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„Die Geschichten sickern ein in meine Träume“, sagt Zaimoglu: Die Japanerin Micari als Antigone in Avignon.

Feridun Zaimoglu

Kampfansage an Anti-Feministen

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Feridun Zaimoglus Roman „Die Geschichte der Frau“ ist seine „Kampfansage an Männer, die von einer Männerdiktatur träumen“.

Feridun Zaimoglu verbringt den Frauentag in Berlin. Das Literaturhaus hat ihn für diesen Feiertag zur Buchpremiere eingeladen, denn sein neuer Roman heißt „Die Geschichte der Frau“. Wir sind im Café verabredet, Zaimoglu ist pünktlich, müht sich allerdings noch, ein Telefongespräch zu beenden.

Herr Zaimoglu, guten Tag!
Das war meine Schwester, ich hab’ ihr gesagt, dass ich mich verspäte.

Ach was, Sie sind ja hier. Ihr neues Buch ist laut Aufdruck ein Roman, aber es besteht aus Geschichten. Mir ging es so, dass ich es nicht gut hintereinander lesen konnte, sondern Zeit zwischen den Abschnitten brauchte.
Ich möchte auch, dass man jede Frau nicht einfach nur als Kapitel wahrnimmt. Dem Buch ist ja etwas vorangestellt.

Ein Motto.
Da steht: Nach ihren Siegen lernten die Männer, Ruhmestaten zu erdichten. Sie schrieben, sich erlügend, ihre Sagen. Dies ist der Große Gesang, der ihre Lügen tilgt. Es spricht die Frau. Es beginnt.

Ihr Roman ist nur ein Anfang?
Ja, wenn ich mich hinsetze und zwanzig, dreißig, vierzig Frauen würdigte in einem großen voluminösen Buch, dann würde ich mir völlig zu Recht den Vorwurf der Unvollendetheit einhandeln.

Es sind ja auch keine Lebensläufe, sondern Momente aus dem Leben dieser Frauen.
Szenen. Es ist sofort Gegenwart. Die Leser sind im ersten Satz schon im ersten Bild der Szene.

War immer klar, dass Sie die jeweilige Frau selbst sprechen lassen?
Ja. Männer, die über Frauen sprechen und schreiben, sind mir suspekt. Das habe ich oft genug gelesen. Ich muss also großen Aufwand betreiben, ich muss verschwinden und die Frau sein. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Aber ich kann mich sowieso nicht aufteilen in den Schreiber und in den Zivilisten. Für manche bin ich vielleicht zu anstrengend, wenn ich von meinem Leben spreche – und die eine Frage zur Literatur gestellt haben. Das ist nicht auseinanderzuhalten.

Wenn Sie ein Buch schreiben, leben Sie es auch?
Ja. Ich habe lange gebraucht, um festzustellen, dass ich eine lächerliche Figur bin. Ich gebe einen feuchten Kehricht auf mein Ich, auf die souveräne Person.

Schon in Ihrem ersten Buch „Kanak Sprak“ haben Sie andere Menschen zu Wort kommen lassen. War denn die Entscheidung, Autor zu werden, die Verabschiedung von Ihrem Ich?
Halleluja. Besser könnte ich es nicht sagen. Ich habe gesehen, dass Selbstfindung, Selbstverwirklichung für mich nicht wünschenswert sind. Ich möchte keine Identität von fester Konsistenz.

Dann sind Sie jetzt der Feminist und waren vorher jemand anders?
Ich anverwandle mich. Mal in einen gescheiteren Börsenspekulanten, mal in einen Maler, mal in Figuren an den Randgebieten der Gesellschaft. Aber hier ist das eine existenzielle Geschichte. Mit Frauenrechten kann man nicht spaßen. Die Selbstetikettierung eines Mannes als Feminist halte ich für widerwärtig.

