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Dem Ich-Kult ausgeliefert

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Passanten auf dem Kapitolsplatz von Toulouse. Der Boden ist mit einem okzitanischen Kreuz gestaltet.
Passanten auf dem Kapitolsplatz von Toulouse. Der Boden ist mit einem okzitanischen Kreuz gestaltet. © AFP

Eine Konsequenz des Individualismus ist die Einsamkeit. Mit der Angst, die daraus folgt, ist jeder mit sich noch mehr alleine.

Von Jörg Schindler

Es gibt da eine App. Sie heißt „SAM“ und kostet nichts. Sie hilft mir, meine Ängste zu überwinden. Manchmal fordert sie mich einfach nur auf, fünf Minuten lang ruhig zu atmen, manchmal führt sie mich über Bilder zum inneren Frieden. Dann zeigt sie mir ein verschwommenes Display, das aussieht wie eine vereiste Windschutzscheibe. Auf der muss ich so lange kratzen bzw. wischen, bis darunter ein Sonnenuntergang zum Vorschein kommt. Oder eine Blume. Oder eine Hummel auf einer Blume. Die kann ich mir so lange ansehen, wie ich will – dann drücke ich „Fertig“.

Wenn es hart auf hart kommt, kann ich mit SAMs Hilfe auch akute Ängste geschwind bekämpfen. Ich muss nur ein Angstwort – sagen wir: „Spinne“ oder „Krieg“ oder „Flüchtling“ – aufschreiben. Das erscheint dann in einer Pixelwolke, die ganz langsam an mir vorbeizieht und dabei immer kleiner wird. Bis es irgendwann weg ist. Oder ich bringe es gleich zum Platzen. Dafür tippe ich das Wort in eine Sprechblase, und sobald ich diese mit dem Finger berühre, explodiert der „Flüchtling“. Im Netz äußern sich viele Menschen begeistert über SAM.

Es gibt zahllose Apps wie diese. Sie heißen „Panik Ambulanz“ oder „Panikattacke“, „Inner Balance“, „Headspace“ oder „Worry Watch“. Sie lullen ihre Nutzer ein mit Meeresrauschen, Lagerfeuerknistern und Loungemusik, sammeln unsere Sorgen in einem Angsttagebuch oder vermitteln uns im Fall des Falles einen Videochat mit dem nächsten frei werdenden Online-Doktor. Es dürfte inzwischen mehr Angst-Apps als Ängste geben.

Ihnen allen gemeinsam ist die Botschaft: Du brauchst nur dich und dein Handy für ein sorgenfreies Leben. Hilf dir, wenn dir sonst keiner hilft. SAM steht übrigens für Self-help for Anxiety Management. Selbsthilfe zur Angstüberwindung. Sinnbildlicher lässt sich nicht zeigen, dass wir mit unseren Ängsten so alleine sind wie selten zuvor. Die Apologeten des Individualismus haben auch hier ganze Arbeit geleistet.

Kollektiv und freier Geist

Die zwiespältige Entwicklung des Individualismus im 20. Jahrhundert ist oft und ausführlich beschrieben worden. Er galt – in Zeiten der Blockkonfrontation – als wirksames Gegengift zum homogenen, uniformen Menschenbild des Ostens. Dort das gedrillte Kollektiv, in dem der Einzelne nichts, die Gemeinschaft alles war. Hier der freie, wilde Geist, der sich am besten entfalten kann, wenn er von keiner Autorität gegängelt wird. Drüben Gleichheit und sonst nichts. Hüben Freiheit und sonst nichts. Und Brüderlichkeit? Ach, Brüderlichkeit.

Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus erfuhr der Individualismus jedoch eine Umwidmung, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Seit den 1980er Jahren wurde in den Staaten des Westens sukzessive jeder Lebensbereich einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen. Der sorgende Staat sollte fortan nur noch dort eingreifen und zur Kasse gebeten werden, wo es unbedingt sein musste. Alles wurde nun liberalisiert, also befreit: der Handel von seinen Schranken, der Markt von seinen Restriktionen, die Arbeit von ihrem Schutz, die Banken von ihrer Aufsicht, die Welt von ihren Grenzen, der Mensch von seiner Privatsphäre. Deregulierung hieß das für die Wirtschaft, Eigenverantwortung für den Einzelnen. Das Wörtchen „selbst“ machte steile Karriere: Selbstverwirklichung, Selbsterfahrung, Selbstversorgung, Selbstverwaltung – aber eben auch Selbstverantwortung, Selbstdisziplin, Selbsthilfe.

Anfang der 1990er Jahre hatten die Deutschen ihre Lektion gründlich gelernt. Zwei von drei antworteten nun in Umfragen nach ihrer Lebensführung, sie wollten vor allem selbstständig sein, ihre eigenen Ziele verfolgen. Nur eine Minderheit hielt es noch für wichtig, „für andere da zu sein“. Man schmiedete nun sein eigenes Glück. Oder auch nicht.

