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Wislawa Szymborska (1923 - 2012).

Wislawa Szymborska gestorben

"Ich bin ein Sonderfisch"

Sie war eine Dame - so beschrieb ihr langjähriger Assistent Michal Rusinek Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Und so wie sie lebte, starb die 88-jährige auch - privat, zurückgezogen und in aller Stille. Zum Tod der großen polnischen Poetin.

Von Mathias Schnitzler

Sie war eine Dame - so beschrieb ihr langjähriger Assistent Michal Rusinek Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Und so wie sie lebte, starb die 88-jährige auch - privat, zurückgezogen und in aller Stille. Zum Tod der großen polnischen Poetin.

Die außergewöhnlichste Lyrik des 20. Jahrhunderts, hat der russische Dichter Joseph Brodsky einmal gesagt, sei in polnischer Sprache geschrieben. Wenn man dem berühmten Literaturnobelpreisträger Glauben schenken darf, dann war Wislawa Szymborska die außergewöhnlichste Dichterin des letzten Jahrhunderts. Noch in der deutschen Übertragung, die von den Reizen der Originale nur eine Andeutung geben kann, sind ihre Gedichte einzigartig – tief und federleicht zugleich, witzig und weise:

Karl Dedecius, der große, inzwischen über 90-jährige Vermittler polnischer Literatur in Deutschland und Übersetzer nicht nur Szymborskas, hat zusammengefasst, was Kollegen, Kritiker und andere Zeitgenossen über sie gesagt haben: „Sie ist ein Kosmos für sich. Jedes ihrer Gedichte ist auch mit keinem ihrer anderen Gedichte zu vergleichen. Szymborska ist ein Phänomen der Unwiederholbarkeit, ganz gleich, ob wir die Trauer, den Tiefsinn oder den wunderbaren Humor ihrer Gedichte auf uns wirken lassen.“

Erstes Gedicht erschien weitgehend unbemerkt

Wislawa Szymborska wurde 1923 bei Posen geboren. Sechs Jahre später zog ihre Familie in die südpolnische Kulturmetropole Krakau, wo die Dichterin bis zu ihrem Tod lebte und schrieb. Szymborska und Krakau, das gehört zusammen wie Franz Kafka und Prag. Außer ihren Gedichten verfasste sie Feuilletons und pointierte Rezensionen, als Übersetzerin französischer Lyrik machte sie sich ebenfalls einen Namen.

Ihr erstes Gedicht erschien 1945 weitgehend unbemerkt in einer Zeitung. Und von ihren beiden frühen Gedichtbänden hat sie sich später rigoros distanziert, ohne ihre ideologische Verblendung zu leugnen: Die Bücher waren dem sozialistischen Realismus verpflichtet. Bis 1966 war sie Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, auch davon hat sie sich verabschiedet. Sehr entschieden, aber frei von Verbitterung hat sie alle sozialistischen Illusionen aufgegeben, hat in den 1980er Jahren die Solidarno?? unterstützt, an der einflussreichen polnischen Samizdat-Publikation „Arka“ mitgearbeitet und an der in Paris erscheinenden Exilzeitschrift „Kultura“ beteiligt. „Zu viel ist geschehen,/was nicht hat geschehen sollen,/ und was hat kommen sollen,/kam leid er nicht“, schrieb sie später rückblickend in dem Gedicht „Das Ende eines Jahrhunderts“. Es verhandelt auch das Ende ihrer sozialistischen Hoffnungen: „Es ging auf den Frühling zu, hieß es,/und, unter anderem, aufs Glück.“ Ein leeres, falsches Versprechen.