Entschuldigung!
Das liegt im Urteil der Frau. In dieser männergemachten Welt haben wir es ständig mit Bekenntnissen zu tun. Deshalb soll man es mir nachsehen, wenn ich jetzt nicht wieder ein Bekenntnis absondere. Aber eines ist sicher: Der Feminismus ist keine saisonale Angelegenheit. Es ist ja auch nicht so, dass ich zum ersten Mal auf dem Papier mein Geschlecht wechsele. Ich habe das mit „Leyla“ und mit „Isabel“ gemacht. Also, es ist eine Herzensangelegenheit.

Wie haben Sie sich für die Figuren über die Jahrtausende entschieden? Haben Sie Listen geführt und dann weggestrichen?
Ich wusste, über Marlene Dietrich und Romy Schneider werde ich nicht schreiben, über sie wurde schon so viel geschrieben. Ich habe natürlich Wochen darüber nachgedacht. Es müssen Frauen der Dichter und wirkliche Frauen sein. Und ich wollte unbedingt Frauen, die für die Konstitution der Idee vom Abendland und von Europa über die Vermittlung der Männer bestimmend waren.

Deshalb sind keine asiatischen oder lateinamerikanischen Frauen dabei.
Ja, alles spielt sich im Westen ab, im ideellen Westen. Warum? Erstens lebe ich hier. Und zweitens glaubt man hier, Frauen haben genug Rechte, und was noch nicht so toll ist, kann man über Quoten regeln. Man behandelt die Frauen immer noch wie eine Minderheit. Die Rede über „die Frauen“ ist wie die Rede über Eingeborene im Reservat.

Obwohl es die Hälfte der Gesellschaft ist.
Bin ich ein Hysteriker, wenn ich das feststelle und sage: Geht’s noch? Ich sehe schon, dass die Frauen bei uns besser gestellt sind als die Frauen in den muslimischen Ländern. Aber ich sehe nicht, dass die Geschichte ein Ende hat.

Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen?
Ich verschanze mich nicht hinter meinem bürgerlichen Leben. Ich lasse mich darauf ein, bis ich den Ton habe. Die Geschichten sickern ein in meine Träume. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und schreibe etwas auf. Langsam sehe ich die Bilder, übersetze sie in Worte. Ohne dass ich die Worte ausspreche, höre ich sie. Mein Arbeitsgerät ist kein Computer, sondern eine elektrische Schreibmaschine. Ich schreibe Zettel voll mit Szenen, Dialogfetzen. Ich erlebe auch Rückschläge, erst nach Wochen steht eine Geschichte. Und dann muss ich mich abwenden, um langsam mich mit der nächsten zu beschäftigen.

Warum haben Sie im Buch sowohl reale als auch erfundene Frauen? Ich denke an die Fabrikantentochter in der 1848er-Revolution, die auf Friedrich Engels trifft.
Es sind Frauen, die für ihre Zeit stehen. 1848 hat man sich gefreut, eine Nationalversammlung zu haben. Aber es war keine einzige Frau dabei! Es wird schwieriger, je weiter wir zurückschauen. Judas hatte natürlich wie alle anderen Apostel eine Frau. Paulus haben wir die Geschichtsfälschung zu verdanken, dass sie nicht vorkommen.

Das ist in Ihrem Buch Judith, die am 6. Tag nach der Auferstehung Jesu spricht.
Ja. Auch von den zwei Schwestern von Jesus, im Lukas-Evangelium noch erwähnt, ist sonst keine Rede. Zu jeder Phase der Geschichte können wir diese Fälschungen nachweisen. Seit vierzig Jahren beschäftige ich mich mit den Religionen. Es war immer so, dass der Mann die Welt nach seinen Vorstellungen missgestalten will.

