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Blick nach Syrien: Grenzanlagen auf den Golanhöhen mit der Attrappe eines israelischen Soldaten.
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Blick nach Syrien: Grenzanlagen auf den Golanhöhen mit der Attrappe eines israelischen Soldaten.

Nir Baram

„Ich möchte nicht in einem Ghetto leben“

Der israelische Bestsellerautor Nir Baram wirft Netanjahu vor, mit der Angst vor dem Iran Politik zu machen. Sein neuer Roman „Gute Leute“ erscheint jetzt auf Deutsch.

Der israelische Bestsellerautor Nir Baram wirft Netanjahu vor, mit der Angst vor dem Iran Politik zu machen. Sein neuer Roman „Gute Leute“ erscheint jetzt auf Deutsch.

Sein erstes Buch schrieb Nir Baram als 21-Jähriger. Jetzt ist der Israeli, dessen Vater und Großvater Minister der Arbeitspartei waren, 35 Jahre alt und wird als Autor in einem Zug mit Amos Oz und David Grossman genannt. Sein jüngstes Werk „Gute Leute“ wurde in 13 Länder verkauft und erscheint gerade auf Deutsch. Die FAZ verglich ihn mit Dostojewski, was Nir Baram amüsiert. Der Unterschied zwischen ihm und Dostojewski sei so groß wie der zwischen Lionel Messi und irgendeinem Fußballspieler. Allüren liegen ihm nicht. Dafür teilt er viel zu sehr die sozialen Nöte der Tel Aviver. Hunderte Bücher hat er in seiner Wohnung, die er mit seiner Freundin teilt, in Blechregalen verstaut. Das spart Platz und Geld. Die exorbitanten Mieten im Zentrum von Tel Aviv können sie nicht mehr bezahlen. Umso entschiedener unterstützt Nir Baram die soziale Protestbewegung in Israel. Auch im Konflikt mit den Palästinensern positioniert er sich klar links. Sich politisch einzumischen, gehört für Nir Baram dazu. Zuletzt warnte er gemeinsam mit Amos Oz und Co in einem öffentlichen Brief Premier Benjamin Netanjahu vor einem Präventivangriff gegen Iran.

Was hat Sie zu dem Appell gegen einen Krieg mit Iran veranlasst?

Wir fürchten, dass der Premier am Ende zu seinen Erklärungen stehen wird und tatsächlich Iran angreift. Wir halten das für falsch und verlangen eine öffentliche Debatte über einen solchen Schritt. Sie darf nicht den Militärexperten überlassen bleiben.

Immerhin, die meisten Israelis – laut Umfragen über sechzig Prozent – sind gegen einen militärischen Alleingang.

Sie haben Angst vor den Konsequenzen, nämlich in der Reaktion iranische Raketen abzubekommen. Angenommen, das Problem mit Iran entschärft sich, die Amerikaner erzielen irgendein Abkommen mit Teheran. Was dann? Ohne die iranische Bedrohung ist Netanjahu am Ende. Auf alle anderen Probleme wie den Konflikt mit den Palästinensern, die soziale Frage, hat er keine Antwort. Netanjahu kann die iranische Karte zwar auch ohne Angriff zücken, aber nicht auf Dauer. Er hat keine politische Vision. Alles nur zu belassen wie es ist, reicht nicht.

Solange die iranische Bedrohung im Raum steht, haben weder soziale Proteste noch die Forderung, die Besatzung palästinensischer Gebiete zu beenden, eine Chance, oder?

Das ist unsere Herausforderung: die soziale Frage mit der Frage der Besatzung zu verknüpfen. Wir müssen den Israelis klar sagen, die Besatzung korrumpiert uns, unsere Werte, unsere Jugend. Der latente Rassismus gegenüber allen Nicht-Juden, Arabern wie ausländischen Gastarbeitern, resultiert daraus. Wir brauchen eine neue kulturelle Identität – eine Gesellschaft, die sich nicht in erster Linie jüdisch definiert sondern israelisch; eine, die Juden, Araber und Ausländer mit einschließt. Ich will nicht in einem Ghetto leben. Ich möchte meine Kinder in eine Schule schicken, die auch ein Palästinenser-Junge aus Jaffa oder der Sohn eines ausländischen Arbeiters besuchen.

Das deckt sich nicht gerade mit den Vorstellungen der israelischen Mehrheitsgesellschaft.

