Rezension

„Ich möchte ein menschliches Wesen sein“

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I. B. Singers melancholischer Kolportageroman „Jarmy und Keila“ erstmals in Buchform.

Es kam selten vor“, heißt es hier, „dass eine Frau, die schon in drei Bordellen gearbeitet hatte, noch heiratete, und dazu einen gebildeten Mann, einen Halbintellektuellen wie Jarmy Stachel.“ Dies sei, lesen wir weiter, „ein Omen für alle Warschauer Huren, nicht die Hoffnung aufzugeben, ein Zeichen, dass die Liebe noch immer die Welt regierte, auch wenn man bis zum Kinn im Sumpf versank.“

Der Schriftsteller Isaac Bashevis Singer erzählt diese Geschichte von „Jarmy und Keila“ in seinem melancholischen Kolportageroman aus dem jüdischen Getto im russisch besetzten Polen des Jahres 1911. Allein schon die Namen der Halb- und Unterweltfiguren fügen sich zusammen als wär’s ein Gedicht von Billy Wilder: Itsche Einauge, Schmul Schmand, der Lange Leibusch, Mordkele Feuerbrand, Shaya Schläger, Noah Schaufel.

Der Roman ist eine Fundsache. Jan Schwarz, Jiddisch-Experte an der Universität Lund in Schweden, schreibt im Nachwort, dass der Text vom 9. Dezember 1976 bis 7. Oktober 1977 in Fortsetzungen im jiddischen „Forverts“ erschienen ist. Wie schon so mancher Singer-Text zuvor. Doch bis zum Jahr 2019 hatte der Roman es nicht in eine Buchform geschafft. Jan Schwarz bringt dies in einen Zusammenhang mit dem Nobelpreis für Literatur, den Singer 1978 erhalten hatte. Offenbar passte in jener Zeit eine Veröffentlichung von „Jarmy und Keila“ nicht ins Publikationskonzept, da Singer gerade erst mit dem Roman „Schoscha“ eine „beinahe perfekte Memoralisierung der zerstörten polnisch-jüdischen Gemeinde“ geliefert hatte. So lagerte das Manuskript bis vor kurzem im Singer-Archiv im amerikanischen Texas.

Dies noch am Rande: Der „Forverts“ hat soeben, im April 2019 und damit 122 Jahre nach dem Start, seine Print-Ausgabe eingestellt und erscheint künftig nur noch online.

Isaac Bashevis Singer, 1902 in Polen geboren und 1991 in Florida gestorben, lässt in „Jarmy und Keila“ kaum eine Abweichung von der bürgerlichen Moral unerwähnt. Dabei neigt er keineswegs dazu, das Milieu in und um die berüchtigte Krochmalna-Straße im Warschauer Getto zu romantisieren. Ganz im Gegenteil. Keila kriegt sehr wohl mit, dass ihr bisheriges Leben nicht das ideale war. Aus dem Sumpf der Prostitution will sie raus. Und glaubt tatsächlich, dass Jarmy dafür der rechte Partner ist. Der Ehemann aber setzt auf eine angeblich vortreffliche Geschäftsidee des Lahmen Max: Der Plan ist, einen Bordellbetrieb in Südamerika aufzubauen. Keila sagt: „Ich möchte ein menschliches Wesen sein, keine Ware.“ Darauf Max: „Darüber reden wir noch.“

Tragikomisch ist das Geschehen nicht selten. Und dessen Dreh- und Angelpunkt ist Keila. Eine Frau mit Prinzipien: Sie trinkt zwar ein bisschen viel, was dann immer heftige Folgen hat, aber als gläubige Prostituierte ehrt sie die Feiertage: „An Jom Kippur bin ich enthaltsam geblieben, auch wenn der Zar persönlich gekommen wäre.“ Dann entdeckt sie ihre große Liebe – Bunem, weil der so vertrauensvoll mit ihr gesprochen hatte. Und auch diesen Sohn eines Rabbis (wie Singer einer war) haut es um. Aber was soll nun aus seinem Tora-Studium werden?

Dann fliehen die beiden nach New York, wo das Migranten-Leben kein leichtes ist. Als reine und ziemlich naive Seelen haben sie da längst schon unsere uneingeschränkte Sympathie gewonnen. Zumal wenn Keila einen so schönen Satz wie diesen sagt: „Ach, ich sitz hier und kann mich gar nicht denken hören bei dem ganzen Krach und Durcheinander.“

Singers Roman hat ein flottes Tempo und ein dichtes Ereignis-Netz. Das liegt selbstverständlich daran, dass dies ein Fortsetzungsroman war, der Folge für Folge die Zeitungsleser packen musste. Der Autor macht sich einen Spaß daraus, auf diese Textform zu verweisen. Seine Gauner sind kritische Leser von Fortsetzungsromanen und mögen keine Übertreibungen: „Die Schmierfinken schrieben auf Teufel komm raus“, urteilt der Lahme Max, „nichts als Luftschlösser.“ Tatsächlich aber bleibt Singers Fortsetzungs-Roman auf dem Boden. Und Luftschlösser bauen sich höchstens die handelnden Personen, deren Psychostruktur differenziert geschildert wird.

Was „der wahre Zweck“ seiner Geschichten sei, hat Singer einmal erläutert. Zwar könne kein Mensch Tote wiederbeleben, aber „ich wollte wenigstens in der Literatur diejenigen ins Leben zurückholen, die ausgelöscht worden waren.“ Das gelingt ihm hier mit Keila und Bunem und Jarmy auf überzeugende Weise. Ein Roman um Glaube, Liebe, Hoffnung und Enttäuschung. Eine glückliche Entdeckung.

Das Buch

Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila.
Roman. A. d. Engl. v. Christa Krüger. Jüd. Verlag / Suhrkamp, Berlin 2019. 464 S., 26 Euro.

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