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Wie haben Sie recherchiert? Sie greifen ja wohl nicht auf eine in 40 Jahren gewachsene Materialsammlung „Frauen“ zurück.
Natürlich kenne ich die Bibel. Und das Buch sollte bei Moses anfangen, um zu zeigen, dass die Frauen immer ins Unrecht gesetzt worden sind. Ich habe auch für die Passionsspiele von Oberammergau ein Moses-Stück geschrieben. Das heißt: Ich war im Bilde. Und dann ist es tatsächlich so, dass ich entscheidende Bücher zu Hause habe. Ich investiere jeden Überschuss in Bücher. Ich musste mich vertiefen. Und ein bisschen Fantasie muss ich als Schreiber auch noch haben.

Jetzt hatten wir den Anfang. Warum setzen Sie die Warhol-Attentäterin Valerie Solanas als Endpunkt? Die ist doch eher eine tragikomische Gestalt. Auf mich wirkt sie durchgeknallt.
Mir ist sie sehr sympathisch. Ich finde sie wegweisend. Sie hat nicht geschwätzt, sondern ist zur Tat geschritten. Andy Warhol, der zur Ikone erhoben wurde, war nicht unbedingt treu, was sein Verhältnis zu Frauen betrifft. Valerie Solanas hat gesehen, dass dieser Warhol, ob schwul oder nicht schwul, Frauen erniedrigt, sie nicht ernst nimmt, sie benutzt, ein Egoist allererster Güte. Dann hat sie das Manifest SCUM geschrieben, also für die Gesellschaft zur Zerstückelung von Männern. Ich habe darin nicht einen einzigen falschen Satz gelesen. Sie mag uns Männer nicht.

An Ihnen hätte sie Gefallen gefunden. Aber Sie ist 1988 gestorben.
Nein! Sie würde mir beide Hände abhacken. Weil sie mich für einen Mann hielte, der versöhnend die Hände ausstreckt. Das hat sie gehasst. Man hat Solanas als irre dargestellt, als Psychopathin. Aber was sie nach der Verhaftung sagte, war: Lest mein Buch. Das kann man immer noch lesen.

Warum hören Sie mit ihr auf? Sie hätten ja auch bis zur Schauspielerin Alyssa Milano gehen können, die MeToo mit in die Welt brachte?
Ich hatte tatsächlich überlegt, ob ich in der Zeitleiste noch weitergehe. Aber dann wäre ich abgekommen von dieser schönen Radikalität. Und je heutiger man wird, desto größer ist die Gefahr, dass man als Schreiber zum Biografen wird.

Außerdem wäre das Buch noch viel politischer geworden.
Es ist natürlich vornehmlich ein literarisches Buch. Und es ist eine Kampfansage an Männer, die von einer Männerdiktatur träumen. Das kann religiös verbrämt sein wie beim Islamismus oder den Evangelikalen in den USA. Es kann politisch daherkommen wie die neue Heimatlichkeit. Wenn Sie sehen, welche Rolle die Neuen Rechten den Frauen zudenken. Eine Gesellschaft kann nur dann frei sein, wenn die Frau bestimmt, wen sie küssen will.

Wenn die Frau genauso wie der Mann bestimmen kann, wen sie küssen will.
Das kann er ja. Ich traue dem Humanismus des Mannes nicht. Man muss sich doch nur umgucken. Die Ehrenmorde, die Vergewaltigungen, das geht immer noch weiter. Man entschuldige mein Pathos: Es ist der zentrale Kampf unserer Zeit.

Interview: Cornelia Geißler

Zur Person

Feridun Zaimoglu, 1964 in Bolu in der Türkei geboren, kam 1965 mit seinen Eltern nach Deutschland, wo er lange in Westberlin und München wohnte. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium lebt er seit Ende der achtziger Jahre als freier Schriftsteller in Kiel. Sein Buch „Kanak Sprak“ (1995) machte ihn auf einen Schlag bekannt, es folgten Romane, Essays und Theaterstücke. 2017 kam der Luther-Roman „Evangelio“ heraus. „Die Geschichte der Frau“ ist jetzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, Köln 2019, 400 Seiten, 19,99 Euro.

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert, der am 21. März, dem ersten Tag der Messe, vergeben wird

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