Selbstentfaltung kann anstrengend sein

Denn Selbstentfaltung ist ja nicht nur überaus reizvoll. Sie kann auch sehr anstrengend sein. Zumal gerade das neue Jahrtausend die Gelegenheiten zur individuellen Lebensführung vervielfacht hat. Für den Reiselustigen ist kein Ziel mehr unbezahl- oder unerreichbar. Für den Hochschulreifen gibt es inzwischen 18 000 Studiengänge. Für den Paarungswilligen Datenbanken, die sich wie ein digitales Daumenkino durchstöbern lassen. Für den Sozialkompatiblen täglich mehr „Freunde“, als unsere Großeltern in 80 Jahren kennenlernten. Was aber tun, wenn die Zeit – also das Leben – knapp und die wichtigste Inspirationsquelle man selbst ist? Wenn im Supermarkt der Sinnangebote jedes Produkt als Schnäppchen beworben wird? Nicht jeder weiß darauf eine überzeugende Antwort.

Mit der totalen individuellen Freiheit ist es daher eine zweischneidige Sache, wie auch Jean-Paul Fitoussi und Pierre Rosanvallon in ihrem Buch „Die neue Ära der Ungleichheit“ feststellen: Der Individualismus befördere „die Emanzipation des Individuums, das er zur Autonomie ermutigt und zum Träger von Rechten macht, und verbreitet zugleich wachsende Unsicherheit, weil er verlangt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und dem Leben einen Sinn gibt, der nicht von außen vorgeformt ist“. Die letzte Konsequenz des Individualismus ist die Einsamkeit. Mit der Angst, die draus folgt, ist jeder mit sich – und SAM – alleine.

Wie sehr Vereinzelung und Verunsicherung zusammenhängen, verdeutlicht eine psychologische Studie aus den USA, der „Minnesota Multiphasic Personality Inventory“ (MMPI). Bereits seit den 1930ern messen Wissenschaftler psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Der MMPI ist heute einer der am häufigsten angewandten Persönlichkeitstests weltweit. Vergleicht man die frühen Befunde mit aktuellen, fällt auf: Im Jahr 2007 waren Schüler und Studenten in allen Kategorien psychisch auffälliger als ihre Altersgenossen 70 Jahre zuvor. Die jungen Menschen heute waren „nicht nur narzisstischer, egozentrischer und antisozialer, sondern auch besorgter, trauriger und unzufriedener“. Was einst als seelisches Ungleichgewicht galt, war im neuen Jahrtausend „zur Norm geworden“.

Am besten erklären lässt sich das nach Ansicht des Psychologen Gerd Gigerenzer damit, dass sich in derselben Zeitspanne auch die Lebensführung und die persönlichen Ziele junger Menschen fundamental verändert hatten. War es den meisten vor sieben Jahrzehnten wichtig, ein reifer Mensch zu werden, moralische Werte zu stärken und ein sinnvolles Leben zu führen, schielten die modernen Jugendlichen vor allem darauf, den sozialen Status durch ein hohes Einkommen und gutes Aussehen zu erlangen. Der Unterschied: Für das eine bedarf es zwingend einer Gemeinschaft – im anderen Fall ist sich jeder selbst genug.

Wo Statusgewinn und Eigensicherung die herausragenden Ziele sind, kann man sich schlicht nicht mehr auf andere verlassen. Das Einzige, das man dann noch miteinander gemein hat, ist die Angst. Die Angst, abgehängt zu werden, das Nachsehen zu haben, Letzter zu sein. Bereits im Dezember 2011 legte ein Team um den Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer unter dem Titel „Deutsche Zustände“ die Ergebnisse einer zehnjährigen Forschungsarbeit vor, die belegte, dass der soziale Zusammenhalt rapide schwindet. Das Abgleiten immer größerer Teile der Gesellschaft, politische Machtlosigkeit, Konkurrenz- und Leistungsdruck, Vereinzelung und Ungleichheit: All das habe die Menschen zutiefst verunsichert. 90 Prozent fürchteten sozialen Abstieg und Armut.

Früher oder später könne sich die Ablehnung, die daraus entstehe, gegen „die da oben“ richten, befand Heitmeyer. „Aber leichter und individuell risikoloser ist es, solche Reaktionen gegen Schwache zu wenden, in Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.“ Als er von einer „explosiven Situation als Dauerzustand“ sprach, bezichtigten ihn Medien und Politik, zu übertreiben. Ein fast schon verstörendes Desinteresse der Zuständigen an sozialer Abstiegsangst beklagte daraufhin Heitmeyer. Vermutlich werde sich daran auch nichts ändern, solange die Ängstlichen und Wütenden den politischen Betrieb nicht störten. Vier Jahre später war es dann so weit: In etlichen deutschen Städten gingen plötzlich Tausende auf die Straße, um gegen das „Schweinesystem“ und die „Lügenpresse“ aufzubegehren. Und mit der „Alternative für Deutschland“ stand eine Partei bereit, die Störer zu sammeln.

