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Das Autobiografische, schreibt Zadie Smith, sei praktisch an ihr vorbei in ihre Bücher geschlüpft.

Essays

Zadie Smiths „Freiheiten“: Ein Gespräch über sich und Philip Roth

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„Freiheiten“: Die literarischen und politischen Essays der britischen Autorin Zadie Smith.

Wir Fans erwarten im Oktober Zadie Smiths Sammlung von Kurzgeschichten aus zwei Jahrzehnten „Grand Union“. Danach soll ihr erster historischer Roman erscheinen, „The Fraud“. Es heißt, er spiele in London zwischen 1830 und 1870. Bis dahin schwelgen wir in ihren Essays und fallen Freunden damit auf den Wecker, dass wir ihnen erzählen von Zadie Smiths Scharfsinn, ihrer Offenheit.

Lesen Sie von den 31 Artikeln unbedingt die Philip-Roth-Vorlesung von 2016. Sie hat den Titel „Das Ich, das ich nicht bin“. Diese sechs Wörter könnten über fast allem stehen, das Philip Roth geschrieben hat. Also denkt man, aha, sie spricht über ihn und blättert weiter. Aber sie spricht über sich und ihre Schwierigkeiten, über sich zu sprechen.

Romane schreiben und sich über sich selbst klar werden

Sie befand sich lange, erklärt sie, auf der Flucht vor der ersten Person Singular. In ihrem Roman „Über Schönheit“ zum Beispiel habe sie einen so erhabenen Dritte-Person-Singular-Ton angeschlagen, dass man ihn fast für viktorianisch hätte halten können. Für sie war das Schreiben von Romanen nie ein Weg, sich über sich selbst klar zu werden. Sie schrieb sie auf der Flucht vor sich selbst.

Aber jetzt merkt sie, dass in ihren Büchern sich durchaus Autobiografisches finden lasse. Es sei aber an ihr vorbei hineingeschlüpft. Das ärgert sie auch ein wenig, denn sie hält sich viel darauf zugute, eine rationale Autorin zu sein, die es verstehe – sie unterrichtet schließlich kreatives Schreiben –, die Kontrolle über ihren Schreibprozess zu behalten und vernünftige ästhetische Entscheidungen zu treffen.

Mit einem Mal kippt der Vortrag und sie gibt zu, dass sie selbst beim Lesen der Bücher der anderen den gleichen „Fehler“ macht wie wir einfachen Leser: Sie sucht im Roman das wirkliche Ich des Autors. Damit ist sie bei Philip Roth, der ja nie abließ vom Spiel der Ichs.

Philip Roth sein und mit Philip Roth nichts zu tun haben

Zadie Smith: Freiheiten. Essays. A. d. Engl. von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 512 S., 26 Euro.

Literatur ist der Ort, schreibt sie, „an dem ,Portnoy‘ zugleich ganz und gar Philip Roth sein und mit Philip Roth nichts zu tun haben kann“. Diese Spannung müssen Autor und Leser aushalten. In dieser Spannung lebt der Roman „Portnoys Beschwerden“. Zadie Smith schreibt den schönen Satz, für den wir jetzt, kurz vorm 50. Jahrestag der Mondlandung, besonders gespitzte Ohren haben: „1969 ist es zwar möglich, zum Mond zu fliegen oder sich die atomare Auslöschung vorzustellen, aber es war nicht möglich in dieser Welt Portnoy zu sein.“ Literatur sei dazu da, solche Möglichkeiten zu erfinden, erklärt Smith.

Niemand bestreitet einem Portnoy noch die Möglichkeit seiner Existenz. Niemand hält ihn für die Ausgeburt antisemitischer Fantasie, wie Gershom Scholem das damals sah. Man kann seine Kritik in dem gerade bei Suhrkamp erschienenen Band „Poetica“ nachlesen. Die Vorstellung, Intelligenz schütze einen vor Dummheiten, ist selbst eine.

Zadie Smith erklärt dagegen: „Indem Roth auf eine ganz bestimmte, auf ambivalente, literarische Weise ,Ich‘ sagte, hat er durch Portnoy eine neue Art ,Ich‘ in der Welt möglich gemacht, ein Geschenk der Freiheit, das von einer ganzen Generation Schreibender, von Millionen Lesenden und schließlich sogar von einer weltweiten Gemeinschaft aufgenommen wurde.“ Wir leben in einer Welt, die von Portnoy berührt und dadurch verändert wurde.

Jeder von uns bewegt sich in vielen Welten.

Es ist immer richtig zu sagen, Literatur verändere nicht die Welt. Es ist naiv, das von ihr zu verlangen. Der Autor, der sie dazu benutzen möchte, wird scheitern. Aber manchmal, wenn niemand daran denkt, passiert es doch: Dann ahmt das Leben die Kunst nach.

Jeder von uns bewegt sich in vielen Welten. Oft verbarrikadieren die sich gegeneinander. Das zwingt uns, hin und her zu gehen. Wir können zerrissen werden dabei oder aber einen Weg ins Freie finden. So wie ein Autor Ich ist und zugleich auch das Ich, das ich nicht bin.

Ob er das alles in der ersten Person Singular aufschreibt oder flieht in die dritte, ist nicht so wichtig. Es kommt darauf an, was er von seinen Überquerungen mitbringt und was wir Leser daraus machen. Wir können Sätze von ihm klauen, wir können wie Portnoy in die Welt hineinschreien, dass wir onanieren. Diese Verstöße gegen den jeweils geltenden guten Geschmack gehören zur Menschwerdung dazu. Wichtiger aber scheint mir, dass wir dem Autor, der Autorin abgucken, wie sie sich bewegen, wie sie es schaffen, sie selbst und ganz anders zu sein. Fiktiv und real. Die Fiktion der Wirklichkeit wird durchstoßen mit der Wirklichkeit der Fiktion. Es kommt dabei – das kann man von Zadie Smith lernen – nicht so sehr auf die Ergebnisse als vielmehr auf diese Bewegung selbst an.

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