Erstmals Beachtung für „Rufe an den Yeti“

Erstmals große Beachtung, in Polen wie im Ausland, fand Szymborska 1957 mit dem Band „Rufe an den Yeti“. Die Breughelschen Affen, dem lyrischen Ich im Traum soufflierend, stammen aus dieser Sammlung. Das folgende Buch „Salz“ (1962) wurde zum Welterfolg. „Im Fluß des Heraklit/liebt ein Fisch einen Fisch,/deine Augen – sagt er – leuchten wie Fische am Himmel,/ich möchte mit dir im gemeinsamen Ozean münden,/du Allerschönste des Fischschwarms./…Im Fluß des Heraklit/bin ich ein Einzelfisch, bin ich ein Sonderfisch/(anders zumindest als der Baumfisch oder der Steinfisch)/ich schreibe gesondert zuweilen kleine Fische auf/in Silberschuppen, so kurz/daß da womöglich die Dunkelheit verlegen blinzelt?“

Szymborska ließ sich mit ihren Publikationen stets Zeit. Ihren aus naturwissenschaftlichen wie philosophischen Quellen gespeisten Gedichten, deren vermeintliche Einfachheit Resultat großer Geistesanstrengung ist, kam dies zugute. Meist liegen vier oder fünf Jahre zwischen den Veröffentlichungen. Besonders hervorheben kann man eigentlich keinen ihrer Gedichtbände, die man ohne Übertreibung alle als Meisterwerke bezeichnen darf: „Hundert Freuden“ (1967), „Alle Fälle“ (1972), „Die große Zahl“ (1976), „Kinder der Zeit“ (1986) oder die Spätwerke „Der Augenblick“ (2002) und „Doppelpunkt“ (2005).

Interviews hat die Dichterin kaum gegeben, in der Öffentlichkeit war sie scheu und bescheiden. Auf die Frage nach dem ernsten Subtext ihrer Lyrik, entgegnete Szymborska: „Wenn ich schreibe, habe ich immer das Gefühl, jemand steht hinter mir und schneidet Grimassen. Deshalb hüte ich mich, so gut ich kann, vor großen Worten.“ Dies ist in der polnischen Literatur, die sich traditionell als Bewahrerin nationaler Kultur und Identität sieht, beachtenswert.

Auch nach der überraschenden Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1996 blieb Szymborska sich treu. Immerhin fand die Presse heraus, dass sie zwei spezielle Hobbys pflegte: Limmericks schreiben und alte Postkarten sammeln. In Polen, wo die Poesie in der Wertschätzung höher als das Erzählen steht, war die Zehntausender-Erstauflage ihrer neuesten Gedichtbände meist nach einer Woche ausverkauft.

Federleicht, trauerschwer

Was also macht Szymborskas Lyrik so besonders? Eine mögliche Antwort hat sie selbst gedichtet: „Nimm mir nicht übel, Sprache, daß ich pathetische Worte entlehne/und mir dann Mühe gebe, sie leicht erscheinen zu lassen.“ Alltägliche Dinge führt uns die Dichterin vor Augen. Genau beobachtet, mit Lust an der Beschreibung, die Melancholie durch ein Lächeln becirct, ohne jegliches Raunen, aber mit virtuosen Metaphern. Erst auf den zweiten oder dritten Blick, gut versteckt, entdeckt man den metaphysischen Boden, nicht selten auch Schmerz und Trauer. Beides, das Einfache, Sichtbare und das Tiefe, Ernste sind gleich wertvoll. Ja, es bedingt sich sogar.

Der Ausgangspunkt aller ihrer Gedichte blieb immer die Verwunderung, das Staunen. Nichts ist für Szymborska selbstverständlich, alles im wahren Wortsinn merkwürdig. Individualität geht ihr dabei über alles, als Form und als Haltung: „Die Nullen einzeln sind mir lieber/als zur Schlange an eine Ziffer gehängt.“

Am Mittwoch ist Wislawa Szymborska im Alter von 88 Jahren in ihrem Haus in Krakau gestorben. Straßenbahnen und Busse in ihrem Heimatort fahren seitdem mit Trauerflor. Vor den öffentlichen Gebäuden sind die Fahnen auf Halbmast gehisst.

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