"Ich bin nicht, ich werde"

Alexander Kissler über Person und Werk des hochmütig-demütigen Schriftstellers Rudolf Borchardt

Von GREGOR EISENHAUER

Es ist schon erstaunlich, wie viele Autoren derzeit unbefangen "Ich" sagen - als wüssten sie wirklich, wer gemeint ist. Diese inflationäre Entwertung des Künstler-Egos, die selbst Retortenstars als Autoren gelten lässt, obwohl sie ohne Schreibhilfe kaum ihre Bücher signieren könnten, stärkt eine Spekulation, die Joseph Beuys einst anstellte: Jeder Mensch ist ein Künstler. Da dieser Satz aber Unfug ist, geht ein Gespenst um im Land - der Ghostwriter. Er ist der Insolvenzverwalter der Postmoderne, die ihren Kindern kaum mehr hinterließ als eine Endlosrecherche über einen Zauberlehrling - und wer kann wirklich sicher sein, ob die Potter-Serie nicht längst von einem Autorenkonsortium verfasst wird?

Die Suche nach dem Autor-Ich scheint in diesen Zeiten kaum sinnvoller als einen Clownfisch im Ozean aufzuspüren - und dennoch gibt es, wie Alexander Kissler am Beispiel Rudolf Borchardt (1877 bis 1945) zeigen kann, gute Gründe, es dennoch zu tun. Gralshüter des wahren Worts, Meister des Kapriziösen oder einfach nur ein vorlaut Vorgestriger - über Borchardt und sein Werk kursieren unzählige Klischees, die allesamt nichts taugen, weil sie außer acht lassen, dass er seiner selbst keineswegs so sicher war, wie er andere gern glauben ließ.

Denn auch wenn kein anderer sich so trotzig als Kritiker seiner Zeit aufführte und mit so ungeheuerem Hochmut "Ich" sagte, im Sinne von "Ich-gegen-euch-alle", so hat auch kein anderer sich so kleinlaut und demütig gezeigt: "Ich habe nicht, ich werde gehabt. Ich bin nicht, ich werde."

Persönlichkeit ist ein Spannungsphänomen, und spannungsreicher, das kann Alexander Kissler in allen erdenklichen biographischen Konfigurationen nachweisen, ist kaum ein anderes Dichterleben zwischen den Kriegen gewesen. Ein deutscher Jude, der beides hinter sich lassen wollte, Religion und Nation, der sich selbst expatriierte aus Überzeugung, und es dann doch nicht lassen konnte, den beiden, von ihm auserwählten Völkern von Italien aus die Leviten zu lesen. Und das um so erboster, als er sich auf verlorenem Posten sah, immer ein Fremder, wohin er auch kam, denn die eigentliche "Heimat ist die Vergangenheit".

Wer so denkt, der umstellt sich mit Spiegeln und geht nie ohne Kostüm. Vielfach wurden deshalb seine Auftritte mit einem Lächeln quittiert, im literarischen Leben wie im Privaten, denn Borchardt ist kein Redender, sondern ein prophetisch Zürnender, kein Liebender, sondern ein Minnender. Unzeitgemäß also, und genau deshalb, weil er gern mit angelegter Lanze gegen Windmühlenflügel anreitet, leidet er unter erhöhter Verletzungsgefahr - was er selbst wiederum mit anrührend naivem Erstaunen quittierte, den Umstand nämlich, "dass man aus allen Verhältnissen zu Menschen nicht einmal sich selber unverletzt zurückbringt".

Wie will man sich dann aber dem anderen zeigen können? Doch immer nur mit Maske, und ist die eine verbraucht, folgt die andere. Borchardt diente 25 Jahre dem Werk Dantes, das er in eine Sprache übersetzte, die seine eigene war, ein erfundenes Deutsch, das kein Publikum fand und nie eines finden wird. Er flüchtete sich in die Rollenspiele des Dramas, des Versepos, der Rede, seine Schriften kursierten in eingeweihten Kreisen - aber der Applaus des Publikums blieb aus. Das wiederum spornte Borchardt an, er emigrierte nicht, was die ärmlichste Behausung für einen Dichter darstellt, in die Innerlichkeit, sondern wurde zum "Lobpreiser der sinnlichen Dinge". Die Villa, der Garten, die Landschaft - Borchardt widmete viele seiner Schriften dem, was er sah, und er sah genauer als andere. Auch wenn er dabei zuweilen seinem Talent zur politischen Realitätsverkennung erlag und beispielsweise im Interesse biedermeierlichen Wohlfühlens eine Zuzugssperre für Städte über 100 000 Einwohner forderte.

"Borchardts Werk lässt sich als Abfolge von Kniefällen lesen." Das ist eine stimmige Lesart, zumal Alexander Kissler nicht außer Acht lässt, wie die gewollte Selbsterniedrigung gegenüber Zeiten, Räumen und Dingen geradezu die Emphase einer fortwährenden Ich-Erhöhung im sakralen Ton erzwingt. Literatur ist Selbstbeschwörung, die sich in Worten vollziehen muss, aber die richtigen Worte findet nur, wer sich im Angeschauten wieder erkennt und sich vom Fremden in der Welt zum Freund wandelt - ganz als gäbe es für Dichter eine "Heimkehr hinter die Dinge". Was man sich darunter vorzustellen hat? Nichts, nichts Konkretes zumindest, denn was sollte hinter den Spiegeln sein?

Alexander Kisslers Studie leidet etwas darunter, dass sie alles zugleich versucht: den Autor als Person bekannt zu machen, sein Werk vorzustellen und ihn, behutsam, als Dichter philologisch zu exhumieren. Und er vermeidet eine letzte Aufklärung über die ja durchaus produktive Paradoxie seines Vorgehens, ein Autor-Ich "systematisch" rekonstruieren zu wollen, so als fände sich hinter den Texten ? ja wer? Ein gesunder, ein integraler Rudolf Borchardt?

Borchardt hatte bedeutende Fürsprecher, ob Stefan George oder Theodor W. Adorno, es herrschte bei Anhängern wie Gegnern immer Einigkeit darüber, dass er in manchen seiner Gedichte und Prosastücke einen besonderen Ton gefunden hatte. Alexander Kissler nimmt zu Recht an, dass diese Eigenheit herrührt aus der für "Borchardts Subjektbegriff entscheidenden Ambivalenz zwischen Individualität und Klischee". Diese Ambivalenz ist philologisch nicht vollends auflösbar, daran mag man verzweifeln.

Aber andererseits ist es nicht die Aufgabe der Literaturwissenschaft zu ergrübeln, was denn - so Kisslers finale Frage - "eines jüngsten Tages" geschieht, wenn die letzten Masken fallen. Wenn es denn tatsächlich dazu käme, sollte man sich einfach diskret abwenden und es bei dem nüchternen Fazit Borchardts belassen: "Wir sind nicht, was wir sind."

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