieden, in den Untergrund zu gehen und den Staat mit Waffengewalt zu bekämpfen. Es begannen die Aktionen der ersten Generation der RAF, auch das spiegelt sich in Ihrem Buch. Haben Sie seinerzeit jemals darüber nachgedacht, diesen Weg des bewaffneten Kampfs einzuschlagen?

Nein, das kam niemals infrage. Ich konnte nie begreifen, was damit erreicht werden sollte. Schon die Sprache, diese unglaublich selbstgerechte Haltung, die immanente Verachtung alles Schönen.

Zur Person

Eva Demski, geboren 1944 in Regensburg, war von 1967 bis zu dessen Tod 1974 mit dem Strafverteidiger Reiner Demski verheiratet. Seit 1977 ist sie freie Schriftstellerin in Frankfurt.

In ihrem Roman „Scheintod“ aus dem Jahr 1984 arbeitet Demski den frühen Tod ihres Ehemannes auf, der Anwalt der linken Szene war, und liefert eine ironische Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse in der damaligen Bundesrepublik.

„Frankfurt liest ein Buch“ stellt „Scheintod“ vom 26. April bis 9. Mai mit insgesamt etwa 70 Veranstaltungen ins Zentrum des Geschehens. Aus diesem Anlass ist das Buch jetzt beim Insel-Verlag neu erschienen (20 Euro).

Sie selbst stammen aus einem bürgerlichen Elternhaus im bayerischen und katholischen Regensburg.

Ich bin nicht katholisch sozialisiert. Aber das Katholische, Barocke hat mich geprägt. Askese ist mir bis heute unheimlich. Meine Eltern waren Atheisten.

Im Roman „Scheintod“ spielt bei Ihnen und Ihrem Ehemann immer wieder das Bekenntnis zur Anarchie eine Rolle, taucht die schwarze Fahne der Anarchie auf. Haben Sie sich dieser Bewegung zugehörig gefühlt?

Ja, weil das anarchistische Denken von Bewegung, Skepsis, Zweifel, Weiterdenken lebt. Es ist eben kein unumstößliches Dogma. Ein Buch darüber habe ich gerade fürs Erste zurückgestellt, obwohl schon eine Menge fertig ist. Corona wirft auch so etwas aus der Bahn, Freiheit, Verantwortung, Alleinsein und Begegnen, man muss das alles neu denken. Es werden viele Porträts in dem Album sein, von vergessenen, großartigen, spannenden Menschen. Die Linken mochten sie nicht und die Rechten erst recht nicht.

Wie gehen Sie mit dem Alleinsein in Zeiten der Corona-Pandemie um?

Glücklicherweise konnte ich eigentlich immer gut allein sein. Garten, Bücher, Musik, Freundinnen, Freunde, das hilft alles. Allerdings gibt es viel, was fehlt, und so viele, die mir leidtun. Die nicht mehr arbeiten können, nicht wissen, wie es weitergehen soll. Eine Angst, dass viel Schönes auf der Strecke bleibt.

„Scheintod“ wird im April im Mittelpunkt des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ stehen. Warum sollte ein junger Mensch es heute lesen?

Er soll es ja nicht lesen. Aber ich hoffe, er wird es tun. Es ist nicht langweilig. Ich hoffe, es wird von jungen Menschen als Angebot zur Kenntnis genommen, als Teil eines Versuchs, die Welt zu verstehen. So haben wir in unserer Jugend auch Bücher entdeckt und sie zum Teil der Vergessenheit entrissen. Die Idee, „Scheintod“ in den Mittelpunkt des Lesefestivals zu stellen, kam ja nicht von mir. Ich habe nicht darauf gedrungen. Ich hoffe auf Neugier. Eine Welt ohne Neugier wäre fad. Die sozialen Medien simulieren pausenlos Neuigkeiten, oft sind es gar keine, sondern nur aufgewärmte Suppe.

Donald Trump hat als US-amerikanischer Präsident seinen Einfluss sehr stark auf sozialen Medien aufgebaut. Das führte dann nicht zuletzt zum Sturm auf das Kapitol.

Da hätte ich einen schönen Goya-Satz: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Haben Sie selbst Ihren Roman „Scheintod“ jetzt noch einmal gelesen?

Bisher noch nicht. Nur da und dort mal eine Seite. Es kratzt, trotz der langen Zeit. Ich mach’s aber noch, zwölf Tage, zwölf Kapitel.

Die Liebe zu Ihrem Ehemann ist noch immer da?

Manchmal denke ich, dass er sagt: Lass mich endlich schlafen. Das Haus der Liebe hat viele Wohnungen. Ja, seine gehört ihm noch, dem jungen Mann, der er geblieben ist.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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