Ich halte das vergangene Jahrzehnt in Israel für ein komplett verlorenes. Seit der Zweiten Intifada sind wir nicht vorangekommen. Wenn man die israelische Angst vor Iran näher betrachtet, hat sich nichts geändert. Die Propaganda der Angst und die Bereitschaft, ihr zu folgen, ist ein Riesenproblem. Damit sind wir aufgewachsen und darum ergreifen wir keine positive Initiative, um unsere Lage im Nahen Osten zu verändern. Dabei ist es dringend nötig, weniger auf apokalyptische Szenarien zu geben und unsere Antennen neu auszurichten.

Wo soll eine solche Initiative herkommen? Netanjahus Politik flößt eher noch mehr Angst ein.

Netanjahu ist nicht schuld, er repräsentiert nur Israels gegenwärtige Gesellschaft. Auch wenn er in manipulativer Weise von der Angst Gebrauch macht. Eines halte ich ihm zugute: Er ist in jeder Faser ein Kind des Holocaust und aufrichtig überzeugt von einer existenziellen Bedrohung aus Teheran. Aber unsere junge Generation, jene, die die sozialen Proteste anführt, lässt sich damit nicht länger abspeisen. Wir glauben an anderes. Wir fühlen uns den Jungen in anderen Ländern nahe. Wir teilen ihre Ideen, die Gesellschaft zu verändern. Tatsächlich befinden wir uns politisch an einem sehr interessanten Punkt, wo Netanjahu und seine Generation noch die Macht haben, aber in der Unterströmung vieles in Bewegung geraten ist.

Als erster israelischer Schriftsteller setzen Sie sich intensiv mit den Mitläufern in der NS-Zeit auseinander. Die beiden Hauptpersonen in Ihrem Roman „Gute Leute“ sind der ehrgeizige wie opportunistische Thomas Heiselberg aus Berlin und die Russin Alexandra Weißberg, die sich mit dem stalinistischen Regime gemein macht, um ihre eigene Haut zu retten. Was finden Sie an diesen zweifelhaften Charakteren so fesselnd?

Wer diese Charaktere nur verachtet, macht es sich zu leicht. Meine beiden Hauptfiguren sind nicht einfach nur Verräter, sondern komplizierte, hochintelligente Persönlichkeiten, die nicht mal an die offizielle Propaganda glauben. Thomas ist kein Eichmann. Er versteht, wie gefährlich das Regime ist und lebt gedanklich in seiner eigenen Welt. Einige seiner Qualitäten – ebenso die von Alexandra – sind durchaus zu schätzen. Sie sind keine Monster. Mir geht es nicht um Schuld und das Böse, mir geht es um Fragen der persönlichen Verantwortung. Ich möchte, dass das Buch die Diskussion komplexer macht und sie mit unserer Zeit verknüpft.

Wie haben die israelischen Leser darauf reagiert? Ihr Buch war ja in Israel bereits ein Bestseller.

Das große Interesse und Verständnis der Leser haben mich wirklich überrascht. Selbst Holocaust-Überlebende waren darunter. Einige haben mir gesagt, genau solche Leute wie Thomas gekannt zu haben.

Hat Ihre eigene Familiengeschichte mit dem Buch zu tun?

Nein, meine Eltern hatten keine direkte Erfahrung mit der Schoah. Meine Mutter gehörte einer alten sephardischen Familie in Jerusalem an. Mein Vater wanderte vor dem Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine ein. Wenn meine Eltern Holocaust-Überlebende wären, hätte ich „Gute Leute“ nicht schreiben können. Selbst mir fiel es ungeheuer schwer, die Vertreibung der Lubliner Juden aus der Perspektive von Thomas zu erzählen. In Israel sind wir alle in gewisser Weise Angehörige einer Holocaust-Familie.

Woher kommt dieses Interesse im Land der Opfer für die Seite der Täter?

Wenn man Genozid in der Geschichte erforscht, stößt man immer wieder auf Mitläufer, die nicht mal ideologisch besessen sind. Sie haben Angst um ihre Familien, ihr Gehalt, ihre schmale Existenz. Natürlich kann man über die fünf Prozent in der Gesellschaft schreiben, die sich widersetzen. Aber die meisten passen sich an, machen mit. Einer hat mal gesagt, man kann die Hitlers und Himmlers loswerden, aber die Speers, die sich beruflich in den Dienst des jeweiligen Regimes stellen, wird es immer geben.

Das Gespräch führte Inge Günther.

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