Aus Misstrauen war Angst geworden. Und aus Angst Wut. Überraschend ist daran allenfalls die Überraschung der Zuständigen. Das Misstrauen zwischen den Menschen wächst vor allem dort, wo Gesellschaften ökonomisch auseinanderdriften und sich nach Gewinnern und Verlierern sortieren.

Dabei ist Vertrauen eine Grundbedingung, um Angst zu überwinden. Das zeigt ein Experiment mit Menschenaffen, über das der Hirnforscher Gerald Hüther berichtet: Um ein neues Medikament zu testen, das gegen Angst und Stress helfen soll, setzten Wissenschaftler einen Affen in einen Käfig und ließen einen scharfen, knurrenden Hund um die Gitterstäbe laufen. Der Affe zeigte wie erwartet eine starke Angstreaktion. Anschließend verabreichten die Forscher einem zweiten Affen ihr neues Präparat und setzten ihn zu dem ersten in den Käfig. Als nun wieder der Hund losgelassen wurde, zeigte der zweite Affe keinerlei Stressreaktion. „Die Pille wirkt also, dachten die Forscher, aber nur bis sie auch den Stresshormonspiegel desjenigen Affen anschauten, der zuerst im Käfig gesessen und keine Beruhigungspille bekommen hatte. Bei dem war nämlich auch keine Stressreaktion mehr messbar.“ Als die Wissenschaftler das Experiment variierten, stellten sie fest: Wann immer die Affen gemeinsam im Käfig saßen, blieben sie gelassen – gleich, ob sie eine Pille bekommen hatten oder nicht. Entscheidend war , dass die Affen sich kannten und vertrauten. Es bedarf also mehr als eines einzelnen Primaten, um dem alten Affen Angst die Stirn zu bieten.

Der Ich-Kult dagegen, dem wir alle uns ausgeliefert haben, lässt immer weniger Raum, um gemeinsam das wachsende Unbehagen anzugehen. „Unterm Strich zähl’ ich“, hat man uns gesagt. Und: „Mach’ dein Ding!“ Wir müssen es schon selbst richten. Also stählen wir uns und unseren Körper, stülpen eine Sicherheitsglocke über unsere Kinder, bauen unser Haus zur Festung aus, bewaffnen uns und beruhigen uns, wenn es nottut, mit einer Anti-Angst-App. Wenn das alles nicht hilft, schämen wir uns, weil wir glauben, nicht genug getan zu haben. Und suchen nach einem Sündenbock, irgendeinem, auch wenn es der falsche ist. Dann brennen eben Flüchtlingsheime.

Wir haben unsere Sorgen und Nöte privatisiert, privatisieren lassen. Und machen uns kaum noch die Mühe, hinter unsere Ängste zu blicken. Dabei sind „die vielen Panikattacken, die unsere Gesundheit, unsere Ernährung, unsere Umwelt betreffen (…) ohne Zweifel Symptome eines tieferliegenden Missstandes. Offensichtlich belegen solche Reaktionen ein großes Misstrauen gegenüber Autoritäten“, sagt der britische Soziologe Frank Furedi. Vor allem gegenüber dem Staat. Dessen traditionelle Aufgabe war es stets, Angst zu nehmen und nicht zu machen. Heute dagegen verspricht er Sicherheit – zumeist trügerische – nur noch in den Kategorien der Sicherheitsindustrie und in der Logik der Geheimdienste. Also dann, wenn ein äußerer oder vermeintlicher Feind zu bekämpfen ist. Mit allem anderen lässt er seine Bürger weitgehend allein.

Die Alleingelassenen revanchieren sich, indem sie zunehmend jene Institutionen ablehnen, denen sie einstmals ihr Schicksal anvertrauten. Wo man auch hinschaut, erleben wir in diesen Tagen eine dramatische Erosion des Vertrauens: in die Politik, in die Wirtschaft, in die Wissenschaft, in die Medien. Auch der Kirche schenkt der „besorgte Bürger“ keinen Glauben mehr, für sie und all die anderen Institutionen hat er das Wort vom Lügenkartell gefunden.

Eingemauert von Krisen, Ängsten und Misstrauen bastelt er sich zunehmend seine eigene Weltanschauung. Eine, mit der er glaubt, Verständnisschneisen ins undurchdringliche Dickicht seines Lebens schlagen zu können. Und die verführerisch einfache Antworten auf eine immer chaotischere Welt bereithält.

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